Trump setzt sich über Lincoln und Washington, erklärt die Straße von Hormus zum amerikanischen Gebiet und der sogenannte Wertewesten reagiert mit jener erstaunlichen Gelassenheit, die offenbar immer dann einsetzt, wenn Washington selbst die Regeln verbiegt.
Es gibt Bilder, die mehr über einen politischen Zustand erzählen als hundert Regierungserklärungen. Donald Trumps jüngste Veröffentlichungen gehören dazu.
Der Präsident der Vereinigten Staaten verbreitet eine Rangliste seiner Amtsvorgänger und kennt bei der entscheidenden Frage bemerkenswerterweise keinerlei Zweifel: Ganz oben steht Donald Trump. Allein. In einer eigens geschaffenen Kategorie: „THE GREATEST“.

Abraham Lincoln? Nur „Great“. George Washington? Ebenfalls nur „Great“. Franklin D. Roosevelt, Thomas Jefferson und Andrew Jackson müssen sich ebenfalls eine Etage tiefer einordnen.
Barack Obama und Joe Biden landen dagegen bei den „Failures“.
Das ist tatsächlich keine Satire. Trump veröffentlichte diese Rangliste auf Truth Social. Mehrere Medien berichteten darüber.
Man könnte darüber lachen. Vielleicht sollte man es sogar.
Wenn da nicht gleichzeitig etwas wesentlich Ernsteres passieren würde.
Von „America First“ zu „America owns it“?
Trump verbreitete nämlich auch eine Grafik, auf der die Straße von Hormus als „NEW“ unter den amerikanischen Territorien auftaucht. Bereits zuvor hatte er öffentlich erklärt, die Meerenge praktisch als amerikanisches Gebiet zu betrachten.
Und spätestens hier endet der Spaß.
Die Straße von Hormus ist kein Vorgarten des Weißen Hauses. Sie liegt zwischen Iran und Oman und gehört zu den strategisch bedeutendsten Wasserwegen der Erde. Ein erheblicher Teil des weltweiten Ölhandels läuft normalerweise durch diese Passage.
Kein Präsident kann einen solchen internationalen Seeweg durch eine Grafik auf Truth Social zum amerikanischen Territorium erklären.
So funktioniert Völkerrecht nicht.
Jedenfalls sollte es nicht so funktionieren.
Wo sind eigentlich die Hüter der „regelbasierten Weltordnung“?
Und damit kommen wir zum unangenehmen Teil dieser Geschichte.
Seit Jahren hören Europäer Begriffe wie:
Völkerrecht. Souveränität. Territoriale Integrität. Regelbasierte internationale Ordnung.
Alles wichtige Prinzipien.
Nur besitzen Prinzipien eine ausgesprochen lästige Eigenschaft: Sie müssen auch dann gelten, wenn der eigene Verbündete sie missachtet oder infrage stellt.
Sonst sind es keine Prinzipien.
Dann sind es Instrumente.
Wenn ein russischer, chinesischer oder iranischer Staatschef einen international bedeutsamen Seeweg kurzerhand auf einer Karte seinem Staatsgebiet zuschlagen würde, könnte man vermutlich die empörten Erklärungen europäischer Außenminister schon drucken, bevor der Beitrag vollständig geladen wäre.
Bei Trump hingegen wird analysiert, interpretiert und darüber diskutiert, ob das vielleicht nur Provokation, Verhandlungstaktik oder eben typisch Trump sei.
Wie praktisch.
Ausgerechnet der Westen, der anderen Staaten seit Jahrzehnten Vorträge über internationale Regeln hält, müsste hier besonders laut widersprechen.
Nicht gegen Amerika.
Sondern für die eigenen Regeln.

Die gefährliche Logik des Mächtigen
Denn hinter Trumps Hormus-Grafik steckt eine Denkweise, die viel älter ist als Trump:
Wer militärisch stark genug ist, bestimmt irgendwann selbst, wem etwas gehört.
