Was lange vor allem Russland, China oder Iran zugeschrieben wurde, kommt inzwischen mit bemerkenswerter Deutlichkeit aus Neu-Delhi: Indien fordert die BRICS-Staaten auf, ihren Handel stärker in den eigenen Landeswährungen abzuwickeln und ihre Zahlungssysteme miteinander zu verbinden.
Beim BRICS-Treffen in Neu-Delhi hat Indien eine stärkere wirtschaftliche Eigenständigkeit der Staatengruppe gefordert. Außenminister S. Jaishankar sprach von größerer Widerstandsfähigkeit gegenüber globalen wirtschaftlichen Schocks. Handelsminister Piyush Goyal ging noch konkreter vor: Die BRICS-Mitglieder sollten ihre Zahlungssysteme verknüpfen und verstärkt in ihren jeweiligen nationalen Währungen miteinander handeln.
Das ist weit mehr als eine technische Frage des Zahlungsverkehrs.
Der Dollar soll nicht verschwinden, aber seine Sonderstellung bekommt Konkurrenz
Indien spricht ausdrücklich nicht von der Einführung einer gemeinsamen BRICS-Währung. Neu-Delhi betont sogar, dass es den US-Dollar nicht als Reservewährung ersetzen wolle. Stattdessen geht es um etwas wesentlich Praktischeres: Ein indischer Importeur könnte beispielsweise Geschäfte mit einem BRICS-Partner abwickeln, ohne zwangsläufig den Umweg über den Dollar und das westlich dominierte internationale Zahlungssystem nehmen zu müssen.
Genau darin liegt allerdings die geopolitische Bedeutung.
Denn je größer der Anteil des Welthandels wird, der unmittelbar in Rupien, Yuan, Real, Rubel, Dirham oder anderen Währungen abgewickelt werden kann, desto geringer wird zumindest theoretisch die Notwendigkeit, für jede internationale Transaktion Dollar zu beschaffen.
Der Dollar würde deshalb nicht plötzlich bedeutungslos. Solche Vorstellungen gehören eher in die Abteilung ökonomisches Wunschkonzert. Aber seine bisherige außergewöhnliche Stellung könnte schrittweise relativiert werden.
Indien setzt auf seine eigene Zahlungsinfrastruktur
Besonders interessant ist Indiens Hinweis auf das eigene digitale Zahlungssystem UPI. Goyal erklärte, UPI komme inzwischen auf mehr als 250 Milliarden Transaktionen jährlich und werde bereits in elf Ländern akzeptiert. Indien möchte diese Infrastruktur stärker international vernetzen.
Parallel dazu verfolgt Neu-Delhi noch einen zweiten Ansatz: Die Zentralbank hatte bereits vorgeschlagen, die digitalen Zentralbankwährungen der BRICS-Staaten miteinander zu verbinden. Dadurch könnten grenzüberschreitende Zahlungen schneller und möglicherweise günstiger abgewickelt werden.
Damit zeichnet sich ein ziemlich interessantes Modell ab:
Nicht eine neue BRICS-Währung soll Dollar oder Euro ersetzen. Stattdessen könnten zahlreiche nationale Währungen über gemeinsame oder kompatible Zahlungssysteme unmittelbar miteinander verbunden werden.
Das wäre technisch komplizierter, politisch aber erheblich realistischer.
Warum das Thema Sanktionen dabei kaum zu übersehen ist
Iran formuliert die politische Dimension wesentlich unverblümter. Präsident Masoud Pezeshkian verwies auf die zunehmende Nutzung wirtschaftlicher Instrumente zur Ausübung politischen Drucks und forderte ebenfalls eine stärkere Verwendung nationaler Währungen.
Damit berührt BRICS einen empfindlichen Punkt des bisherigen Weltfinanzsystems.
Wer internationale Zahlungsströme, Clearingstrukturen und Reservewährungen maßgeblich kontrolliert, besitzt nicht nur wirtschaftlichen Einfluss. Er verfügt auch über ein geopolitisches Machtinstrument.
Sanktionen funktionieren besonders wirkungsvoll, wenn Unternehmen und Staaten auf Finanzsysteme angewiesen sind, die von den sanktionierenden Ländern beeinflusst werden können.
