Eine kleine Gebrauchsanweisung für den modernen Nachrichtenkonsumenten
Man muss der deutschen Medienlandschaft gelegentlich dankbar sein. Wirklich.
Denn ohne ihre fürsorgliche Einordnung könnte der gewöhnliche Bürger womöglich auf die absurde Idee kommen, sich selbst ein Urteil zu bilden.
Und wo kämen wir da hin?
Nehmen wir also die Berichterstattung der WELT. Dort erfahren wir sinngemäß, dass Wladimir Putin auf die „angeblich desaströse Wirtschaftslage“ Deutschlands hingewiesen habe.
Angeblich.
Was für ein wunderbares kleines Wort.
Ein einziges Adverb, und schon sieht die Welt gleich viel freundlicher aus.
Die „angeblich“ schlechte Wirtschaft
Natürlich ist die deutsche Wirtschaftslage hervorragend.
Wer etwas anderes behauptet, hat vermutlich nur versehentlich seine Stromrechnung geöffnet.
Oder seine Gasrechnung.
Oder mit einem Mittelständler gesprochen.
Oder mit einem Autozulieferer.
Oder mit einem Bäcker, Gastwirt, Handwerker oder Unternehmer, der versucht, zwischen Energiepreisen, Bürokratie, Steuern, Fachkräftemangel und immer neuen Vorschriften irgendwie noch Geld zu verdienen.
Aber das sind vermutlich nur Einzelfälle.
Millionen Einzelfälle ergeben schließlich noch lange kein Problem, solange man das richtige Adverb davorstellt.
- Die Wirtschaft schwächelt nicht. – Sie schwächelt angeblich.
- Die Industrie verliert nicht an Wettbewerbsfähigkeit. – Das behaupten lediglich irgendwelche notorischen Tabellen.
- Unternehmen verlagern keine Produktion. – Sie entdecken nur überraschend ihre Liebe zu ausländischen Standorten.
- Und wenn Arbeitsplätze verschwinden, handelt es sich selbstverständlich nicht um Deindustrialisierung. – Es ist vermutlich eine sozialverträgliche Befreiung der Arbeitnehmer von lästiger Erwerbstätigkeit.
Man muss die Dinge nur positiv sehen.
Putin hat es gesagt, also Vorsicht!
Das eigentliche Problem besteht ohnehin darin, wer etwas sagt.
Wenn ein deutscher Wirtschaftsforscher vor strukturellen Problemen warnt, darf darüber diskutiert werden.
Wenn ein Unternehmer dasselbe sagt, darf man besorgt nicken.
Wenn ein Wirtschaftsverband dasselbe sagt, veranstaltet man einen Gipfel.
Wenn Putin dasselbe sagt, wird daraus selbstverständlich:
die „angeblich“ desaströse Wirtschaftslage.
Denn offenbar verändern Tatsachen neuerdings ihren Wahrheitsgehalt abhängig vom Reisepass desjenigen, der sie ausspricht.
Das ist praktisch.
Wenn Putin morgen behauptet, Berlin sei die Hauptstadt Deutschlands, sollte vorsichtshalber berichtet werden:
„Putin bezeichnet Berlin als angebliche Hauptstadt der Bundesrepublik.“
Man weiß schließlich nie.
Und dann wäre da noch Friedrich Merz
Putin soll außerdem sinngemäß behauptet haben, Bundeskanzler Friedrich Merz benötige einen Sündenbock.
Auch das ist selbstverständlich vollkommen absurd.
- Unser Bundeskanzler braucht keine Sündenböcke.
- Warum auch?
- Die Menschen lieben ihn.
- Vermutlich stehen morgens lange Schlangen vor dem Kanzleramt, weil Bürger ihm persönlich für ihre wirtschaftliche Situation danken möchten.
- „Herr Bundeskanzler, meine Firma baut Stellen ab. Vielen Dank!“
- „Herr Bundeskanzler, meine Lebenshaltungskosten sind gestiegen. Weiter so!“
- „Herr Bundeskanzler, die Konjunktur macht mir Sorgen. Endlich kümmert sich jemand darum, dass ich auch wirklich Sorgen habe!“
Es muss ein erhebendes Gefühl sein.
Dass politische Verantwortung gern nach außen verlagert wird, wäre schließlich völlig neu.
