USA und Israel griffen Iran an – doch wer haftet für Kriegsschäden, Umweltzerstörung und die wirtschaftlichen Folgen?
Die Bilder ölverschmutzter Küsten im Persischen Golf werfen eine Frage auf, die bei militärischen Abenteuern erstaunlich selten am Anfang gestellt wird: Wer bezahlt eigentlich die Rechnung, wenn der Krieg vorbei ist?
Der iranische Außenamtssprecher Ismail Bagaei beziffert die durch jahrzehntelange Verschmutzung entstandenen Schäden an den Gewässern des Persischen Golfs, der Straße von Hormus und des Golfs von Oman auf Billionen Dollar. Anlass seiner jüngsten Äußerungen sind Ölverschmutzungen an der iranischen Insel Qeschm.
Dabei muss man sauber unterscheiden: Nicht jede Ölverschmutzung in der Region ist automatisch eine Folge amerikanischer oder israelischer Angriffe. Bei einem konkreten Vorfall muss geklärt werden, welches Schiff, welcher Angriff oder welcher Unfall ihn verursacht hat.
Doch Baghaei stellt darüber hinaus eine wesentlich größere und durchaus berechtigte Frage:
Wer trägt Verantwortung dafür, dass eines der empfindlichsten Meeresgebiete und wichtigsten Energiezentren der Welt überhaupt zum Kriegsschauplatz geworden ist?
Wer begann diesen Krieg?
Am 28. Februar 2026 begannen die USA und Israel ihre großangelegten Angriffe auf Iran. Iran reagierte anschließend mit Angriffen auf Israel, amerikanische Stützpunkte und weitere Ziele in der Golfregion.
Wer USA und Israel deshalb als die Angreifer zu Beginn dieses konkreten Krieges bezeichnet, beschreibt zunächst den zeitlichen Ablauf.
Ob daraus juristisch zwingend die völkerrechtliche Einstufung als „Aggressoren“ folgt, ist eine andere Frage, über die Völkerrechtler streiten können.
Politisch bleibt jedoch ein wesentlich einfacherer Grundsatz:
Wer einen Krieg beginnt, muss sich auch Fragen nach den Folgen dieses Krieges gefallen lassen.
Was war eigentlich das Kriegsziel?
Washington formulierte seine Ziele ausgesprochen ambitioniert.
Die iranischen Fähigkeiten zur Produktion und zum Einsatz ballistischer Raketen sollten ausgeschaltet werden. Die iranische Marine sollte zerschlagen, die Unterstützung verbündeter Milizen unterbunden und vor allem dauerhaft verhindert werden, dass Iran eine Atombombe entwickeln kann.
Zeitweise stand sogar ein politischer Umsturz im Raum.
Und nun kommt die entscheidende Frage:
Ist dieses Ziel erreicht worden?
Die Islamische Republik existiert weiterhin.
Das iranische Raketenproblem ist nicht verschwunden.
Das Atomproblem ist nicht verschwunden.
Und am Ende wird wieder über politische Vereinbarungen und Begrenzungen des iranischen Atomprogramms gesprochen.
Man beginnt also einen Krieg, um Probleme militärisch zu lösen, und landet Monate später wieder bei Verhandlungen.
Fast könnte man auf den geradezu revolutionären Gedanken kommen, dass Diplomatie möglicherweise schon vor einem Krieg einen Versuch wert gewesen wäre.
Und wieder einmal Amerika
Besonders bemerkenswert ist dabei die Rolle der Vereinigten Staaten.
Denn ausgerechnet Washington tritt erneut als militärische Ordnungsmacht auf, während die eigene Umwelt- und Energiepolitik seit Jahrzehnten von einem ausgesprochen großzügigen Umgang mit fossilen Brennstoffen geprägt ist.
Die USA haben das Kyoto-Protokoll zwar 1998 unterzeichnet, aber niemals ratifiziert. Damit wurden sie nie Vertragspartei. Während andere Industriestaaten sich verbindlichen Verpflichtungen unterwarfen, blieb eine der größten Volkswirtschaften und Emittenten der Welt draußen.
Auch beim Fracking zeigt sich diese amerikanische Sonderstellung.
Die Vereinigten Staaten haben die Förderung von Öl und Gas mittels Fracking massiv ausgebaut. Dabei sind die möglichen Umweltfolgen keineswegs Hirngespinste irgendwelcher Aktivisten. Amerikanische Behörden selbst beschäftigen sich mit Risiken für Grund- und Oberflächenwasser, Methanemissionen, Flächenverbrauch, Abwasser und durch die Verpressung von Flüssigkeiten ausgelösten Erdbeben.
Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass jedes Fracking-Bohrloch automatisch eine Umweltkatastrophe verursacht.
