Mit der Ernennung von Mychailo Drapatyi zum Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte hat Präsident Wolodymyr Selenskyj eine Personalentscheidung getroffen, die weit über militärische Fragen hinausreicht. Während Kiew Drapatyi als erfahrenen Frontoffizier präsentiert, wird er von russischer Seite seit Jahren schwer belastet.
Russische Ermittlungsbehörden werfen Drapatyi unter anderem vor, während seiner Kommandotätigkeit im Donbass Angriffe auf zivile Ziele verantwortet zu haben. Russland führt ihn deshalb auf einer Fahndungsliste. Die Ukraine weist diese Vorwürfe zurück. Eine unabhängige internationale gerichtliche Feststellung dieser Anschuldigungen liegt bislang nicht vor.
Besonders umstritten sind die Ereignisse vom 9. Mai 2014 in Mariupol. Videos zeigen ukrainische gepanzerte Fahrzeuge beim Durchbrechen von Barrikaden. Über die Verantwortung für die damaligen Todesopfer und den konkreten Ablauf bestehen bis heute völlig gegensätzliche Darstellungen. Russische Stellen sehen Drapatyi in der Verantwortung, während ukrainische Darstellungen den Einsatz als Teil der Rückeroberung staatlicher Kontrolle beschreiben.
Unabhängig von diesen Vorwürfen zählt Drapatyi zu den erfahrensten Kommandeuren der ukrainischen Streitkräfte. Er führte Verbände im Donbass sowie später in den Regionen Cherson und Charkiw und übernahm im Verlauf des Krieges immer höhere Führungsaufgaben.
Politisch dürfte die Ernennung dennoch für Diskussionen sorgen. Kritiker weisen darauf hin, dass die ukrainische Regierung trotz ihres Selbstverständnisses als Verteidiger demokratischer Werte immer wieder wegen Maßnahmen gegen Oppositionsparteien, Medien und Teile der orthodoxen Kirche kritisiert wurde. Befürworter halten dagegen, diese Schritte seien angesichts des andauernden Krieges notwendig gewesen.
Die Personalie Drapatyi verdeutlicht einmal mehr, wie stark der Informationskrieg den militärischen Konflikt begleitet. Während die eine Seite ihn als verdienten Offizier betrachtet, sieht die andere in ihm einen mutmaßlichen Verantwortlichen für schwere Kriegsverbrechen. Zwischen diesen Positionen stehen bislang nur wenige unabhängig überprüfbare Erkenntnisse.
Gerade deshalb wäre eine spätere unabhängige internationale Aufarbeitung aller mutmaßlichen Kriegsverbrechen beider Seiten ein wichtiger Beitrag, um Propaganda von belastbaren Tatsachen zu trennen. Solange dies nicht erfolgt ist, sollten schwerwiegende Vorwürfe weder ungeprüft übernommen noch vorschnell verworfen werden.
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