Die entscheidende Frage bei der aktuellen Gasdebatte lautet nicht, ob morgen früh plötzlich die Heizungen ausgehen.
Sie lautet:
Warum ist Deutschland inzwischen derart abhängig davon, was Gas irgendwo auf dem Weltmarkt kostet?
Denn genau hier liegt der Kern des Problems.
Deutschland besitzt praktisch keine eigene Gasversorgung mehr. Das Bundeswirtschaftsministerium räumt selbst ein: 95 Prozent unseres Erdgases werden importiert. Die heimische Förderung deckte 2024 gerade einmal vier Prozent des Bedarfs.
Deutschland ist damit energiepolitisch ein Kunde.
Und Kunden bezahlen den Preis, den andere verlangen.
Früher abhängig von Russland, heute abhängig vom Weltmarkt
Vor 2022 bestand Deutschlands Problem darin, sich über Jahrzehnte stark auf russisches Pipelinegas verlassen zu haben. Mehr als 50 Prozent der deutschen Gasimporte kamen 2021 aus Russland.
Das war eine erhebliche politische Abhängigkeit.
Die Reaktion darauf bestand allerdings nicht darin, Deutschland weitgehend unabhängig von importiertem Gas zu machen.
Stattdessen wurde eine Abhängigkeit gegen eine andere ausgetauscht.
Heute kommt viel Gas über Norwegen. Zusätzlich beziehen wir Gas über die Niederlande und Belgien, wobei dort erhebliche Mengen letztlich aus dem internationalen LNG-Handel stammen. 2024 kamen nach Angaben des Wirtschaftsministeriums 48 Prozent der deutschen Gasimporte aus Norwegen, 25 Prozent über die Niederlande und 18 Prozent über Belgien.
Das Ministerium nennt das „Diversifizierung“.
Das stimmt sogar.
Nur bedeutet diversifiziert nicht unabhängig.
Wir haben das Risiko eines einzelnen dominierenden Lieferanten reduziert. Gleichzeitig haben wir uns stärker einem internationalen LNG-Markt ausgesetzt, auf dem Deutschland mit anderen Käufern um verfügbare Mengen konkurriert.
Und plötzlich interessiert uns eine Krise am Persischen Golf
Genau deshalb kann heute ein Konflikt Tausende Kilometer entfernt unmittelbar auf unsere Gaspreise durchschlagen.
Das Wirtschaftsministerium schreibt selbst, dass Deutschland 2026 erneut von deutlich gestiegenen Energiepreisen betroffen ist. Als Ursache nennt es den militärischen Konflikt im Persischen Golf und die Beeinträchtigung eines zentralen Transportkorridors der weltweiten Energieversorgung.
Das sollte man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen.
Deutschland besitzt eine der größten Volkswirtschaften der Erde.
Aber ob Millionen Haushalte und Unternehmen günstig an Gas kommen, hängt unter anderem davon ab, ob irgendwo im Persischen Golf gerade geschossen wird.
Das ist keine Energieunabhängigkeit. Das ist globalisierte Energieabhängigkeit.
Die deutschen Gasspeicher sind leer.
Die Politik sieht kein Problem.
Die Gasmangellage sei "nicht zu erwarten" und wenn doch, müssen SIE eben mehr zahlen oder sitzen in der kalten Bude…Bereiten Sie sich vor! pic.twitter.com/7cUAJVtPYM
— Dr. David Lütke (@DrLuetke) August 21, 2026
LNG ist flexibel. Und genau deshalb hat es seinen Preis.
LNG hat einen großen Vorteil: Das Gas kann per Schiff dorthin transportiert werden, wo es gebraucht wird. Deutschland kann deshalb Mengen aus unterschiedlichen Regionen beziehen und muss nicht mehr ausschließlich an bestimmte Pipelines gebunden sein. Genau das nennt die Bundesregierung als wichtigen Sicherheitsgewinn.
Aber diese Flexibilität funktioniert in beide Richtungen.
Denn der Verkäufer kann ebenfalls dorthin liefern, wo jemand den attraktiveren Preis bietet.
Deutschland konkurriert damit nicht nur mit seinen europäischen Nachbarn.
Es konkurriert auf dem internationalen LNG-Markt.
Wenn dort die Nachfrage steigt oder Transportwege gefährdet sind, schlägt sich das im Preis nieder.
Wir haben also einen Teil der Lieferantenabhängigkeit gegen Preisabhängigkeit vom Weltmarkt eingetauscht.
Das kann aus Gründen der Versorgungssicherheit sinnvoll sein. Man sollte es den Bürgern nur nicht als energetische Unabhängigkeit verkaufen.
Und die Speicher?
Genau dafür besitzt Deutschland eigentlich seine riesigen Gasspeicher.
Sie sollen Verbrauchsspitzen im Winter abfedern und die Versorgung stabilisieren. Das Wirtschaftsministerium bezeichnet die Speicher selbst als wichtigen Bestandteil der Versorgungssicherheit.
Doch Speicher haben eine lästige Eigenschaft:
Man muss sie befüllen.
Und dafür muss jemand Gas kaufen.
Wenn Gas heute teuer ist und Händler nicht erwarten, es im Winter mit ausreichendem Gewinn verkaufen zu können, verschwindet der wirtschaftliche Anreiz zur Einspeicherung.
Dann trifft Versorgungssicherheit auf Betriebswirtschaft.
Und die Politik appelliert.
