Bei jedem Verbrechen gehört eine uralte Frage zum Handwerkszeug der Ermittler: Cui bono? Wem nützt es?
Beim rätselhaften Drohnenfall am Flughafen Leipzig/Halle scheint diese Frage erstaunlich wenig Begeisterung auszulösen. Stattdessen sickert aus „Sicherheitskreisen“ bereits die offenbar gewünschte Richtung durch: Russland könnte dahinterstecken.
Kann sein. Aber wo sind die Beweise?
Bislang hat die Bundesanwaltschaft öffentlich keinen Täter und keinen Auftraggeber benannt. Trotzdem entwickelt sich bereits eine politische Erzählung vom russischen „hybriden Angriff“.
Dabei wirft der Fall Fragen auf, die dringend beantwortet werden müssen.
Ein Anschlag, der merkwürdig folgenlos blieb
Am 4. August wird eine mit professionellem Sprengstoff und Zünder präparierte Drohne auf dem Flughafen gefunden, in unmittelbarer Nähe ukrainischer Antonow-Frachtmaschinen. Eine dieser Maschinen hatte nach Medienberichten zuvor Munition transportiert.
Allein das ist bemerkenswert: Militärische beziehungsweise für militärische Logistik eingesetzte Frachtflugzeuge und Munitionstransporte werden über einen deutschen Zivilflughafen abgewickelt. Urlauber, ziviler Luftverkehr und militärische Logistik treffen damit auf derselben Infrastruktur zusammen.
Dann taucht die Sprengstoffdrohne auf.
Sie explodiert nicht. Das mögliche Ziel wird nicht getroffen. Und Deutschland diskutiert anschließend über russische Sabotage.
Und plötzlich gibt es noch eine Drohne
Noch merkwürdiger wird die Geschichte dadurch, dass am 14. August bei Kabelsketal eine weitere Drohne gefunden wurde. An ihr beziehungsweise in ihrer Umgebung sollen sich nach Medienberichten Rückstände von etwa 50 Gramm Hexogen befunden haben.
Auch hier keine Explosion.
Auch hier zunächst keine öffentliche Erklärung.
Und erst Tage später erfährt die Öffentlichkeit davon.
Warum?
Wie lange lag das Fluggerät dort? Wie wurde es gefunden? Welche Flugroute lässt sich rekonstruieren? Welche Bauteile wurden verwendet? Woher stammen Sprengstoff, Elektronik und Zünder? Gibt es DNA, Fingerabdrücke, Funkdaten oder Mobilfunkspuren?
Das wären interessantere Fragen als die reflexartige Suche nach dem nächsten russischen Geheimdienst.
Leipzig/Halle: Was zum Teufel passiert auf unserem Flughafen?
Und was wurde eigentlich aus dem Busfahrer?
Auch die Geschichte des Flughafenmitarbeiters beziehungsweise Busfahrers, der die erste Drohne entdeckt haben soll, verdient Aufmerksamkeit.
Ein Mann verhindert möglicherweise eine Katastrophe auf einem deutschen Großflughafen, und anschließend verschwindet er praktisch aus der öffentlichen Wahrnehmung.
Wo sind die großen Interviews? Wo die Rekonstruktion des Ablaufs? Wo die minutiöse Darstellung dessen, was dieser Mann gesehen und getan hat?
Bei einem angeblich derart bedeutenden hybriden Angriff wäre gerade dieser unmittelbare Zeuge journalistisch Gold wert.
Stattdessen diskutiert man lieber über Moskau.
Cui bono?
Und damit kommen wir zur entscheidenden Frage.
Welches strategische Interesse hätte Russland daran, einen Anschlag auf deutschem Boden zu verüben?
Ein erfolgreicher Anschlag mit Toten auf einem deutschen Zivilflughafen könnte eine massive politische und militärische Eskalation auslösen. Russland würde damit riskieren, die deutsche Bevölkerung stärker hinter Waffenlieferungen an die Ukraine zu versammeln, zusätzliche Sanktionen zu provozieren und die NATO enger zusammenzuschweißen.
