Es gehört zu den erstaunlichsten Kunststücken der deutschen Politik: Man regiert jahrzehntelang ein Land und tritt anschließend vor die Kameras, als habe man mit dessen Zustand ungefähr so viel zu tun wie der Dalai Lama mit der Deutschen Bahn.
Willkommen bei der CDU.
Wenn heute über marode Brücken, schleppende Digitalisierung, hohe Energiepreise, Bürokratie, Wohnungsnot, Bildungsmisere, Probleme bei der inneren Sicherheit und eine schwächelnde Industrie geklagt wird, könnte ein unbedarfter Zuschauer glauben, Deutschland sei irgendwann über Nacht von einer unbekannten Verwaltungsmacht heimgesucht worden.
Dabei gibt es da dieses lästige Detail namens Geschichte.
2017 etwa regierte nicht die AfD. Auch keine geheimnisvolle Vereinigung außerirdischer Sozialisten. Bundeskanzlerin war Angela Merkel von der CDU. Und die Union war seit Gründung der Bundesrepublik über weite Strecken selbst Regierungspartei. Adenauer, Erhard, Kiesinger, Kohl, Merkel und heute Merz: Insgesamt kommt die Union inzwischen auf rund 53 Jahre Kanzlerschaft.
Mehr als ein halbes Jahrhundert Verantwortung.
Und nun steht Friedrich Merz da und erklärt sinngemäß, Deutschland müsse endlich wieder auf Vordermann gebracht werden.
Eine faszinierende Idee.
Das ist ungefähr so, als würde der langjährige Hausmeister nach Jahrzehnten vor einem Gebäude mit undichtem Dach, kaputtem Aufzug und rostigen Wasserleitungen stehen und empört fragen:
„Welcher Idiot hat das eigentlich so herunterkommen lassen?“
Hinter ihm räuspert sich vorsichtig die Personalakte.
Die wundersame Amnesie der Union
Die CDU beherrscht inzwischen eine politische Disziplin nahezu perfekt: Regierungsverantwortung rückwirkend in Opposition verwandeln.
| Die Infrastruktur? | Hat offenbar jemand anderes vernachlässigt. |
| Die Digitalisierung? | Mysteriöserweise verschwunden. |
| Die Energiepolitik? | Vom Himmel gefallen. |
| Die Bundeswehr? | Eines Morgens einfach kaputt gewesen. |
| Die Bürokratie? | Hat sich vermutlich nachts selbst vermehrt. |
| Und die wirtschaftlichen Standortprobleme? | Natürlich ebenfalls ein bedauerliches Naturereignis. |
- Man könnte fast Mitleid bekommen mit einer Partei, die zufällig jahrzehntelang immer genau dort regierte, wo anschließend all diese Probleme auftauchten.
Und dann kam Merz, der politische Kammerjäger aus dem eigenen Haus
Friedrich Merz präsentiert sich gern als Mann des Neustarts. Das hat einen gewissen Unterhaltungswert, denn seine Partei ist ungefähr so neu im politischen Betrieb wie der Kölner Dom im Stadtbild.
Merz verkauft den Bürgern heute den „Politikwechsel“.
Nur Wechsel von wem?
Von der Partei, die seit 1949 ungefähr vier Fünftel der Zeit den Bundeskanzler stellte?
Die CDU möchte Deutschland inzwischen offenbar vor den Folgen einer Politik retten, an deren Entstehung sie selbst über Jahrzehnte maßgeblich beteiligt war.
Das ist keine Regierungsstrategie mehr.
Das ist politische Brandbekämpfung mit dem Feuerzeug in der Brusttasche.
Weidels „Flachzangen“
Alice Weidels Bezeichnung „Flachzangen“ für politische Konkurrenten ist zweifellos grob. Aber als satirisches Bild besitzt sie einen gewissen Charme.
Denn eine Flachzange ist immerhin ein Werkzeug.
Und genau dort beginnt das Problem.
Ein Werkzeug sollte normalerweise etwas reparieren.
Bei Teilen der deutschen Politik gewinnt man dagegen den Eindruck, dass zunächst jahrelang an sämtlichen Schrauben gedreht wird und anschließend eine Pressekonferenz stattfindet, auf der man betroffen den Zustand der Maschine beklagt.
- Danach wird eine Kommission eingesetzt.
- Die Kommission benötigt einen Beauftragten.
- Der Beauftragte bekommt einen Stab.
- Der Stab erstellt ein Gutachten.
- Das Gutachten empfiehlt ein Förderprogramm.
Und drei Jahre später erklärt der zuständige Minister stolz:
„Wir müssen jetzt endlich ins Handeln kommen.“
Deutschland, Land der Dichter, Denker und inzwischen hauptberuflichen Problembeschreiber.
Der eigentliche Witz ist gar keiner
Natürlich trägt nicht allein die CDU Verantwortung für sämtliche Fehlentwicklungen Deutschlands. Sie regierte häufig in Koalitionen, politische Entscheidungen haben viele Ursachen, und manches entstand auf europäischer oder internationaler Ebene.
Aber genau deshalb wirkt die heutige Erzählung so grotesk, Deutschland brauche lediglich wieder genügend CDU, damit die Probleme verschwinden.
Nach rund 53 Jahren unionsgeführter Kanzlerschaft darf man eine ziemlich einfache Frage stellen:
Wenn ihr heute die Lösung seid, wer war dann eigentlich die ganzen Jahrzehnte vorher verantwortlich?
Friedrich Merz könnte darauf lange antworten.
- Er könnte über Rot-Grün sprechen.
- Über die Ampel.
- Über Brüssel.
- Über Putin.
- Über China.
- Über Trump.
- Über Fachkräftemangel, Demografie und Weltwirtschaft.
Nur einen Namen sollte er bei der historischen Ursachenforschung besser nicht googeln:
CDU.
Sonst könnte die politische Reparaturkolonne plötzlich feststellen, dass auf dem Werkzeugkasten noch der Name des Vorbesitzers steht.
Und der lautet ebenfalls:
CDU.
Vielleicht liegt darin das größte Talent der sogenannten „Flachzangen“: Jahrzehntelang mitregieren und anschließend auftreten, als seien sie gerade erst am Tatort eingetroffen.
„Meine Damen und Herren, wir haben hier ein gewaltiges Problem vorgefunden.“
Stimmt.
Nur stand der Dienstwagen schon seit Jahrzehnten vor der Tür.
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