Was machst du, wenn du von etwas vollkommen überzeugt bist – und die Realität beweist dir eindeutig, dass du falschliegst?
Eigentlich klingt die Antwort einfach:
Man erkennt seinen Irrtum.
Man korrigiert seine Meinung.
Und macht weiter.
Nur funktioniert der menschliche Verstand nicht immer so.
Manchmal passiert etwas geradezu Paradoxes:
Je mehr ein Mensch in eine Überzeugung investiert hat, desto schwieriger kann es für ihn werden, sie aufzugeben – selbst wenn die Realität ihr offensichtlich widerspricht.
Genau dieses Phänomen untersuchten der Sozialpsychologe Leon Festinger und seine Kollegen in den 1950er-Jahren.
Dafür gingen sie nicht ins Labor.
Sie infiltrierten eine kleine Gruppe, deren Mitglieder überzeugt waren, dass eine gewaltige Katastrophe bevorstand.
Die Welt sollte untergehen.
Nur wenige Auserwählte würden gerettet.
Dann kam der vorhergesagte Tag.
Und es geschah:
nichts.
Eigentlich hätte damit alles vorbei sein müssen.
Doch psychologisch wurde es jetzt erst richtig interessant.
Eine Botschaft aus dem Weltall
Im Mittelpunkt der Geschichte stand eine Frau aus dem Raum Chicago, die Festinger und seine Kollegen in ihrem späteren Buch unter dem Pseudonym „Marian Keech“ beschrieben.
Ihr wirklicher Name war Dorothy Martin.
Sie behauptete, Botschaften von außerirdischen beziehungsweise übernatürlichen Wesen zu empfangen.
Diese Nachrichten würden ihr durch automatisches Schreiben übermittelt.
Eine der Botschaften war besonders dramatisch:
Eine gewaltige Flut beziehungsweise Katastrophe sollte große Teile der Erde vernichten.
Der entscheidende Zeitpunkt sollte in der Nacht vom 20. auf den 21. Dezember 1954 kommen.
Doch für die Mitglieder der Gruppe bestand Hoffnung.
Sie glaubten, kurz vor der Katastrophe von einem Raumschiff abgeholt und gerettet zu werden.
Das klingt aus heutiger Sicht bizarr.
Aber für die überzeugten Mitglieder war es Realität.
Manche setzten alles auf diese Prophezeiung
Einige Anhänger beließen es nicht bei einer unverbindlichen Überzeugung.
Sie trafen Entscheidungen, die reale Konsequenzen hatten.
Manche kündigten ihre Arbeitsstellen oder vernachlässigten berufliche Verpflichtungen.
Andere trennten sich von Besitz.
Beziehungen wurden belastet.
Das bisherige Leben wurde teilweise der erwarteten Katastrophe untergeordnet.
Und genau das machte die Gruppe für Festinger so interessant.
Denn er hatte eine Theorie.
Je mehr ein Mensch für eine Überzeugung geopfert hat, desto schwieriger könnte es werden, diese Überzeugung einfach aufzugeben.
Die Forscher schleusten sich in die Gruppe ein
Festinger und seine Kollegen Henry Riecken und Stanley Schachter wollten beobachten, was geschieht, wenn die Prophezeiung nachweislich scheitert.
Sie beziehungsweise Mitarbeiter gaben sich deshalb als Interessierte oder Gläubige aus und nahmen am Gruppenleben teil.
Aus heutiger Sicht wirft dieses Vorgehen erhebliche ethische und methodische Fragen auf.
Doch daraus entstand eines der berühmtesten Bücher der Sozialpsychologie:
„When Prophecy Fails“ – Wenn Prophezeiungen scheitern.
Die Forscher warteten gemeinsam mit den Anhängern auf den entscheidenden Moment.
Und der kam.
Oder genauer:
Er kam eben nicht.
Mitternacht
Die Gruppe bereitete sich auf ihre Rettung vor.
Metallische Gegenstände wurden teilweise abgelegt, weil sie angeblich beim Betreten des Raumschiffs problematisch sein könnten.
Die Mitglieder warteten.
Die Uhr rückte Richtung Mitternacht.
Kein Raumschiff.
