Wenn aus einer Umfrage plötzlich eine Volksbewegung für Angela Merkel gebastelt wird
„Merkel-Comeback: Das Volk will sie als Bundespräsidentin.“
Na, dann wäre das ja geklärt. Deutschland hat gesprochen. Das Volk erhebt sich, verlangt nach Angela Merkel und kann offenbar kaum erwarten, die ehemalige Kanzlerin endlich im Schloss Bellevue begrüßen zu dürfen.
Nur eine kleine, lästige Frage stört diese wunderschöne Geschichte:
Welches „Volk“ eigentlich?
Niemand erwartet ernsthaft, dass für eine Meinungsumfrage 60 Millionen Wahlberechtigte angerufen werden. Selbstverständlich arbeitet seriöse Demoskopie mit Stichproben.
Aber genau deshalb ist die entscheidende Frage nicht, wie viele Menschen befragt wurden.
Die entscheidende Frage lautet:
WER wurde befragt?
Denn 1.000 Befragte können Deutschland erstaunlich gut repräsentieren.
Oder überhaupt nicht.
Befrage ich 1.000 Menschen vor einem CDU-Parteitag, bekomme ich vermutlich ein anderes Ergebnis als bei 1.000 Besuchern eines AfD-Parteitages.
Befrage ich 1.000 Menschen in bestimmten Alters-, Bildungs- oder Einkommensgruppen, kann sich das Ergebnis erheblich verschieben.
Und wenn ich anschließend gewichte, korrigiere und hochrechne, muss für den Leser nachvollziehbar sein, wie aus diesen Menschen angeblich Deutschland geworden ist.
Das ist der Punkt.
Fast jeder Zweite will Merkel? Wirklich?
Bei Angela Merkel reden wir schließlich nicht über irgendeine weitgehend unpolitische Persönlichkeit.
Wir reden über eine Bundeskanzlerin, deren 16 Regierungsjahre Deutschland bis heute politisch spalten.
Migration 2015, Atomausstieg, Eurokrise, Energiepolitik, Russlandpolitik, Bundeswehr, CDU-Kurs: Man kann Merkels Entscheidungen richtig oder falsch finden. Aber so zu tun, als sei diese Frau heute eine Art überparteiliche Nationalheilige, nach der sich plötzlich „das Volk“ zurücksehnt, ist geradezu grotesk.
Und dann sollen fast 50 Prozent der Bevölkerung ausgerechnet Angela Merkel als geeignete Bundespräsidentin ansehen?
Das darf man selbstverständlich veröffentlichen.
Aber dann bitte Butter bei die Fische.
Wie viele AfD-Wähler waren in der Stichprobe?
Wie viele CDU/CSU-Wähler?
Wie viele SPD- und Grünen-Wähler?
Wie viele Nichtwähler?
Wie sieht die Verteilung nach Ost und West aus?
Wie nach Alter, Geschlecht, Bildung und Einkommen?
Wie wurden die Teilnehmer ausgewählt?
Wie wurden die Ergebnisse gewichtet?
Und vor allem:
Wie lautete die Frage Wort für Wort?
Denn das ist keineswegs nebensächlich.
„Könnten Sie sich Angela Merkel grundsätzlich als Bundespräsidentin vorstellen?“ ist etwas vollkommen anderes als:
„Wünschen Sie sich Angela Merkel als nächste Bundespräsidentin?“
Und noch einmal etwas anderes wäre:
„Wen würden Sie persönlich zum Bundespräsidenten wählen, wenn Sie unmittelbar darüber abstimmen könnten?“
Drei Fragen. Drei völlig unterschiedliche Bedeutungen.
Und aus irgendeiner davon wird anschließend:
„DAS VOLK WILL SIE“
Das ist keine nüchterne Wiedergabe eines Umfrageergebnisses mehr. Das ist Framing mit dem Vorschlaghammer.
Zeigt uns die Rohdaten!
Wer eine derart spektakuläre Behauptung veröffentlicht, sollte nicht beleidigt sein, wenn Leser genauer hinsehen wollen.
Im Gegenteil.
Dann veröffentlicht die vollständige Methodik.
- Zeigt die Zusammensetzung der Stichprobe.
- Zeigt die Parteipräferenzen.
- Zeigt die Altersstruktur.
- Zeigt die regionale Verteilung.
- Zeigt die Gewichtungsfaktoren.
- Zeigt die exakte Fragestellung.
