Heute Morgen bin ich von einem entsetzlichen Geräusch aufgewacht.
Ein Schrei.
Nein, keine Sirene. Kein Unfall. Keine Katze, der jemand auf den Schwanz getreten hatte.
Es musste der kollektive Aufschrei unserer bundesdeutschen Wertegemeinschaft sein.
Denn Donald Trump hatte gerade angekündigt, die Straße von Hormus zum Territorium der Vereinigten Staaten erklären zu wollen.
Und da war mir natürlich sofort klar: Jetzt ist Schluss mit lustig.
Jetzt werden die Verteidiger des Völkerrechts aufstehen!
Jetzt werden Sondersendungen einberufen. Jetzt werden Politiker mit sorgenvoller Miene vor Kameras treten und erklären:
„Grenzen dürfen nicht mit Gewalt verschoben werden!“
Trump sagte tatsächlich, nach einem Sieg über den Iran werde er die strategisch enorm wichtige Meerenge zum Territorium der USA erklären. Wie das funktionieren soll, erklärte er nicht. Der Iran wies den Anspruch erwartungsgemäß zurück.
Man stelle sich nur für einen winzigen Moment vor, Wladimir Putin hätte erklärt:
„Die Straße von Hormus gehört demnächst Russland.“
Berlin hätte vermutlich noch vor dem Frühstück das Wort „Sanktionspaket“ buchstabiert.
Friedrich Merz hätte das Völkerrecht entdeckt. Ursula von der Leyen wahrscheinlich ebenfalls. Talkshows hätten Sonderschichten gefahren und irgendein pensionierter General hätte auf einer elektronischen Landkarte erklärt, weshalb jetzt die gesamte regelbasierte Weltordnung am Persischen Golf verteidigt werden müsse.
Und Trump?
Nun ja.
Das ist offenbar etwas anderes.
Vielleicht funktioniert das Völkerrecht neuerdings wie eine Rabattkarte: Die Regeln gelten grundsätzlich für alle, aber Premiumkunden genießen Sonderkonditionen.
Denn was bedeutet eigentlich der Satz:
„Nach unserem Sieg erklären wir dieses strategisch wichtige Gebiet einfach zu unserem Territorium“?
Wenn ein Gegner des Westens so etwas sagt, nennen wir es Imperialismus.
Wenn ein Verbündeter es sagt, suchen wir offenbar erst einmal nach einer diplomatisch angenehmeren Vokabel.
Vielleicht „territoriale Neuinterpretation“.
Oder „regelbasierte Gebietsanpassung“.
„Demokratische Meereserweiterung“ hätte ebenfalls Charme.
Besonders faszinierend ist dabei die deutsche Fähigkeit, das Völkerrecht mit geradezu chirurgischer Präzision situationsabhängig zu entdecken.
Mal ist es heilig.
Mal unverhandelbar.
Mal Grundlage unserer gesamten Außenpolitik.
Und manchmal liegt es offenbar irgendwo hinter dem Sofa und niemand findet es.
Dabei wäre die Sache eigentlich simpel: Wer eine internationale Ordnung verteidigen will, muss ihre Grundsätze auch dann verteidigen, wenn derjenige, der sie infrage stellt, im eigenen politischen Lager steht.
Sonst verteidigt man keine Werte.
Man verteidigt Interessen und nennt sie Werte.
Das darf man machen. Staaten betreiben seit Jahrtausenden Interessenpolitik. Nur dieses permanente moralische Lametta könnte man sich dann sparen.
Und deshalb lausche ich weiter gespannt.
- Wo bleibt der große Aufschrei?
- Wo bleiben die Forderungen nach härtesten Sanktionen gegen Washington?
- Wo bleiben Einreiseverbote?
- Kontensperrungen?
- Wo sind die Demonstrationen mit „Hands off Hormuz“?
- Wann wird der amerikanische Botschafter einbestellt?
- Und wann fordert der erste deutsche Politiker internationale Ermittlungen gegen Trump?
Ich fürchte, ich habe mich heute Morgen schlicht verhört.
Das war gar nicht der Aufschrei der deutschen Wertegemeinschaft.
Es war vermutlich nur der Wecker.
Der funktioniert wenigstens unabhängig davon, wer gerade das Völkerrecht auslegt.
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