Ein Mensch braucht Hilfe. Zehn andere stehen daneben. Eigentlich müsste das die denkbar beste Situation sein.
Zehn Menschen können schließlich mehr tun als einer.
Doch psychologische Experimente zeigen einen verblüffenden Mechanismus:
Unter bestimmten Umständen kann die Wahrscheinlichkeit, dass ein einzelner Mensch eingreift, sinken, wenn weitere Personen anwesend sind.
Nicht unbedingt, weil die Menschen herzlos wären.
Sondern weil jeder denkt:
„Jemand anderes wird schon etwas tun.“
Dieses Phänomen wurde als Bystander-Effekt, auf Deutsch häufig Zuschauereffekt, berühmt.
Und dahinter steckt eine ausgesprochen unangenehme Frage:
Kann eine Gruppe dazu führen, dass sich am Ende niemand persönlich verantwortlich fühlt?
Der Fall Kitty Genovese
Die Geschichte des Bystander-Effekts beginnt mit einem realen Verbrechen.
Am 13. März 1964 wurde die 28-jährige Kitty Genovese in New York angegriffen und ermordet.
Wenige Wochen später berichtete die New York Times, 38 Zeugen hätten den Angriff beobachtet und niemand habe eingegriffen oder die Polizei verständigt.
Die Geschichte wurde weltberühmt.
- 38 Menschen sehen einen Mord.
- 38 Menschen tun nichts.
Sie wurde zum Symbol für die Anonymität und Gleichgültigkeit moderner Großstädte.
Nur stellte sich später heraus:
Diese berühmte Darstellung war in wesentlichen Punkten falsch beziehungsweise stark vereinfacht.
Nicht 38 Menschen beobachteten den gesamten Mord tatenlos.
Einige hörten lediglich Geräusche oder sahen Teile des Geschehens.
Mindestens ein Nachbar rief die Polizei.
Eine andere Nachbarin eilte schließlich zu Genovese und blieb bei ihr.
Die Legende von den „38 schweigenden Zeugen“ hält sich trotzdem bis heute.
Für die Psychologie hatte die Geschichte jedoch eine wichtige Konsequenz.
Die Sozialpsychologen John Darley und Bibb Latané stellten eine Frage:
Beeinflusst die Zahl anwesender Menschen tatsächlich unsere Bereitschaft zu helfen?
Ein vorgetäuschter epileptischer Anfall
1968 führten Darley und Latané eines ihrer bekanntesten Experimente durch.
Studenten glaubten, über eine Gegensprechanlage mit anderen Studenten über persönliche Probleme zu sprechen.
Tatsächlich waren die angeblichen anderen Teilnehmer aufgezeichnet.
Während des Gesprächs begann einer der vermeintlichen Teilnehmer plötzlich, einen epileptischen Anfall zu simulieren.
Er bat um Hilfe.
Dann brach die Verbindung scheinbar ab.
Nun beobachteten die Forscher:
Wie schnell holt die echte Versuchsperson Hilfe?
Das Entscheidende war, was sie glaubte.
Manche Teilnehmer glaubten, sie seien die einzige andere Person, die den Notfall mitbekommen hatte.
Andere glaubten, mehrere weitere Menschen hätten den Anfall ebenfalls gehört.
Das Ergebnis war deutlich.
Allein verantwortlich? Dann handeln Menschen schneller
Wenn die Versuchsperson glaubte, als einzige Person den Notfall wahrgenommen zu haben, reagierte sie wesentlich häufiger und schneller.
In der klassischen Untersuchung meldeten innerhalb der ersten Minuten etwa 85 Prozent der Personen den Notfall, wenn sie glaubten, allein mit dem Opfer verbunden zu sein.
Glaubten die Teilnehmer dagegen, dass mehrere andere Menschen ebenfalls zuhören, sank die schnelle Hilfsbereitschaft erheblich.
Am Ende meldeten zwar auch dort viele den Vorfall.
Aber sie brauchten länger.
Offenbar geschah etwas im Kopf:
„Die anderen haben es ebenfalls gehört.“
Dann:
„Bestimmt kümmert sich schon jemand darum.“
Und schließlich:
„Vielleicht muss gerade ich gar nichts tun.“
Damit hatten Darley und Latané einen entscheidenden Mechanismus identifiziert.
Die Verantwortung verschwindet nicht – sie verteilt sich
Die Psychologen bezeichneten diesen Mechanismus als Diffusion of Responsibility, also:
Verantwortungsdiffusion.
Stellen wir uns einen Notfall mit nur zwei Menschen vor.
- Einer braucht Hilfe.
- Der andere beobachtet es.
Die Verantwortung ist ziemlich eindeutig:
- Ich muss etwas tun.
Nun stellen wir uns denselben Notfall mit 50 Zuschauern vor.
Plötzlich kann jeder Einzelne denken:
- Warum gerade ich?
- Jemand anderes kann besser Erste Hilfe.
- Bestimmt hat schon jemand den Notruf gewählt.
