Jahrelang genügte schon das Wort „Biolabore“, um eine Debatte zuverlässig in zwei Lager zu zerlegen. Wer nach amerikanisch finanzierten biologischen Einrichtungen in der Ukraine fragte, landete schnell in der Schublade „Verschwörungstheorie“. Dabei zeigt ausgerechnet das US-Verteidigungsministerium, dass hinter der Sache ein sehr realer Kern steckt.
Die USA haben über ihr Cooperative Threat Reduction Program und insbesondere das Biological Threat Reduction Program seit 2005 rund 200 Millionen Dollar in der Ukraine investiert. Nach Angaben des Pentagon wurden damit nicht sechs oder acht, sondern 46 ukrainische Labore, Gesundheitseinrichtungen und diagnostische Standorte unterstützt.
Das ist keine russische Behauptung und keine Information irgendeines obskuren Telegram-Kanals. Es steht in den eigenen Veröffentlichungen des amerikanischen Verteidigungsministeriums.
Und genau hier beginnt die politisch interessante Frage.
Warum finanziert ausgerechnet das Pentagon biologische Forschung?
Washington erklärt das Programm mit Seuchenüberwachung, Biosicherheit, der Sicherung gefährlicher Krankheitserreger und der Beseitigung von Hinterlassenschaften des sowjetischen Biowaffenprogramms. Das Pentagon bestreitet ausdrücklich, in der Ukraine Biowaffen entwickelt zu haben. Auch die Vereinten Nationen erklärten 2022, ihnen seien keine biologischen Waffenprogramme in der Ukraine bekannt.
Das muss man festhalten.
Man darf aber ebenso fragen, warum Programme dieser Art über Jahrzehnte vom amerikanischen Verteidigungsministerium finanziert werden und weshalb sie ausgerechnet in einem geopolitisch hochsensiblen Raum unmittelbar an Russlands Grenze stattfinden.
Denn biologische Forschung besitzt ein grundsätzliches Dual-Use-Problem: Kenntnisse, Labortechnik und Infrastruktur können der Seuchenbekämpfung dienen, zugleich können manche Erkenntnisse sicherheitspolitisch oder militärisch relevant sein. Genau deshalb gehören Transparenz und internationale Kontrolle hier nicht an den Rand, sondern ins Zentrum.
Das eigentliche Problem war die Kommunikation
Besonders bemerkenswert ist deshalb weniger die Existenz ukrainischer Labore. Natürlich besitzt ein moderner Staat biologische und medizinische Labore.
Bemerkenswert ist vielmehr der öffentliche Umgang mit der amerikanischen Beteiligung.
Das Pentagon erklärte später selbst detailliert, wie umfangreich diese Zusammenarbeit war: rund 200 Millionen Dollar, 46 unterstützte Einrichtungen und fast zwei Jahrzehnte Kooperation.
Damit wird deutlich, wie unsinnig eine Debatte ist, in der nur zwei Möglichkeiten zugelassen werden: entweder „Es gab überhaupt nichts“ oder „Die USA betrieben geheime Biowaffenfabriken“.
Beides ist durch die öffentlich zugänglichen Belege nicht gedeckt.
Die belegbare Realität liegt dazwischen und ist politisch interessant genug: Die Vereinigten Staaten finanzierten über ihr Verteidigungsministerium ein umfangreiches biologisches Sicherheits- und Forschungsprogramm in der Ukraine.
Warum wurde darüber nicht von Anfang an nüchtern gesprochen?
Was hätte Washington gesagt, wenn Russland dasselbe getan hätte?
Hier lohnt sich ein Gedankenexperiment.
Angenommen, Russland hätte über sein Verteidigungsministerium seit 2005 rund 200 Millionen Dollar in Dutzende biologische Einrichtungen in Mexiko oder Kuba investiert. Russische Behörden würden erklären, dort gehe es selbstverständlich ausschließlich um Seuchenbekämpfung, Biosicherheit und gefährliche Krankheitserreger.