Regierungen haben in der gesamten Menschheitsgeschichte niemals äußere Umstände, Vorgängerregierungen, internationale Krisen, andere Staaten oder widrige Weltlagen bemüht, um eigene Probleme zu erklären.
Das würde eine Regierung doch niemals tun.
Menschen könnten sonst anfangen, Politik für Politik verantwortlich zu machen.
Unvorstellbar.
Zum Glück wird uns erklärt, was wir denken sollen
Genau hier liegt das eigentlich Interessante.
Es geht gar nicht darum, Putin recht zu geben.
Putin betreibt selbstverständlich russische Interessenpolitik und russische Propaganda. Wer seine Aussagen ungeprüft übernimmt, macht denselben Fehler wie jemand, der deutsche Regierungsverlautbarungen ungeprüft übernimmt.
Das entscheidende Wort lautet:
ungeprüft.
Journalismus müsste deshalb eigentlich fragen:
- Hat Putin mit seiner Aussage über die deutsche Wirtschaft recht oder nicht?
- Welche Zahlen sprechen dafür?
- Welche dagegen?
- Wie entwickelt sich die Industrieproduktion?
- Wie entwickeln sich Investitionen?
- Wie viele Unternehmen schließen oder verlagern Produktion?
- Wie entwickelt sich die Beschäftigung?
- Wie steht Deutschland im internationalen Vergleich da?
Das wäre Journalismus.
Anstrengend, gewiss.
Man müsste Zahlen heraussuchen, Entwicklungen vergleichen und dem Leser anschließend zutrauen, selbst zu denken.
Stattdessen ist ein kleines Wort viel bequemer:
„angeblich“.
Problem erledigt.
Die wunderbare Macht der Sprache
Das Faszinierende moderner Berichterstattung liegt ohnehin weniger darin, was geschrieben wird, sondern wie.
- Der eine „warnt“.
- Der andere „droht“.
- Der eine „erklärt“.
- Der andere „behauptet“.
- Der eine „kritisiert“.
- Der andere „verbreitet Narrative“.
Und plötzlich bekommt der Leser nicht nur eine Information.
Er bekommt gleich die passende Bedienungsanleitung für seine Gedanken mitgeliefert.
- Dieser Aussage dürfen Sie glauben.
- Bei jener bitte skeptisch schauen.
- Hier bitte empört sein.
- Dort bitte Verständnis zeigen.
- Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
- Eigenständiges Denken kann nun wieder geschlossen werden.
Und Deutschland?
- Deutschland geht es selbstverständlich prächtig.
- Die Wirtschaft ist stark.
- Die Energie ist günstig.Die Industrie jubelt.
- Der Mittelstand tanzt Polonaise.
- Die Bürger tragen Friedrich Merz vermutlich auf Händen durch die Fußgängerzonen.
- Und falls irgendwo Fabrikhallen geschlossen werden, Investitionen ausbleiben oder Unternehmen Stellen streichen, sollte man sich davon nicht irritieren lassen.
- Das sind lediglich unangenehme Details.
Schließlich hat Putin gesagt, Deutschland habe wirtschaftliche Probleme.
Und damit wissen wir endlich, dass es sie nicht geben kann.
So einfach ist moderne Erkenntnistheorie geworden.
Früher musste man Fakten überprüfen.
Heute genügt es offenbar manchmal zu wissen, wer sie ausgesprochen hat.
Das spart Zeit.
Und Denken.
Vor allem Denken.
Schlussgedanke
Eine freie Presse muss weder Putin noch Merz mögen.
Sie muss überhaupt niemanden mögen.
Ihre Aufgabe wäre etwas viel Unbequemeres:
Sie sollte dem Leser Informationen liefern, Macht kritisch begleiten und Tatsachen unabhängig davon prüfen, wem das Ergebnis politisch nützt.
Denn Propaganda beginnt nicht erst dort, wo gelogen wird.
Sie kann bereits dort beginnen, wo Sprache so gewählt wird, dass der Leser möglichst schon weiß, was er von einer Information halten soll, bevor er Gelegenheit hatte, selbst darüber nachzudenken.
Und vielleicht wäre genau das eine hübsche kleine Übung für uns alle:
Wenn irgendwo wieder „angeblich“, „umstritten“, „Narrativ“, „Desinformation“ oder „Experten zufolge“ steht, nicht sofort nicken.
- Sondern nachsehen.
- Prüfen.
- Vergleichen.
- Und dann selbst urteilen.
Ein geradezu revolutionäres Konzept.
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