- Vielleicht kennt jemand das Opfer.
- Irgendjemand wird schon reagieren.
Das Absurde daran:
Wenn alle so denken, reagiert möglicherweise niemand sofort.
50 potenzielle Helfer können psychologisch dazu führen, dass sich jeder Einzelne weniger zuständig fühlt.
Aber Verantwortung ist nicht das einzige Problem
Der Bystander-Effekt besteht aus mehreren Mechanismen.
Bevor ein Mensch hilft, muss er zunächst überhaupt erkennen:
Hier passiert gerade ein Notfall.
Und auch dabei orientieren wir uns an anderen Menschen.
Stellen wir uns vor, Rauch dringt unter einer Tür hervor.
Wir sind allein.
Unsere Reaktion dürfte ziemlich eindeutig sein:
Da stimmt etwas nicht.
Jetzt sitzen fünf andere Menschen im Raum.
- Niemand reagiert.
Plötzlich denken wir möglicherweise:
- Vielleicht ist das normal.
- Vielleicht kommt der Rauch von draußen.
- Vielleicht wissen die anderen etwas, was ich nicht weiß.
Damit entsteht ein zweiter Mechanismus.
Wenn niemand reagiert, scheint alles in Ordnung zu sein
Darley und Latané demonstrierten das mit einem weiteren berühmten Experiment.
Versuchspersonen saßen in einem Raum und sollten einen Fragebogen ausfüllen.
Plötzlich begann Rauch in den Raum zu strömen.
War eine Person allein, meldete sie den Rauch relativ häufig und schnell.
Saßen dagegen eingeweihte Personen daneben, die den Rauch demonstrativ ignorierten, reagierte die echte Versuchsperson wesentlich seltener.
Das ist faszinierend.
Der Mensch sieht Rauch.
Aber er sieht gleichzeitig:
Niemand sonst scheint besorgt zu sein.
Also verändert sich seine Interpretation.
Vielleicht ist es gar kein Notfall.
Dieses Phänomen wird als pluralistische Ignoranz beschrieben.
Jeder beobachtet die anderen.
Alle bleiben ruhig.
Und jeder interpretiert die Ruhe der anderen als Beweis dafür, dass kein Grund zur Sorge besteht.
Dabei sind möglicherweise alle unsicher.
Das ist Sherifs Lichtpunkt in einer gefährlicheren Variante
Hier treffen sich mehrere unserer psychologischen Experimente.
Bei Sherifs Autokinetik-Experiment wussten Menschen nicht, wie weit sich ein Lichtpunkt scheinbar bewegte.
Also orientierten sie sich an der Gruppe.
Beim Bystander-Effekt kann etwas Ähnliches passieren.
Ein Mensch weiß nicht:
Ist das wirklich ein Notfall?
Also schaut er auf die anderen.
Wenn alle ruhig bleiben, wird diese Ruhe selbst zur Information.
Nur kann sie vollkommen irreführend sein.
Denn vielleicht schauen die anderen ebenfalls gerade auf ihn.
Und dann kommt noch die Angst hinzu, sich zu blamieren
Es gibt einen weiteren Faktor:
Bewertungsangst.
Stellen wir uns vor, jemand liegt auf einer Parkbank.
- Braucht er medizinische Hilfe?
- Oder schläft er nur?
Wenn wir hingehen und ihn ansprechen, könnten andere denken:
- Was macht der denn?
- Vielleicht reagieren wir über.
- Vielleicht blamieren wir uns.
- Vielleicht werden wir sogar zurückgewiesen.
- Menschen berücksichtigen solche sozialen Risiken.
Je mehr Zuschauer vorhanden sind, desto stärker kann dieses Gefühl werden.
Plötzlich besteht das Problem nicht mehr nur darin, einen Notfall zu beurteilen.
Man steht gleichzeitig vor Publikum.
Der berühmte Fünf-Stufen-Prozess
Die Forschung zum Hilfeverhalten lässt sich vereinfacht in mehrere Entscheidungen zerlegen.
Ein Mensch muss:
1. Das Ereignis überhaupt bemerken.
2. Es als Notfall interpretieren.
3. Persönliche Verantwortung übernehmen.
4. Wissen oder entscheiden, wie er helfen kann.
5. Tatsächlich handeln.
An jeder dieser Stellen kann der Prozess abbrechen.
- Ich habe es nicht gesehen.
- Ich dachte, es sei nicht schlimm.
- Ich dachte, jemand anderes kümmert sich.
- Ich wusste nicht, was ich tun sollte.
- Ich hatte Angst, etwas falsch zu machen.
Das erklärt, warum unterlassene Hilfe nicht automatisch bedeutet:
„Dieser Mensch ist gleichgültig.“
Die Situation kann Verhalten massiv beeinflussen.
Was bedeutet das im echten Leben?
Der Bystander-Effekt ist kein Naturgesetz.
Menschen helfen auch in großen Gruppen.
