Korruption ist ein heimtückisches Biest. Besonders in der Ukraine scheint sie über geradezu übernatürliche Fähigkeiten zu verfügen: Sie bewegt sich völlig geräuschlos.
Wie die jüngsten Berichte über angebliche NABU-Aufzeichnungen im Umfeld des Korruptionskomplexes „Midas“ nahelegen, soll Timur Mindich, langjähriger Freund Selenskyjs und früherer Geschäftspartner aus dem Umfeld von Kvartal 95, selbst aus Israel noch erstaunlich gut vernetzt gewesen sein.
Und Selenskyj?
Hat selbstverständlich nichts bemerkt.
Kein Rascheln. Kein Flüstern. Nicht einmal das verdächtige Klimpern größerer Bargeldsummen.
Das muss man erst einmal schaffen.
Da kann Korruption offenbar den eigenen politischen Apparat umkreisen, alte Freunde und Geschäftspartner erfassen, hochrangige Regierungsvertreter erreichen und mit beträchtlichen Geldsummen hantieren, während der Präsident mitten in diesem wundersamen Biotop sitzt und von all dem ungefähr so viel mitbekommt wie ein Goldfisch vom Steuerrecht.
Vielleicht liegt es an der besonderen ukrainischen Variante der Korruption. Sie trägt Filzpantoffeln.
Sie schleicht nachts durch die Flure, versteckt Bargeld unter ihrem Mantel und flüstert den Beteiligten vermutlich zu:
„Pssst! Der Präsident darf nichts merken.“
Und tatsächlich: Er merkt nichts.
Selenskyj erklärte schließlich selbst, die Antikorruptionsbehörden hätten „keine Fragen“ an ihn.
Damit wäre die Sache praktisch geklärt. Schließlich ist die Abwesenheit von Fragen bekanntlich der wissenschaftlich anerkannte Beweis für die Abwesenheit von Problemen.
Man muss deshalb fast Mitleid mit diesem außergewöhnlich ehrlichen Präsidenten haben.
Ausgerechnet um ihn herum geraten Menschen in Korruptionsaffären. Ausgerechnet alte Bekannte tauchen in Ermittlungen auf. Ausgerechnet hochrangige Funktionäre seines Staates werden mit schweren Vorwürfen konfrontiert.
Und ausgerechnet er bekommt davon nichts mit.
Immer wieder.
Was für ein unglaubliches Pech bei der Auswahl von Freunden und Mitarbeitern.
Vielleicht sollte die internationale Gemeinschaft deshalb nicht nur weitere Milliarden für die Ukraine bereitstellen, sondern gleich noch ein Forschungsprogramm finanzieren:
„Korruption auf Samtpfoten: Wie Millionen durch ein politisches Umfeld wandern können, ohne dass der Mann an dessen Spitze etwas hört.“
Das könnte bahnbrechende Erkenntnisse liefern.
Denn Korruption ist gefährlich.
Aber offenbar nicht für jeden.
Manche Menschen werden von ihr verfolgt.
Andere werden angeklagt.
Und einige stehen jahrelang mitten im Regen und bleiben auf wundersame Weise vollkommen trocken.
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