Die Union verspricht Abgrenzung. Doch was ist ein Unvereinbarkeitsbeschluss noch wert, wenn er im entscheidenden Moment der Machtarithmetik geopfert wird?
Sachsen-Anhalt könnte zum politischen Warnschild für ganz Deutschland werden.
Die CDU präsentiert sich gegenüber ihren Wählern gern als bürgerliche Kraft der Mitte, spricht von klaren Grenzen nach links und rechts und verweist auf ihre Unvereinbarkeitsbeschlüsse. Das klingt wunderbar eindeutig. Jedenfalls so lange, bis nach einer Wahl die Taschenrechner herausgeholt werden und festgestellt wird, dass politische Überzeugungen bei der Mehrheitsbeschaffung ausgesprochen störend sein können.
Dann beginnt das große deutsche Koalitions-Yoga.
Was gestern angeblich ausgeschlossen war, wird heute „staatspolitische Verantwortung“. Aus einer roten Linie wird eine Gesprächsgrundlage, aus einem Unvereinbarkeitsbeschluss eine Interpretationsfrage und aus einem Wahlversprechen plötzlich etwas, das der Wähler offenbar viel zu wörtlich genommen hat.
Die entscheidende Frage lautet: Was bekommt der CDU-Wähler tatsächlich?
Wer CDU wählt, erwartet normalerweise keine linke Politik.
Er erwartet nicht, dass die Union nach der Wahl Mehrheiten organisiert, bei denen ausgerechnet jene politischen Kräfte Einfluss erhalten, von denen sich die CDU vor der Wahl ausdrücklich abgegrenzt hat.
Genau deshalb ist die Debatte um eine mögliche Zusammenarbeit mit der Linken so brisant.
Es geht dabei nicht nur um irgendeine Koalition in irgendeinem Landtag. Es geht um die Glaubwürdigkeit einer Partei.
Ein Unvereinbarkeitsbeschluss besitzt schließlich nur dann einen Wert, wenn er auch dann gilt, wenn seine Einhaltung unbequem wird.
Eine rote Linie, die nur gilt, solange man sie nicht überschreiten muss, ist keine rote Linie. Sie ist Dekoration.
Erst Sachsen-Anhalt, dann das nächste Bundesland?
Das eigentliche Problem für die CDU liegt deshalb weit über Sachsen-Anhalt hinaus.
Sollte sich erst einmal das Prinzip etablieren, dass eine Zusammenarbeit mit der Linken unter bestimmten Umständen doch möglich sei, wird aus dem angeblichen Ausnahmefall schnell ein Präzedenzfall.
Beim nächsten Mal heißt es dann:
„Die besondere Situation erfordert besondere Lösungen.“
Danach:
„Wir müssen demokratische Mehrheiten ermöglichen.“
Und irgendwann:
„Das hat sich doch in Sachsen-Anhalt bereits bewährt.“
So funktioniert politische Normalisierung.
Nicht mit einem großen Knall, sondern mit hundert kleinen Ausnahmen.
Und plötzlich geht es um Posten, Strukturen und Abhängigkeiten

Hinzu kommt ein Problem, über das Parteien ausgesprochen ungern sprechen: Politik besteht längst nicht mehr ausschließlich aus Parlamenten und Ministerien.
Rund um den Staat existiert ein riesiges Geflecht aus Verbänden, Stiftungen, Projekten, Beauftragtenstellen, Initiativen und staatlich finanzierten Organisationen.
Dort hängen Arbeitsplätze, Fördermittel, politische Netzwerke und persönliche Karrieren an Entscheidungen der Politik.
Deshalb muss der Bürger bei jeder neuen „staatspolitischen Notwendigkeit“ genau hinschauen.
Geht es tatsächlich um das Wohl des Landes?
Oder geht es auch darum, bestehende Strukturen, Förderungen, Funktionen und politische Netzwerke möglichst geräuschlos weiterlaufen zu lassen?
Der berühmte Schwippschwager muss dabei gar nicht persönlich irgendwo sitzen. Das Problem ist struktureller Natur: Wo Politik über Jahre immer größere finanzielle und institutionelle Netzwerke schafft, wächst automatisch die Zahl derjenigen, die ein Interesse daran haben, dass sich möglichst wenig ändert.
Und genau dort wird ein wirklicher Politikwechsel schwierig.
Die CDU hat ein Glaubwürdigkeitsproblem
Die Union kann selbstverständlich beschließen, mit wem sie zusammenarbeiten möchte.
Sie kann auch ihre Beschlüsse ändern.
Aber dann sollte sie es ihren Wählern vor der Wahl sagen.
Was nicht akzeptabel wäre, ist das bekannte politische Spiel:
Vor der Wahl klare Abgrenzung.
Nach der Wahl komplizierte Mehrheitsverhältnisse.
Dann erste Gespräche.
Anschließend „inhaltliche Schnittmengen“.
Danach irgendeine Form von Duldung, Kooperation oder parlamentarischer Absprache.
Und schließlich die Erklärung, man habe selbstverständlich niemals wirklich zusammengearbeitet.
Der Bürger soll dann glauben, dass ein Pferd kein Pferd mehr ist, wenn man es „staatspolitisches Fortbewegungskonzept“ nennt.
Wer CDU wählt, muss deshalb vorher wissen, was nachher möglich ist
Genau darum sollte die Union vor Wahlen unmissverständlich erklären:
Kann eine Stimme für die CDU mittelbar dazu führen, dass die Linke Regierungsmehrheiten ermöglicht oder politischen Einfluss erhält?
Kann es Absprachen, Duldungsmodelle oder andere Formen parlamentarischer Zusammenarbeit geben?
Und gilt der Unvereinbarkeitsbeschluss tatsächlich ohne Hintertür?
Diese Fragen verdienen klare Antworten.
Nicht nach der Wahl.
Vorher.
Denn eine Demokratie funktioniert nur dann vernünftig, wenn der Bürger ungefähr abschätzen kann, welche Politik seine Stimme hervorbringen wird.
Wer CDU wählt, könnte am Ende Politik bekommen, die er gerade nicht gewählt hat
Das ist der entscheidende Punkt.
Die CDU darf nicht gleichzeitig mit ihrer Abgrenzung zur Linken um konservative und bürgerliche Stimmen werben und sich anschließend sämtliche Optionen offenhalten.
Entweder ein Unvereinbarkeitsbeschluss gilt.
Oder er gilt nicht.
Entweder eine politische Grenze existiert.
Oder sie ist Wahlkampfkulisse.
Und deshalb sollten sich CDU-Wähler in Sachsen-Anhalt und darüber hinaus eine ausgesprochen einfache Frage stellen:
Bin ich bereit, mit meiner Stimme für die CDU möglicherweise auch politischen Einfluss der Linken in Kauf zu nehmen?
Wer diese Frage mit Nein beantwortet, sollte sich nicht mit beruhigenden Formulierungen abspeisen lassen.
Er sollte vor der Wahl verbindliche Antworten verlangen.
Denn nach der Wahl beginnt erfahrungsgemäß jene wunderbare Phase der deutschen Politik, in der Parteien entdecken, dass ihre eigenen Versprechen leider nicht mit dem Wahlergebnis kompatibel sind.
Und dann wird aus „niemals“ erstaunlich schnell „leider alternativlos“.
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