Ein bemerkenswertes Konzept für einen Staat, dessen Industrie und Millionen Heizungen von diesem Rohstoff abhängen.
Die Bundesregierung hat das Problem übrigens selbst beschrieben
Besonders interessant ist ein Satz aus dem Wirtschaftsministerium:
„Da Deutschland 95 Prozent seines Erdgases aus Importen bezieht, ist es elementar diese Importe durch einen hohen Grad an Diversifikation abzusichern.“
Übersetzt:
Wir sind fast vollständig vom Ausland abhängig. Deshalb hoffen wir, dass möglichst viele verschiedene Ausländer liefern.
Das ist durchaus vernünftiger als die Abhängigkeit von nur einem Lieferanten.
Aber es bleibt Abhängigkeit.
Der Staat bezahlt sogar die Infrastruktur dieser neuen Abhängigkeit
Noch schöner wird es beim LNG.
Für 2026 sind rund 693 Millionen Euro für LNG-Infrastruktur und weitere Maßnahmen zur Versorgungssicherheit vorgesehen.
Die Expertenkommission zum Energiewende-Monitoring kritisierte sogar ausdrücklich, dass durch die massive staatliche Förderung der LNG-Terminals die Kosten der Versorgungssicherheit von der Allgemeinheit getragen werden.
Man muss dieses Modell bewundern.
Der Steuerzahler finanziert die Infrastruktur.
Der Verbraucher kauft das Gas.
Der Weltmarkt bestimmt den Preis.
Und wenn der Preis explodiert, darf derselbe Bürger anschließend erfahren, dass internationale Krisen leider nicht vorhersehbar seien.
Aber Milliarden für andere Aufgaben sind fest eingeplant
Und hier wird die Sache politisch.
Deutschland muss selbstverständlich internationale Verpflichtungen erfüllen und kann Außen-, Sicherheits- und Energiepolitik nicht einfach in denselben Haushaltstopf werfen.
Aber Haushaltsmittel sind nun einmal endlich.
Wenn Milliarden für internationale Hilfen, Verteidigung, Klimapolitik und andere Projekte bereitgestellt werden, muss gleichzeitig die Frage erlaubt sein:
Welchen Stellenwert hat eigentlich die bezahlbare Energieversorgung der eigenen Bevölkerung und der eigenen Industrie?
Denn eine Regierung kann nicht dauerhaft jede Ausgabe zur moralischen oder geopolitischen Notwendigkeit erklären und anschließend dem Bürger erzählen, für seine Energiepreise sei nun einmal „der Weltmarkt“ zuständig.
Der Weltmarkt verschickt nämlich keine Heizkostenabrechnung.
Das erledigt am Ende der deutsche Versorger.
Und dann kommt Katherina Reiche
Unsere Wirtschaftsministerin heißt übrigens Katherina Reiche.
Das sei vorsichtshalber noch einmal erwähnt, falls bei der spontanen Frage nach dem Namen eine unangenehme Stille entstanden ist.
Reiche erklärte bereits 2025, die Gasversorgung sei stabil und Erdgas auf dem Weltmarkt ausreichend vorhanden. Die Alarmstufe wurde deshalb auf die Frühwarnstufe zurückgesetzt.
Das Problem ist nur:
„Gas ist vorhanden“ und „Gas ist bezahlbar“ sind zwei vollkommen verschiedene Aussagen.
Auf dem Weltmarkt kann theoretisch reichlich Gas vorhanden sein.
Wenn Deutschland dafür aber aufgrund einer internationalen Krise plötzlich erheblich höhere Preise bezahlen muss, hilft diese Feststellung dem Rentner, der Familie und dem energieintensiven Mittelständler herzlich wenig.
Das eigentliche Versagen liegt deshalb tiefer
Die Diskussion über die Speicherstände greift zu kurz.
Die größere Frage lautet:
Wie konnte ein hochindustrialisiertes Land seine Energieversorgung so organisieren, dass politische Entscheidungen in Washington, Moskau, Teheran, Doha oder anderswo innerhalb kürzester Zeit deutsche Produktionskosten und Heizkosten beeinflussen können?
Früher hieß es:
Wir müssen unabhängig von Russland werden.
Das ist weitgehend gelungen.
Nur hätte der zweite Satz lauten müssen:
Wir müssen insgesamt widerstandsfähiger gegen externe Energiepreisschocks werden.
Stattdessen feiern wir heute eine Versorgung als „diversifiziert“, bei der Deutschland weiterhin rund 95 Prozent seines Erdgases importieren muss.
Das ist ungefähr so, als würde jemand verkünden, er sei endlich finanziell unabhängig, weil er jetzt bei fünf verschiedenen Banken Kredite aufgenommen hat.
Vertrauen Sie dieser Energiepolitik?
Das ist deshalb die entscheidende Frage.
Nicht:
Ist heute genügend Gas vorhanden?
Sondern:
Hat Deutschland eine Energieversorgung geschaffen, die auch dann bezahlbar bleibt, wenn die Welt einmal wieder das tut, was sie mit bemerkenswerter Zuverlässigkeit tut: verrücktspielen?
Denn der nächste Krieg kommt.
Die nächste Krise kommt.
Die nächste blockierte Handelsroute kommt.
Und der nächste Politiker wird anschließend vor eine Kamera treten und erklären:
Damit konnte wirklich niemand rechnen.
Doch.
Genau damit müsste eine vernünftige Energiepolitik rechnen.
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