Mitternacht verging.
Nichts.
Die Minuten verstrichen.
Noch immer nichts.
Die vorhergesagte Rettung fand nicht statt.
Auch die Katastrophe blieb aus.
Die Realität hatte damit eine ziemlich eindeutige Antwort geliefert:
Die Prophezeiung war falsch.
Man könnte erwarten, dass die Gruppe nun auseinanderfällt.
Doch genau das geschah nicht sofort.
Jetzt musste eine neue Erklärung her
Für die überzeugten Mitglieder entstand ein massives psychologisches Problem.
Auf der einen Seite stand ihre Überzeugung:
Die Katastrophe wird kommen. Wir werden gerettet.
Auf der anderen Seite stand die Realität:
Die Katastrophe ist nicht gekommen. Niemand wurde abgeholt.
Beides konnte nicht gleichzeitig stimmen.
Diesen unangenehmen inneren Widerspruch bezeichnete Festinger als:
kognitive Dissonanz.
Menschen versuchen normalerweise, solche Widersprüche zu reduzieren.
Die einfachste Möglichkeit wäre gewesen:
„Wir haben uns geirrt.“
Aber genau diese Erklärung hatte einen gewaltigen Preis.
„Wir haben uns geirrt“ hätte alles zerstört
Denn damit wäre nicht nur eine einzelne Vorhersage falsch gewesen.
Die Mitglieder hätten sich eingestehen müssen:
Wir haben Menschen von unserer Überzeugung erzählt.
Wir haben möglicherweise unsere Arbeit aufgegeben.
Wir haben Beziehungen belastet.
Wir haben Besitz weggegeben.
Wir haben unser bisheriges Leben verändert.
Und das alles wegen etwas, das nicht stimmte.
Je größer die persönlichen Opfer waren, desto schmerzhafter wäre diese Erkenntnis gewesen.
Also existierte psychologisch noch eine andere Möglichkeit:
Nicht die Überzeugung muss falsch sein.
Die Erklärung muss angepasst werden.
Die Welt wurde angeblich wegen ihnen gerettet
Schließlich entstand eine neue Interpretation.
Die Gruppe habe durch ihren Glauben und ihre Hingabe so viel „Licht“ verbreitet, dass die Welt verschont worden sei.
Man muss sich die Eleganz dieses psychologischen Kunststücks einmal ansehen.
Vorher:
„Die Katastrophe wird kommen.“
Die Katastrophe kommt nicht.
Danach:
„Dass sie nicht gekommen ist, beweist die Bedeutung unseres Glaubens.“
Damit wurde aus einer offensichtlich gescheiterten Prophezeiung plötzlich eine Bestätigung.
Die Realität hatte die Vorhersage widerlegt.
Aber durch eine neue Interpretation konnte genau diese Widerlegung in einen vermeintlichen Erfolg verwandelt werden.
Das ist kognitive Dissonanz in einer besonders eindrucksvollen Form.
Plötzlich wurde Öffentlichkeit interessant
Vor der gescheiterten Prophezeiung hatte sich die Gruppe teilweise gegenüber Öffentlichkeit und Medien zurückhaltend verhalten.
Danach änderte sich das Verhalten einiger Mitglieder.
Nun wurde verstärkt versucht, die Botschaft nach außen zu tragen.
Auch das passte zu Festingers Theorie.
Denn wenn immer mehr Menschen die eigene Überzeugung teilen, fühlt sie sich subjektiv glaubwürdiger an.
Man könnte innerlich denken:
Wenn andere Menschen ebenfalls daran glauben, kann ich schließlich nicht vollkommen falschliegen.
Soziale Bestätigung hilft damit, die eigene Dissonanz zu reduzieren.
Das passiert nicht nur Weltuntergangssekten
Und hier wird die Geschichte unangenehm aktuell.
Denn kognitive Dissonanz ist kein exotisches Problem irgendwelcher Sektenmitglieder aus den 1950er-Jahren.
Wir alle kennen diesen Mechanismus.
Ein Mensch kauft ein ausgesprochen teures Auto.
Kurz danach entdeckt er zahlreiche Nachteile.
Was denkt er?