Bei Unfällen, Katastrophen und Gewalttaten gibt es unzählige Beispiele von Menschen, die sofort eingreifen.
Neuere Forschung zeigt außerdem, dass die Beziehung zwischen Zuschauerzahl und Hilfeverhalten komplexer ist als die einfache Formel:
Je mehr Menschen, desto weniger Hilfe.
Bei eindeutig gefährlichen Situationen können zusätzliche Zuschauer sogar zusätzliche potenzielle Helfer bedeuten.
Der klassische Bystander-Effekt beschreibt deshalb keine Garantie.
Er beschreibt eine psychologische Tendenz unter bestimmten Bedingungen.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Die praktisch wichtigste Lektion
Aus der Forschung lässt sich etwas ausgesprochen Nützliches ableiten.
Wenn du selbst Hilfe brauchst, rufe nicht einfach in eine Menschenmenge:
„Kann mir jemand helfen?“
Denn damit bleibt die Verantwortung diffus.
Besser:
Eine konkrete Person auswählen.
„Sie mit der schwarzen Jacke – rufen Sie bitte 112.“
„Sie dort – holen Sie den Defibrillator.“
„Sie – bleiben Sie bitte bei mir.“
Damit passiert psychologisch etwas Entscheidendes.
Aus:
„Irgendjemand sollte helfen.“
wird:
„Ich soll helfen.“
Die Verantwortung bekommt plötzlich einen Namen.
Und wenn du selbst Zuschauer bist?
Dann hilft eine ebenso einfache Regel:
Wenn du denkst:
„Bestimmt hat schon jemand den Notruf gewählt“
ist genau das der Moment, selbst zu überprüfen, ob es tatsächlich jemand getan hat.
Denn möglicherweise denken zehn andere Menschen exakt dasselbe.
Das ist vielleicht die praktischste Erkenntnis dieses gesamten Forschungsgebietes.
Nicht darauf warten, dass Verantwortung von selbst verteilt wird.
Verantwortung übernehmen oder konkret verteilen.
Der Bystander-Effekt existiert auch außerhalb von Notfällen
Und hier wird das Phänomen gesellschaftlich besonders interessant.
Verantwortungsdiffusion gibt es nicht nur auf der Straße.
Sie kann überall entstehen, wo viele Menschen gemeinsam zuständig erscheinen.
- In Unternehmen.
- In Behörden.
- In Organisationen.
- In politischen Institutionen.
- In großen Gruppen.
- Jeder bearbeitet einen kleinen Teil.
Jeder geht davon aus, dass jemand anderes das Gesamtproblem im Blick hat.
Dann entstehen Sätze wie:
„Dafür bin ich nicht zuständig.“
„Das entscheidet eine andere Abteilung.“
„Ich habe es weitergeleitet.“
„Das wird schon jemand prüfen.“
Und plötzlich besitzt eine Organisation mit tausend Mitarbeitern ein Problem, für das sich subjektiv kein einzelner Mensch verantwortlich fühlt.
Das ist gewissermaßen der Bystander-Effekt mit Aktenordnern.
Viele Menschen bedeuten nicht automatisch viel Verantwortung
Vielleicht ist genau das die unangenehmste Erkenntnis.
Wir gehen intuitiv davon aus:
Je mehr Menschen ein Problem sehen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand handelt.
Statistisch kann das durchaus stimmen.
Psychologisch kann gleichzeitig aber etwas anderes passieren:
Die persönliche Verantwortung jedes Einzelnen kann kleiner erscheinen.
Die Gruppe wird dann paradoxerweise gleichzeitig zur Chance und zum Hindernis.
Es gibt mehr Menschen, die helfen könnten.
Aber möglicherweise weniger Menschen, die denken:
Ich bin jetzt verantwortlich.
Die wichtigste Frage lautet deshalb nicht: „Warum hat niemand geholfen?“
Sie lautet:
„Warum glaubte jeder Einzelne, dass jemand anderes helfen würde?“
Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Denn die erste Frage sucht schlechte Menschen.
Die zweite untersucht eine Situation.
Und genau darin liegt die Bedeutung der Forschung von Darley und Latané.
Sie zeigte nicht, dass Menschen grundsätzlich egoistisch oder herzlos sind.
Sie zeigte:
Verantwortung ist psychologisch erstaunlich empfindlich.
Wenn sie eindeutig bei uns liegt, handeln wir häufig.
Wenn sie scheinbar auf viele Menschen verteilt ist, kann jeder Einzelne einen Schritt zurücktreten.
Und deshalb kann ausgerechnet die Anwesenheit vieler Menschen manchmal einen gefährlichen Gedanken erzeugen:
„Ich muss nichts tun. Es sind schließlich genug andere da.“
Vielleicht sollte man sich genau dann einen anderen Satz angewöhnen:
„Wenn alle so denken wie ich, tut am Ende niemand etwas.“
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Die große und eigentliche Frage an dich lautet nun: Wo siehst du Paralellen zu unserer Gesellschaft oder siehst du keine? Was bedeutet das für dich?