Unmöglich?
Nein.
Geheimdienste tun bisweilen Dinge, die von außen irrational erscheinen. Gerade deshalb muss auch eine russische Täterschaft untersucht werden.
Aber alternativlos ist diese Hypothese keineswegs.
Denn auch die Ukraine hätte ein denkbares strategisches Motiv für eine Verschärfung des deutsch-russischen Konflikts: Je stärker Russland in Deutschland als unmittelbare Bedrohung wahrgenommen wird, desto leichter lassen sich Waffenlieferungen, Milliardenhilfen und weitere militärische Unterstützung politisch rechtfertigen.
Das beweist keine ukrainische Täterschaft.
Aber es macht sie zu einer Hypothese, die genauso geprüft werden muss.
Nord Stream sollte eigentlich zur Vorsicht mahnen
Gerade Deutschland müsste inzwischen gelernt haben, wie gefährlich vorschnelle Schuldzuweisungen sind.
Bei der Sprengung der Nord-Stream-Pipelines führen die Ermittlungen seit Langem zu ukrainischen Verdächtigen. Daraus folgt zwar nicht automatisch, dass die ukrainische Regierung den Anschlag angeordnet hat. Aber die Geschichte zeigt eindrucksvoll, dass Sabotage im Umfeld dieses Krieges keineswegs nur in eine Richtung gedacht werden darf.
Wer daraus nichts gelernt hat, will offenbar nichts lernen.
Merz droht schon, bevor die Öffentlichkeit die Beweise kennt
Besonders bemerkenswert ist deshalb Friedrich Merz.
Der Bundeskanzler verkündet:
„Die Bundesregierung erlegt Urhebern einen Preis auf – sie werden dafür bezahlen.“
Gegen erwiesene Täter wäre dagegen überhaupt nichts einzuwenden.
Nur wäre die richtige Reihenfolge eigentlich:
ermitteln – Beweise sichern – Täter identifizieren – Beweise veröffentlichen – Konsequenzen ziehen.
Nicht:
Verdacht streuen – Russland raunen – Konsequenzen ankündigen – Beweise später nachreichen.
Wir reden schließlich nicht über einen zerstochenen Reifen auf einem Supermarktparkplatz, sondern über einen möglichen staatlich gesteuerten Anschlag mit militärischem Sprengstoff auf deutschem Boden.

Die ukrainische Spur darf kein politisches Tabu sein
Es wäre unseriös, heute zu behaupten, die Ukraine sei als Täter überführt.
Aber genauso unseriös wäre es, eine ukrainische oder pro-ukrainische Operation gar nicht ernsthaft in Betracht zu ziehen, nur weil sie politisch unbequem wäre.
Deshalb muss öffentlich geklärt werden:
Wer hat von diesem Vorfall strategisch profitiert? Wo wurden die Drohnen beschafft? Woher stammt der Sprengstoff? Wer hatte Kenntnisse über die ukrainischen Frachtmaschinen und deren Flugbewegungen? Von wo wurden die Drohnen gestartet oder gesteuert? Und welche konkreten Beweise führen die Sicherheitsbehörden tatsächlich nach Russland?
„Sicherheitskreise vermuten“ ist kein Beweis.
Bei einer Angelegenheit, die Deutschland schlimmstenfalls tiefer in einen Krieg hineinziehen könnte, haben Bürger Anspruch auf mehr als anonyme Andeutungen.
Vielleicht war es Russland.
Vielleicht waren es ukrainische oder pro-ukrainische Akteure.
Vielleicht steckt etwas völlig anderes dahinter.
Genau dafür gibt es Ermittlungen.
Cui bono ersetzt keinen Beweis. Aber wer nicht einmal mehr fragt, wem eine Tat nutzt, betreibt keine Aufklärung, sondern sucht nur noch Belege für eine bereits feststehende Geschichte.
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