Deutschland erlebt unter Friedrich Merz einen Wirtschaftsaufschwung von geradezu historischer Dimension. Man muss ihn nur richtig betrachten: am besten mit geschlossenen Augen.
Während der Bundeskanzler auf Schloss Neuhardenberg verkündete, man wolle der deutschen Wirtschaft wieder „Aufschwung und Beschäftigung ermöglichen“, stellte die Almil AG, das Allgäuer Alpenmilchwerk, Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung. Rund 110 Beschäftigte müssen um ihre berufliche Zukunft bangen.
Das Timing besitzt eine gewisse deutsche Perfektion.
Der Kanzler spricht vom Aufschwung, während andernorts der Insolvenzverwalter schon einmal den Taschenrechner auflädt.
Raus aus dem Missmut, rein ins Insolvenzgeld
Merz fordert inzwischen sogar eine „neue Zuversicht“. Deutschland müsse den Missmut abschütteln.
Eine ausgezeichnete Idee.
Wer seinen Arbeitsplatz verliert, sollte schließlich nicht ständig so negativ sein.
Die Beschäftigten bei Almil sind bis einschließlich Oktober über Insolvenzgeld abgesichert. Danach wird man sehen. Der Geschäftsbetrieb läuft zunächst weiter und das Unternehmen versucht eine Sanierung in Eigenverwaltung.
Also bitte: mehr Zuversicht!
Vielleicht lässt sich davon irgendwann auch die Stromrechnung bezahlen.
Ein Bär als Symbolfigur
Besonders hübsch ist die Symbolik.
Am Standort Weiding wurden jahrelang Produkte der traditionsreichen Marke Bärenmarke hergestellt. Inzwischen produziert Almil dort nach Angaben von Hochwald keine Bärenmarke-Produkte mehr. Bärenmarke selbst ist daher ausdrücklich nicht insolvent.
Aber für eine Satire könnte man sich kaum ein schöneres Bild ausdenken:
Der deutsche Bär steht vor dem leeren Milchkännchen und hört aus Berlin:
„Wir wachsen wieder!“
Merz erklärte nach der Kabinettsklausur tatsächlich, Deutschland habe drei Jahre Rezession hinter sich und wachse nun wieder. Gleichzeitig erwartet die Bundesregierung für 2026 lediglich ein Mini-Wachstum.
Ein wirtschaftspolitisches Kunststück: Wenn man tief genug gefallen ist, sieht bereits ein Zentimeter nach oben wie ein Aufschwung aus.
Und nebenan verschwinden gleich die nächsten Jobs
Damit die Erfolgsgeschichte nicht zu eintönig wird, gibt es noch eine Zugabe.
Der Hochwald-Konzern, zu dem Almil gehört, schließt parallel sein Werk in Kaiserslautern. Dort sind weitere 74 Arbeitsplätze betroffen.
Man könnte das Strukturwandel nennen.
Man könnte es Transformation nennen.
Man könnte ein Sondervermögen dafür erfinden.
Die Menschen, die ihre Arbeitsplätze verlieren, werden vermutlich einen kürzeren Begriff bevorzugen.
Die Merz-Methode
Vielleicht verstehen wir Friedrich Merz auch einfach falsch.
Wenn Unternehmen schließen, sinkt schließlich deren Energieverbrauch.
Wenn Arbeitsplätze verschwinden, gibt es weniger Fachkräftemangel.
Wenn Produktionshallen leer stehen, verursachen sie weniger Verkehr.
Und wenn irgendwann kaum noch etwas hergestellt wird, kann Deutschland endlich stolz verkünden:
Unsere Industrie verursacht praktisch überhaupt keine Probleme mehr.
Das wäre dann die konsequenteste Form der Transformation.
Deutschland war einmal stolz darauf, Maschinen, Autos, Chemieprodukte, Lebensmittel und nahezu alles dazwischen herzustellen.
Heute ist man schon stolz darauf, wenn das Bruttoinlandsprodukt eine Zahl oberhalb der Nulllinie findet.
Willkommen im Merz-Wirtschaftswunder
Vielleicht sollte man deshalb künftig nicht mehr von Deindustrialisierung sprechen.
Das klingt so unangenehm.
Nennen wir es:
„Friedrich Merz‘ klimaneutrales Wirtschaftswunder ohne störende Wirtschaft.“
- Der Kanzler liefert die Zuversicht.
- Die Unternehmen liefern die Insolvenzanträge.
- Der Staat liefert das Insolvenzgeld.
- Und der Bürger liefert wie immer die Rechnung.
Nur der Bär liefert keine Milch mehr.
Zumindest nicht aus Weiding.
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