Nicht unbedingt:
„Das war eine schlechte Entscheidung.“
Vielleicht denkt er:
„Dafür besitzt dieses Auto aber Charakter.“
Oder jemand investiert jahrelang Zeit und Geld in ein Projekt, das offensichtlich nicht funktioniert.
Je größer die Investition wird, desto schwieriger kann es werden, aufzuhören.
Denn ein Abbruch würde bedeuten:
Die bisherigen Opfer waren möglicherweise umsonst.
Also investiert man weiter.
Und weiter.
Und weiter.
Willkommen beim menschlichen Gehirn, diesem bemerkenswerten Gerät, das manchmal lieber die Begründung repariert als die Entscheidung.
In der Politik wird es besonders interessant
Auch politische Überzeugungen können Teil der eigenen Identität werden.
Ein Mensch unterstützt jahrelang eine Partei, eine politische Bewegung oder eine bestimmte gesellschaftliche Idee.
Er verteidigt sie gegenüber Freunden.
Er streitet dafür.
Vielleicht verliert er deswegen sogar Kontakte.
Dann tauchen Informationen auf, die seiner bisherigen Überzeugung widersprechen.
Nun müsste er möglicherweise sagen:
„Vielleicht habe ich mich geirrt.“
Doch damit würde er nicht nur eine Sachfrage korrigieren.
Er müsste womöglich Jahre seines eigenen Verhaltens neu bewerten.
Das erzeugt Dissonanz.
Und deshalb können Menschen Informationen auf erstaunliche Weise verarbeiten.
Passende Informationen werden bereitwillig aufgenommen.
Unpassende Informationen werden kritischer geprüft.
Quellen werden plötzlich infrage gestellt.
Ausnahmen werden gesucht.
Neue Begründungen entstehen.
Das bedeutet keineswegs, dass jede politische Überzeugung bloß kognitive Dissonanz wäre.
Aber der Mechanismus macht vor politischen Lagern selbstverständlich nicht halt.
Er betrifft Rechte.
Linke.
Liberale.
Konservative.
Religiöse Menschen.
Atheisten.
Und vermutlich jeden Menschen, der überzeugt davon ist, selbst vollkommen immun dagegen zu sein.
Je größer das Opfer, desto schwieriger der Rückzug
Hier liegt eine der wichtigsten Erkenntnisse.
Stellen wir uns zwei Menschen vor.
Person A äußert beiläufig eine Meinung.
Am nächsten Tag stellt sich heraus, dass sie falsch war.
Person A sagt:
„Okay, da lag ich daneben.“
Kaum ein Problem.
Person B hat dieselbe Meinung jahrelang öffentlich vertreten.
Sie hat dafür Geld ausgegeben.
Freundschaften beendet.
Andere Menschen beschimpft.
Vielleicht ihren Beruf darauf aufgebaut.
Nun soll Person B sagen:
„Ich lag falsch.“
Psychologisch sind diese beiden Situationen vollkommen unterschiedlich.
Die Fakten mögen identisch sein.
Aber der persönliche Preis der Korrektur ist es nicht.
Deshalb können Widerlegungen Überzeugungen manchmal sogar stärken
Das erscheint zunächst völlig irrational.
Man präsentiert einem Menschen einen Beweis gegen seine Überzeugung.
Und danach glaubt er unter Umständen weiterhin daran oder entwickelt zusätzliche Rechtfertigungen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Fakten grundsätzlich wirkungslos wären.
Die populäre Vorstellung eines universellen „Backfire-Effekts“, nach dem Korrekturen Menschen regelmäßig noch stärker an falsche Vorstellungen glauben lassen, ist wissenschaftlich so pauschal nicht haltbar.
Menschen können ihre Meinung durchaus ändern.
Aber Festingers Grundproblem bleibt:
Eine Überzeugung aufzugeben kann psychologisch teuer sein.
Besonders dann, wenn sie eng mit Identität, sozialer Zugehörigkeit oder großen persönlichen Opfern verbunden ist.
Die Gruppe hilft beim Glauben
Festinger erkannte außerdem die Bedeutung der Gemeinschaft.
Allein ist eine gescheiterte Prophezeiung schwer zu erklären.
