Es gibt Menschen, die tragen Verantwortung. Andere tragen Titel. Und dann gibt es jene, die sich vor allem selbst tragen müssen, weil sie glauben, als moralische Oberaufsicht der Republik geboren worden zu sein. Eine ganz besondere Spezies entsteht offenbar dann, wenn selbst Großnichten oder Großneffen, also Verwandte vierten Grades, plötzlich den Eindruck gewinnen, sie seien die letztgültige Instanz darüber, wer gedenken darf, wie gedacht werden soll und welche Haltung gesellschaftlich noch genehmigungsfähig ist.
Es ist ein faszinierendes Phänomen. Je größer die genealogische Entfernung, desto näher scheint man sich plötzlich am moralischen Olymp zu fühlen. Aus dem Stammbaum wird eine Kanzel. Aus der entfernten Verwandtschaft eine Art oberster Ethikrat mit eingebautem Wahrheitsmonopol.
Nun mag jeder seine persönliche Meinung haben. Das ist der Normalzustand einer freien Gesellschaft. Wer eine Veranstaltung ablehnen möchte, darf das selbstverständlich tun. Wer Kritik äußern möchte, ebenso. Problematisch wird es erst dort, wo aus der eigenen Meinung plötzlich ein allgemeiner Verhaltenskodex für alle anderen werden soll.
Besonders unerquicklich wird es, wenn eine Gedenkveranstaltung selbst zur Bühne persönlicher Inszenierung wird. Der eigentliche Anlass rückt in den Hintergrund, während die öffentliche Aufmerksamkeit auf den nächsten moralischen Zeigefinger gelenkt wird. Das Gedenken wird vom Nebendarsteller übernommen, der sich spontan zum Hauptdarsteller erklärt hat.
Bemerkenswert ist dabei, dass selbst Stimmen aus dem Kreis der tatsächlichen Nachfahren eine deutlich nüchternere Haltung einnahmen. Nach den öffentlich wiedergegebenen Äußerungen machte der anwesende Nachfahre Graf Stauffenberg deutlich, man könne unterschiedlicher Meinung sein, müsse aber selbstverständlich akzeptieren, dass andere Menschen das Recht hätten, eine Einladung oder Teilnahme abzulehnen oder eigene Entscheidungen zu treffen. Eine Haltung, die erstaunlich unspektakulär wirkt und gerade deshalb demokratisch erscheint.
Vielleicht liegt genau darin der Unterschied zwischen Würde und Selbstinszenierung.
Denn Geschichte lebt nicht davon, dass sich immer neue selbsternannte Moralrichter über sie erheben. Geschichte verlangt Demut. Sie verlangt die Bereitschaft, unterschiedliche Perspektiven auszuhalten. Vor allem aber verlangt sie Respekt vor dem Anlass selbst.
Wer stattdessen den Eindruck vermittelt, wichtiger zu sein als die Gedenkveranstaltung, läuft Gefahr, ausgerechnet das zu beschädigen, was er angeblich schützen möchte.
Ironischerweise ist das die eigentliche Pointe: Während manche glauben, sie verteidigten historische Werte, demonstrieren sie vor allem eine bemerkenswerte Form persönlicher Selbstüberschätzung.
Der moralische Maßstab wird dabei so großzügig angelegt, dass am Ende kaum noch Platz für andere Meinungen bleibt.
Vielleicht wäre deshalb ein Blick in den Stammbaum hilfreich. Nicht um den Verwandtschaftsgrad zu diskutieren, sondern um sich daran zu erinnern, dass moralische Autorität nicht vererbt wird. Sie entsteht durch Haltung, Besonnenheit und Respekt.
Und genau diese Eigenschaften erkennt man meistens daran, dass ihre Träger sie nicht ständig vor sich hertragen müssen.
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Vor dem Hintergrund einer Gedenkveranstaltung wirkte die öffentliche Selbstinszenierung umso befremdlicher. Der schlichte Leitsatz „Im stillen Gedenken“ scheint dabei ausgerechnet an jenem vorbeigegangen zu sein, der sich an diesem Tag am lautesten in Szene setzte. Man hätte meinen können, der Kranz erinnere an Demut und Besonnenheit. Stattdessen schien er für manche lediglich die dekorative Kulisse des eigenen Auftritts zu sein.
Besonders bemerkenswert war, wie bereitwillig manche politische Mitstreiter den Auftritt feierten. Wo die einen eine mutige Haltung erkennen wollen, sehen andere vor allem eine unpassende Selbstinszenierung bei einer Gedenkveranstaltung. Dass darüber überhaupt gestritten werden muss, zeigt bereits, wie weit der Respekt vor dem Anlass in den Hintergrund geraten ist.