Alternative Zahlungswege verringern diese Abhängigkeit.
Und BRICS ist inzwischen schlicht zu groß, um es als Randerscheinung abzutun
Die Gruppe umfasst mittlerweile einen erheblichen Teil der Weltwirtschaft. Nach Angaben der Hindustan Times stehen die BRICS-Mitglieder für rund 49,5 Prozent der Weltbevölkerung, etwa 40 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung und ungefähr 26 Prozent des Welthandels.
Reuters beschreibt BRICS inzwischen ebenfalls als bedeutendes Gegengewicht innerhalb der internationalen Wirtschaftsordnung. Die Gruppe arbeitet bereits an BRICS Pay, einer Vernetzung nationaler schneller Zahlungssysteme, und untersucht zusätzlich die Verbindung digitaler Zentralbankwährungen.
Das bedeutet nicht, dass morgen früh der Dollar abgeschafft wird und in Washington jemand hektisch das Licht ausknipsen muss.
Aber es bedeutet, dass sich Alternativen entwickeln.
Und genau das ist der entscheidende Unterschied.
Ausgerechnet Indien macht die Entwicklung besonders interessant
Russische Forderungen nach einer geringeren Dollarabhängigkeit lassen sich im Westen bequem mit den Sanktionen gegen Moskau erklären. Bei Iran funktioniert dieselbe Argumentation ebenfalls.
Bei Indien wird es schwieriger.
Indien unterhält enge Beziehungen zu den USA und Europa, arbeitet zugleich mit Russland zusammen und steht gegenüber China keineswegs unkritisch da. Gerade deshalb besitzt die indische Initiative besonderes Gewicht.
Neu-Delhi verfolgt offensichtlich keinen simplen „Westen gegen BRICS“-Kurs. Indien versucht vielmehr, seine eigenen wirtschaftlichen Handlungsmöglichkeiten zu vergrößern.
Und genau darin dürfte die eigentliche Zukunft von BRICS liegen: nicht zwingend als antiwestlicher Block, sondern als Zusammenschluss von Staaten, die weniger abhängig von westlichen Institutionen sein wollen.
Das ist ein erheblicher Unterschied.
Der Westen sollte die Entwicklung nicht belächeln
Noch existieren gewaltige Hindernisse. Die BRICS-Staaten haben unterschiedliche Interessen, Handelsungleichgewichte sind enorm und selbst zwischen Indien und China bestehen erhebliche politische Vorbehalte. Reuters weist darauf hin, dass für einen umfangreichen Handel in nationalen Währungen unter anderem Währungsswap-Vereinbarungen erforderlich wären. Frühere Versuche gemeinsamer BRICS-Zahlungsmechanismen kamen zudem nur langsam voran.
Aber die Richtung ist inzwischen kaum noch zu übersehen.
BRICS versucht nicht unbedingt, den Dollar frontal vom Thron zu stoßen. Die Mitglieder bauen vielmehr nach und nach Straßen um ihn herum.
Und wenn genügend dieser Straßen entstehen, könnte irgendwann genau das passieren, was für eine jahrzehntelang dominierende Weltwährung wesentlich unangenehmer ist als jede große politische Kampfansage:
Man braucht sie einfach immer seltener.
Das dürfte die eigentliche Botschaft aus Neu-Delhi sein. Die Weltwirtschaft wird nicht über Nacht „entdollarisiert“. Aber sie könnte Schritt für Schritt multipolarer werden.
Und Indien macht deutlich, dass dieser Prozess längst nicht mehr nur ein russischer oder chinesischer Wunsch ist.
Hashtags:
#BRICS #Indien #Dollar #Dedollarisierung #Weltwirtschaft #Rupie #Zahlungssysteme #UPI #China #Russland #GlobalerSüden #Geopolitik
Schlagworte: BRICS, Indien, Handel in Landeswährungen, US-Dollar, Dedollarisierung, Rupie, UPI, BRICS Pay, digitale Zentralbankwährungen, Weltwirtschaft, Globaler Süden, internationales Finanzsystem