Hätte Washington das einfach mit einem Schulterzucken akzeptiert?
Wohl kaum.
Es hätte Anhörungen im Kongress gegeben, Geheimdienste wären eingeschaltet worden und amerikanische Medien hätten jedes Labor, jeden Vertrag und jedes Forschungsprojekt untersucht.
Und vermutlich wäre genau das vernünftig gewesen.
Warum sollte also gegenüber amerikanischen Programmen ein geringerer Maßstab gelten?
Misstrauen entsteht nicht durch Fragen, sondern durch Intransparenz
Hinzu kommt, dass biologische Hochsicherheitsforschung tatsächlich besondere Risiken besitzt. Die WHO weist selbst darauf hin, dass Labore mit gefährlichen Krankheitserregern in Kriegsgebieten erhebliche Gefahren darstellen können.
Damit ist noch kein Biowaffenprogramm bewiesen. Aber damit ist sehr wohl erklärt, warum Öffentlichkeit und Nachbarstaaten ein legitimes Interesse daran haben, genau zu erfahren, welche Erreger untersucht werden, welche Projekte finanziert werden, wem die Ergebnisse gehören und welche Sicherheitsmechanismen bestehen.
Gerade bei Programmen eines Verteidigungsministeriums reicht „Vertraut uns einfach“ nicht.
Die Wahrheit ist unangenehmer als beide Propagandaversionen
Die Behauptung, die USA hätten in der Ukraine nachweislich geheime Biowaffen entwickelt, lässt sich mit den öffentlich verfügbaren Belegen nicht seriös behaupten.
Die Behauptung hingegen, amerikanisch finanzierte biologische Programme und Einrichtungen in der Ukraine seien bloß erfunden gewesen, ist ebenso nicht haltbar.
Die USA haben sie selbst bestätigt.
Und zwar in einem Umfang, der beträchtlich ist.
Die eigentliche Affäre besteht deshalb nicht darin, aus jeder Petrischale eine biologische Bombe zu machen. Sie besteht darin, dass eine geopolitisch hochbrisante amerikanische Zusammenarbeit mit ukrainischen Laboren existierte und die öffentliche Diskussion darüber zeitweise derart vergiftet wurde, dass bereits die Frage nach diesen Programmen als unseriös gelten konnte.
Eine Demokratie sollte anders funktionieren.
Wer 200 Millionen Dollar in biologische Sicherheits- und Forschungsinfrastruktur eines Landes an der Grenze zu einem geopolitischen Rivalen steckt, muss mit kritischen Fragen rechnen. Und wer diese Fragen stellt, ist deshalb weder automatisch Verschwörungstheoretiker noch Propagandist.
Manchmal ist die Wirklichkeit schon problematisch genug. Man muss keine Biowaffen dazuerfinden.
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Nachsatz
Und Wuhan? Selbstverständlich alles reiner Zufall. Niemand verantwortlich, niemand hat etwas gewusst, niemand hat etwas finanziert, und überhaupt war Forschung an gefährlichen Viren natürlich ausschließlich zum Wohle der Menschheit gedacht. Die Amerikaner? Grundgute Menschen, die rund um den Globus nur deshalb Geld in biologische Forschung stecken, weil ihnen unser aller Gesundheit so rührend am Herzen liegt.
Dass der Ursprung von SARS-CoV-2 bis heute nicht abschließend geklärt ist und auch ein Laborereignis wissenschaftlich nicht endgültig ausgeschlossen werden konnte, stört diese wunderbar beruhigende Erzählung nur unnötig. Also bitte keine lästigen Fragen zu Geldflüssen, Forschungskooperationen oder Sicherheitsstandards. Vertrauen genügt.
Denn wenn Geschichte eines bewiesen hat, dann doch wohl dies: Wo Geheimdienste, Militärs, geopolitische Interessen und Millionenbeträge zusammentreffen, herrschen grundsätzlich nur Menschenliebe, Transparenz und selbstlose Wissenschaft. Wer könnte daran ernsthaft zweifeln?