Genau diese Vorstellung sollte die internationale Ordnung nach 1945 eigentlich überwinden.
Nicht weil die Welt plötzlich von Heiligen regiert wurde, sondern weil die Menschheit mehrfach ausprobieren musste, wohin Großmachtpolitik ohne Grenzen führt. Das Experiment war ausgesprochen kostspielig.
Gerade deshalb ist die Reaktion Europas so wichtig.
Wer territoriale Ansprüche anderer Staaten mit Verweis auf das Völkerrecht verurteilt, kann amerikanische Besitzfantasien nicht achselzuckend als politische Folklore behandeln.
Entweder territoriale Integrität gilt für alle oder sie gilt letztlich für niemanden.
Und dann wäre da noch „THE GREATEST“
Vor diesem Hintergrund bekommt Trumps Präsidenten-Rangliste einen beinahe symbolischen Charakter.
Der Mann setzt sich nicht einfach auf Platz eins.
Er schafft sich eine eigene Kategorie oberhalb von Lincoln und Washington.
Washington, der freiwillig Macht abgab und damit einen entscheidenden Präzedenzfall für die amerikanische Demokratie setzte.
Lincoln, der die Vereinigten Staaten durch ihren existenziellen Bürgerkrieg führte.
Und darüber nun:
Donald Trump.
Allein.
Das ist keine historische Bewertung. Es ist politische Selbstinszenierung in ihrer konzentriertesten Form.
Noch kurioser: Die veröffentlichte Rangliste weist auffällige Lücken auf. Unter anderem fehlen Ronald Reagan, John F. Kennedy, Dwight Eisenhower sowie George H. W. und George W. Bush.
Geschichte wird hier nicht untersucht.
Geschichte wird zur Kulisse für die eigene Person.
Hochmut ist politisch niemals harmlos
Ein Staatschef darf von sich überzeugt sein. Vermutlich gehört ein gewisses Ego sogar zur Berufsbeschreibung eines Menschen, der glaubt, mehrere hundert Millionen Mitbürger führen zu können.
Aber zwischen Selbstbewusstsein und Personenkult liegt eine ziemlich deutliche Grenze.
Wenn ein amtierender Präsident sich selbst über Washington und Lincoln stellt, politische Gegner als historische Versager einsortiert und gleichzeitig Karten verbreitet, auf denen strategisch wichtige Gebiete plötzlich amerikanisch werden, sollte man das nicht einfach als schrulliges Internettheater abtun.
Denn Großmachtpolitik beginnt häufig mit Worten und Symbolen, lange bevor daraus politische Tatsachen werden.
Der Wertewesten muss sich entscheiden
Europa steht deshalb vor einer einfachen Glaubwürdigkeitsfrage:
Sind internationale Regeln universell oder gelten sie nur gegenüber geopolitischen Gegnern?
Wer Russland wegen territorialer Ansprüche kritisiert, muss entsprechende amerikanische Ansprüche ebenfalls zurückweisen.
Wer chinesische Machtpolitik im Südchinesischen Meer kritisiert, kann nicht gleichzeitig erklären, amerikanische Vorstellungen über Hormus seien irgendwie etwas anderes.
Und wer ständig von einer „regelbasierten Ordnung“ spricht, darf deren Regeln nicht davon abhängig machen, welche Flagge gerade über dem Regelbruch weht.
Sonst wird aus der viel beschworenen Wertegemeinschaft eine Interessengemeinschaft mit moralischem Begleittext.
Und die übrige Welt merkt diesen Unterschied längst.
Vielleicht steckt deshalb in dem alten Satz tatsächlich mehr politische Weisheit als in mancher außenpolitischen Grundsatzrede:
Hochmut kommt vor dem Fall.
Donald Trump darf sich selbstverständlich für den größten Präsidenten aller Zeiten halten.
Geschichte hat allerdings eine unangenehme Angewohnheit:
Ihre Ranglisten schreibt sie selbst.
Und sie wartet gewöhnlich, bis die Beteiligten nicht mehr mitredigieren können.
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