Ein kritischer Kommentar

„Gegen ihre Hetze. Für unsere Leute.“
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So steht es auf Ferat Koçaks Wahlplakat.
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Ein eingängiger Spruch, der Zusammenhalt versprechen soll. Nach den veröffentlichten Nachrichten an Firas Remmo bekommt er allerdings einen politischen Beigeschmack, den keine empörte Presseerklärung einfach wegwischen kann.
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„Bruder hilf mir mal, das hier zu verbreiten“, schrieb der Linken-Bundestagsabgeordnete laut veröffentlichtem Chat. Hinzu kamen respektvolle Grüße an den Vater, Issa Remmo.
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Es ging um die Verbreitung einer Bundestagsrede, in der Koçak den Begriff Clankriminalität kritisierte. Das ist konkreter als irgendein flüchtiges Foto zwischen zwei Wahlkampfständen.
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Hier bat ein Abgeordneter aktiv um Unterstützung für seine politische Botschaft.
Wer politische Reichweite sucht, muss sich fragen lassen, bei wem er sie sucht.
Natürlich beweist das Wort „Bruder“ für sich genommen weder eine enge Freundschaft noch eine strafbare Verbindung. Auch der Familienname eines Menschen ist kein Schuldnachweis. Aber diese Selbstverständlichkeiten beantworten die entscheidende Frage nicht: Warum wurde dieser Kontakt zur Verbreitung einer politischen Botschaft genutzt?
Koçak erklärt, zunächst nicht gewusst zu haben, mit wem er kommunizierte. Nach eigener Darstellung erfuhr er es jedoch kurz darauf und schrieb trotzdem weiter. Genau darin liegt der Punkt, an dem die Erklärung mit der anfänglichen Unkenntnis ihre entlastende Wirkung verliert. Er hat den fortgesetzten Austausch inzwischen selbst als Fehler bezeichnet und lässt seine Parlamentsfunktionen vorerst ruhen.
Das ist eine Konsequenz. Eine vollständige Aufklärung ist es noch nicht.
Auch Issa Remmos Auftritt auf der Wahlparty der Neuköllner Linken gehört in diesen Zusammenhang. Nach Darstellung der Partei war er nicht eingeladen und wurde hinausbegleitet. Das muss zur Geschichte dazugehören. Ebenso gehört dazu, dass der öffentlich gewordene Chat mit seinem Sohn eine zusätzliche Frage aufwirft, die mit der Gästeliste allein nicht beantwortet ist: Welche politische Nähe wurde hier gesucht, zugelassen oder zumindest nach außen vermittelt?
Und bitte nicht wieder die politische Entlastungsübung: Bei anderen Parteien gab es schließlich auch Begegnungen mit Remmos.
Dann sollen diese Parteien ihre Begegnungen erklären. Ein fragwürdiger Kontakt wird nicht besser, weil jemand anders ebenfalls Erklärungsbedarf hat. Politische Verantwortung funktioniert nicht wie ein Rabattheft: fünf fremde Fehltritte sammeln, den eigenen kostenlos bekommen.
Besonders aufschlussreich ist die Reaktion aus Teilen der Linken. Nach einem BILD-Bericht beklagte der Stuttgarter Kreisverband eine „rassistische Kampagne“ und „rassistische Doppelmoral“ gegen Koçak. Dabei wandte er sich gegen dessen Darstellung als „Clankrimineller“. Eine unbelegte Kriminalisierung darf man zurückweisen. Daraus folgt aber kein Schutzschild gegen berechtigte Fragen nach seinem eigenen Verhalten.
Wie bequem wäre es sonst: Der Abgeordnete schreibt, die Öffentlichkeit fragt – und am Ende sollen sich vor allem die Fragenden rechtfertigen.
Antirassismus darf kein politischer Freibrief sein.
Wer einen Mandatsträger wegen dokumentierter Kontakte kritisiert, kritisiert zunächst dessen Entscheidungen. Herkunft und Abstammung beantworten diese Kritik ebenso wenig wie das demonstrative Bekenntnis zur richtigen Gesinnung. Moralische Selbstgewissheit ersetzt keine politische Sorgfalt.
Gerade in der Innenpolitik ist diese Unterscheidung entscheidend. Prävention und Sozialarbeit können sinnvoll sein. Polizeiliches Handeln muss kontrolliert werden. Aber eine Politik, die beim staatlichen Durchgreifen jedes Risiko erkennt, bei demonstrativer Nähe zu einem problematischen Umfeld dagegen erstaunlich sorglos wirkt, muss sich den Vorwurf verschobener Maßstäbe gefallen lassen.
Dazu passen die nun diskutierten parlamentarischen Anfragen Koçaks. Der Tagesspiegel berichtet, dass er detailliert nach Einsatzorten, Zeiten, Polizeieinheiten und Bewaffnung fragte. Solche Anfragen sind zunächst parlamentarische Kontrolle; ein Missbrauch oder eine Weitergabe an Kriminelle ist damit nicht bewiesen. Im Licht des Chats ist jedoch eine nachvollziehbare Erklärung seiner politischen Zielsetzung umso notwendiger.

Pauschal zu behaupten, sämtliche etablierten Parteien spielten den Fall herunter, wäre allerdings zu bequem. CDU-Politiker und führende Grüne übten deutliche Kritik; Katharina Dröge empfahl sogar einen Fraktionsausschluss. Auch innerhalb der Linken gab es Widerspruch. Gerade deshalb lässt sich die Affäre nicht glaubwürdig als bloße rechte Erfindung abtun.
Die entscheidende Bewährungsprobe kommt jetzt: Bleibt es bei empörten Erklärungen und einer vorübergehenden Auszeit? Oder werden Kontakte, zeitliche Abläufe und Verantwortlichkeiten tatsächlich offengelegt?
Wer einen Linksruck befürchtet, sollte genau an diesem Maßstab ansetzen: Werden problematische Verhaltensweisen politisch normalisiert, sobald die Beteiligten unter dem richtigen Banner auftreten? Wird linke Radikalität milder beurteilt, weil sie sich selbst als moralisch überlegen versteht?
Demokratiefeindlichkeit wird nicht dadurch harmlos, dass sie sich links nennt. Einschüchterung, Gewaltverherrlichung und die Verachtung gleicher Regeln verdienen keine Nachsicht aufgrund politischer Etiketten. Der konkrete Fall Koçak muss anhand der belegten Vorgänge beurteilt werden. Der Anspruch dahinter reicht weiter: Niemand darf sich selbst zum Demokratieverteidiger ernennen und daraus einen Anspruch auf geringere Kontrolle ableiten.
„Für unsere Leute“ kann ein solidarisches Versprechen sein. Ein Abgeordneter muss aber deutlich machen, dass persönliche Kontakte keine Sonderstellung schaffen.
Der Rechtsstaat ist für alle da. Er kennt keine „Brüder“, für die andere Maßstäbe gelten.
Quellen
- t-online, 22.09.2026: „Wegen Chat mit Remmo-Sohn: Kritik an Neuköllner Politiker“.
- ZDFheute, 22.09.2026: „Chat mit Sohn von Clanchef Remmo: Koçak zieht sich zurück“.
- BILD, 25.09.2026: Bericht über den Kampagnenvorwurf des Stuttgarter Linken-Kreisverbands.
- Der Tagesspiegel, 25.09.2026: Bericht über Koçaks Kontakte und parlamentarische Anfragen.
- WELT/dpa, 22.09.2026: Berichte über Kritik aus CDU, Grünen und Linkspartei.
- Bereitgestellter Bildausschnitt des Wahlplakats.
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