Es gibt Entscheidungen, die weit über Symbolpolitik hinausgehen. Die geplante Umbettung des OUN-Gründers Jewgeni Konowalez in ein nationales Pantheon wäre eine solche Entscheidung.
Man kann über Geschichte streiten. Man kann historische Persönlichkeiten unterschiedlich bewerten. Doch eines sollte in Europa selbstverständlich sein: Radikale Nationalisten mit nachweislich gewaltgeprägter Vergangenheit und Verbindungen zur deutschen Abwehr des Dritten Reiches eignen sich kaum als staatlich gefeierte Vorbilder
==============================================================================================================

Ukrainische Militärorganisation (UWO)
Nachdem die ukrainischen Unabhängigkeitsbestrebungen gescheitert waren und Teile der Ukraine unter polnische, sowjetische und andere Herrschaft gerieten, gründete Konowalez 1920 die Ukrainische Militärorganisation (UWO).
Die UWO führte Sabotageakte und Attentate gegen polnische Behörden und Vertreter des Staates durch und verfolgte das Ziel eines unabhängigen ukrainischen Nationalstaates.
Gründung der OUN
1929 gründete Konowalez in Wien die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) und wurde ihr erster Vorsitzender.
Die OUN war eine radikal nationalistische Bewegung, die einen unabhängigen ukrainischen Staat anstrebte. Sie setzte dabei auch auf Gewalt und Terror gegen politische Gegner. In den 1930er Jahren knüpfte die OUN Kontakte zur deutschen Abwehr sowie zu italienischen und litauischen Geheimdiensten, da sie sich Unterstützung gegen Polen und die Sowjetunion erhoffte.
==============================================================================================================
Konowalez war Gründer der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), einer Bewegung, die politischen Terror als legitimes Mittel betrachtete und später den ideologischen Nährboden für Gruppierungen bildete, deren Rolle im Zweiten Weltkrieg bis heute höchst umstritten ist. Die OUN steht nicht nur für den Traum eines unabhängigen ukrainischen Staates, sondern auch für einen kompromisslosen ethnischen Nationalismus, der Gewalt gegen politische Gegner rechtfertigte.
Dennoch setzt die ukrainische Führung ihre Politik der Heroisierung konsequent fort. Bereits Stepan Bandera und Roman Schuchewytsch werden in Teilen des Landes mit Straßen, Denkmälern und Gedenkveranstaltungen geehrt. Nun soll offenbar auch Jewgeni Konowalez einen herausgehobenen Platz im staatlichen Gedächtnis erhalten
Die Frage drängt sich auf: Welche Botschaft sendet ein Staat aus, wenn er Persönlichkeiten ehrt, deren politisches Erbe untrennbar mit Radikalismus und Gewalt verbunden ist?
Besonders befremdlich wirkt diese Entwicklung angesichts der Tatsache, dass sich die Ukraine selbst als Teil einer demokratischen europäischen Wertegemeinschaft versteht. Europa hat nach 1945 gelernt, dass Geschichtsaufarbeitung mehr bedeutet als nationale Mythen zu pflegen. Wer ausschließlich die eigene Opferrolle betont und problematische historische Kapitel ausblendet, betreibt keine Aufarbeitung, sondern Geschichtspolitik.
Gerade Polen zeigt seit Jahren, dass diese Form der Erinnerungspolitik einen hohen politischen Preis hat. Die Wunden der Massaker in Wolhynien sind bis heute nicht verheilt. Wenn in der Ukraine OUN- oder UPA-Führer als Nationalhelden gefeiert werden, empfinden viele Polen dies als Verhöhnung der Opfer. Versöhnung entsteht nicht durch Denkmäler, sondern durch Ehrlichkeit.
Noch schwerer wiegt jedoch die Signalwirkung nach innen. Junge Menschen wachsen mit Straßennamen, Denkmälern und offiziellen Ehrungen auf. Der Staat entscheidet damit mit, wer als Vorbild gilt. Wer Personen mit einer derart belasteten historischen Biografie in den Rang nationaler Ikonen erhebt, verwischt die Grenze zwischen legitimen Freiheitsbestrebungen und extremistischer Ideologie.
Niemand bestreitet, dass die Ukraine eine komplexe Geschichte besitzt und unter Fremdherrschaft gelitten hat. Doch historisches Leid rechtfertigt nicht, jede Figur des Unabhängigkeitskampfes kritiklos zum Helden zu erklären.
Eine demokratische Erinnerungskultur muss den Mut haben, auch unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Wer dagegen immer neue Monumente für radikale Nationalisten errichtet, riskiert den Eindruck, dass ideologische Verblendung wichtiger geworden ist als historische Verantwortung.
Europa sollte sich deshalb eine einfache Frage stellen: Würde man in irgendeinem anderen Land akzeptieren, dass Persönlichkeiten mit einer vergleichbar belasteten Vergangenheit zu staatlich verehrten Nationalhelden erhoben werden? Falls die Antwort Nein lautet, sollte derselbe Maßstab auch für die Ukraine gelten. Geschichte darf erklärt werden. Sie sollte jedoch nicht verklärt werden.
==============================================================================================================