- Und veröffentlicht möglichst die Kreuztabellen.
Denn erst dann kann man beurteilen, ob hier tatsächlich ein belastbarer Querschnitt der Bevölkerung abgebildet wurde oder ob aus einer bestimmten Stichprobe eine hübsche Schlagzeile herausdestilliert wurde.
Vertrauen entsteht nicht dadurch, dass Journalisten dem Publikum erklären, es müsse einer Zahl gefälligst glauben. Vertrauen entsteht durch Nachprüfbarkeit.
Und gerade bei Merkel ist Skepsis völlig legitim
Natürlich kann Angela Merkel weiterhin sehr viele Anhänger haben.
Natürlich können auch Menschen außerhalb der Union sie für präsidial halten.
Aber bei einer Politikerin, die derart stark polarisiert, ist ein Ergebnis von annähernd 50 Prozent politisch so bemerkenswert, dass die Zusammensetzung der Befragten geradezu nach einer genaueren Betrachtung schreit.
Insbesondere wäre interessant, wie sich das Ergebnis mit den Parteipräferenzen verträgt.
Denn sollte beispielsweise unter AfD-Wählern eine massive Ablehnung bestehen, müssten andere Wählergruppen entsprechend deutlich über 50 Prozent liegen, damit insgesamt ein Wert von annähernd 50 Prozent herauskommt.
Dann zeigt uns genau diese Zahlen.
Das wäre sogar journalistisch hochinteressant.
Stattdessen bekommt der Leser die maximal aufgeblasene Botschaft serviert:
„Das Volk will sie.“
Nein.
Eine Stichprobe hat auf eine bestimmte Frage ein bestimmtes Ergebnis produziert.
Ob diese Stichprobe die Bevölkerung tatsächlich angemessen repräsentiert, lässt sich nur beurteilen, wenn ihre Zusammensetzung und die Methodik transparent sind.
Alles andere verlangt vom Leser Glauben statt Kontrolle.
Aus Demoskopie wird Politik
Und genau hier wird es problematisch.
Umfragen bilden öffentliche Meinung nämlich nicht nur ab. Durch ihre mediale Präsentation können sie selbst öffentliche Meinung beeinflussen.
Wenn Menschen ständig lesen:
„Die Deutschen wollen …“
„Die Mehrheit fordert …“
„Das Volk wünscht sich …“
entsteht der Eindruck eines gesellschaftlichen Konsenses.
Menschen, die völlig anderer Meinung sind, beginnen sich zu fragen, ob sie inzwischen zu einer kleinen Minderheit gehören.
Das ist der berühmte Mehrheits- beziehungsweise Bandwagon-Effekt, über dessen Stärke die Forschung zwar diskutiert, dessen politische Bedeutung aber keineswegs einfach vom Tisch gewischt werden kann.
Deshalb tragen Medien bei der Präsentation von Umfragen eine besondere Verantwortung.
Und gerade deshalb ist die Formulierung „Das Volk will sie“ so daneben.
Vielleicht will „das Volk“ Merkel. Vielleicht auch nicht.
Das lässt sich aus einer Schlagzeile jedenfalls nicht feststellen.
Vielleicht ist die Erhebung methodisch hervorragend und das Ergebnis vollkommen belastbar.
Dann gibt es überhaupt keinen Grund, die Details nicht prominent offenzulegen.
Vielleicht ergibt die Aufschlüsselung sogar, dass Merkel bei SPD-, Grünen- und Unionswählern außergewöhnlich hohe Zustimmungswerte erzielt und deshalb insgesamt auf diesen Wert kommt.
Dann zeigt es.
Vielleicht sieht die Stichprobe aber ganz anders aus.
Dann zeigt auch das.
Genau darum geht es.
Nicht um die Behauptung, jede Umfrage sei manipuliert.
Sondern um die Forderung:
Wer behauptet „Das Volk will sie“, soll gefälligst zeigen, wie er „das Volk“ gemessen hat.
Denn Demokratie besteht nicht darin, dass irgendein Institut 1.000 Menschen befragt und eine Redaktion anschließend 84 Millionen Deutschen erklärt, was sie angeblich wollen.
Eine Umfrage ist eine Umfrage.
Eine Hochrechnung ist eine Hochrechnung.
Eine journalistische Interpretation ist eine journalistische Interpretation.
Und „Das Volk will Merkel“ ist vor allem eines:
eine verdammt große Behauptung für eine verdammt kleine Stichprobe.
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