In einer Gruppe kann eine neue Interpretation gemeinsam entwickelt und bestätigt werden.
Einer sagt:
Vielleicht war es eine Prüfung.
Der nächste sagt:
Vielleicht haben wir die Katastrophe verhindert.
Ein Dritter bestätigt:
Genau das muss passiert sein.
Und plötzlich besitzt die neue Erklärung soziale Unterstützung.
Das ist ein wichtiger Punkt.
Menschen prüfen ihre Wirklichkeit nicht ausschließlich anhand objektiver Fakten.
Wir schauen auch darauf:
Was glauben die Menschen um mich herum?
Damit berührt Festingers Arbeit unmittelbar das Asch-Experiment über Konformität und das Robbers-Cave-Experiment über Gruppenidentität.
Die Gruppe beeinflusst nicht nur unser Verhalten.
Sie kann auch beeinflussen, wie wir Ereignisse interpretieren.
Wie kommt man aus kognitiver Dissonanz heraus?
Eigentlich gibt es mehrere Möglichkeiten.
Wir können unser Verhalten ändern.
Wir können unsere Überzeugung ändern.
Wir können neue Informationen hinzufügen, die den Widerspruch erklären.
Oder wir können Informationen vermeiden, die unsere bisherige Überzeugung bedrohen.
Die intellektuell sauberste Möglichkeit lautet:
„Die Fakten sprechen gegen meine bisherige Annahme. Also korrigiere ich sie.“
Das klingt einfach.
Ist es aber nicht.
Denn dafür braucht ein Mensch etwas, das erstaunlich schwerfallen kann:
Die Bereitschaft, sich selbst zuzugestehen, dass man falschlag.
Vielleicht ist genau das echte Stärke
In öffentlichen Diskussionen wird ein Meinungswechsel häufig als Schwäche dargestellt.
„Gestern hast du noch etwas anderes gesagt.“
Dabei könnte man die Sache auch vollkommen anders betrachten.
Wenn sich die Fakten verändern oder neue Informationen auftauchen, sollte sich eine vernünftige Einschätzung ebenfalls verändern können.
Eine Meinung trotz gegenteiliger Belege niemals zu korrigieren, ist schließlich keine besondere Charakterstärke.
Es kann schlicht Sturheit sein.
Wissenschaft funktioniert genau deshalb anders.
Eine Hypothese muss prinzipiell widerlegbar sein.
Wenn jedes mögliche Ergebnis automatisch als Bestätigung interpretiert wird, besitzt die Behauptung keinen wirklichen Erkenntniswert mehr.
Die gefährlichste Überzeugung
Vielleicht lautet die gefährlichste Überzeugung deshalb:
„Nichts könnte mich davon überzeugen, dass ich falschliege.“
Denn dann geht es nicht mehr um Erkenntnis.
Dann geht es um Glauben.
Und genau deshalb ist Festingers Geschichte mehr als eine kuriose Episode über Menschen, die auf ein Raumschiff warteten.
Sie stellt jedem von uns eine ausgesprochen unangenehme Frage:
Welche meiner eigenen Überzeugungen würde ich tatsächlich aufgeben, wenn die Realität eindeutig gegen sie spricht?
Und noch unangenehmer:
Woran würde ich überhaupt erkennen, dass dieser Zeitpunkt gekommen ist?
Die Mitglieder der Gruppe warteten 1954 auf das Ende der Welt.
Die Welt ging nicht unter.
Doch statt die Überzeugung aufzugeben, fanden einige eine Erklärung dafür, warum gerade das Ausbleiben der Katastrophe ihre Überzeugung bestätigen sollte.
Damit wurde eine gescheiterte Prophezeiung zu einem der berühmtesten Beispiele der Sozialpsychologie.
Und vielleicht liegt darin die eigentliche Warnung:
Menschen können ihre Vorstellungen an die Realität anpassen.
Aber manchmal tun sie lieber das Gegenteil.
Dann passen sie die Erklärung der Realität an ihre Vorstellungen an.
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Die große und eigentliche Frage an dich lautet nun: Wo siehst du Paralellen zu unserer Gesellschaft oder siehst du keine? Was bedeutet das für dich?