Es bedeutet aber sehr wohl:
Die Risiken sind bekannt – und trotzdem wird weiter in gigantischem Umfang gefördert.
Die amerikanische Spritschleuder darf natürlich bleiben
Ähnlich bemerkenswert ist die Verkehrspolitik.
Während Europa seine Bürger seit Jahren mit CO₂-Grenzwerten, Flottenverbrauch, Verbrennerdebatten und immer neuen Klimavorgaben beschäftigt, gehören riesige Pick-ups und schwere SUVs weiterhin selbstverständlich zum amerikanischen Straßenbild.
Natürlich existieren auch in den USA Verbrauchs- und Emissionsvorschriften. Doch gleichzeitig wurden unter der gegenwärtigen Regierung bereits beschlossene strengere Vorgaben wieder abgeschwächt beziehungsweise deren Rücknahme eingeleitet.
Der europäische Kleinwagen soll möglichst jedes Gramm CO₂ einsparen.
Beim amerikanischen Pick-up scheint dagegen schon die Vorstellung eines kleineren Motors gelegentlich als Angriff auf die nationale Identität verstanden zu werden.
Man muss diese Politik kaum karikieren. Sie erledigt einen erheblichen Teil davon selbst.
Zuhause fossile Freiheit – am Persischen Golf Krieg
Und genau deshalb bekommt die amerikanische Rolle im Iran-Krieg eine zusätzliche Dimension.
Ein Staat, der im eigenen Land auf maximale Öl- und Gasproduktion setzt, Fracking in gigantischem Umfang betreibt und strengere Verbrauchsvorgaben wieder zurückdreht, führt Tausende Kilometer entfernt Krieg ausgerechnet in jener Region, durch die eine der wichtigsten Energieadern der Erde verläuft.
Dann werden Schiffe beschädigt.
Häfen und Infrastruktur werden angegriffen.
Schifffahrtswege werden unsicher.
Versicherungsprämien steigen.
Ölpreise reagieren.
Und gleichzeitig steigt das Risiko schwerer Umweltkatastrophen.
Anschließend stellt sich plötzlich die Frage:
Wer bezahlt das alles?
Die Straße von Hormus ist keine amerikanische Privatstraße
Die Straße von Hormus gehört zu den empfindlichsten wirtschaftlichen Nadelöhren der Erde. Ein erheblicher Teil des international gehandelten Erdöls passiert diese Meerenge.
Militärische Auseinandersetzungen dort betreffen deshalb nicht nur Iran, Israel und die Vereinigten Staaten.
Sie treffen Unternehmen in Asien.
Sie treffen europäische Industrie.
Sie treffen Fluggesellschaften und Reedereien.
Und schließlich treffen sie den Bürger an Tankstelle, Supermarktkasse und Heizkostenabrechnung.
Die militärische Entscheidung treffen einige wenige Regierungen.
Die wirtschaftliche Rechnung wird anschließend über den ganzen Globus verteilt.
Was für ein erstaunlich komfortables Geschäftsmodell.
Wer bestellt, sollte die Rechnung bekommen
Genau hier liegt der entscheidende Punkt in Baghaeis Frage.
Warum sollen Küstenstaaten, internationale Organisationen oder Steuerzahler rund um den Globus automatisch für Schäden aufkommen, die nachweislich durch militärische Handlungen verursacht wurden?
Bei jedem einzelnen Schaden muss selbstverständlich zunächst die Ursache geklärt werden.
Hat Iran einen Tanker angegriffen und dadurch eine Ölpest verursacht, muss Iran dafür verantwortlich gemacht werden.
Hat Israel eine Anlage bombardiert und dadurch massive Umweltverschmutzungen ausgelöst, muss Israel dafür einstehen.
Hat ein amerikanischer Angriff entsprechende Schäden verursacht, gilt dasselbe für die Vereinigten Staaten.
Und wenn schlicht ein ziviler Frachter aufgrund technischer Probleme Öl verliert, sind Betreiber, Eigentümer und Versicherer gefragt.
Eigentlich ein bemerkenswert einfaches Prinzip:
Wer den Schaden verursacht, bezahlt ihn.
Warum sollte dieses Verursacherprinzip ausgerechnet bei Staaten und Kriegen plötzlich nicht mehr gelten?
Warum keine internationale Schadensrechnung?
Nach diesem Krieg müsste deshalb eine unabhängige internationale Untersuchung sämtliche unmittelbar kriegsbedingten Schäden dokumentieren.
Zerstörte Infrastruktur, beschädigte Tanker, Ölverschmutzungen, Schäden an Fischerei und Küstenökosystemen sowie Kosten für Reinigung und Wiederherstellung müssten erfasst und soweit möglich konkreten Verursachern zugerechnet werden.
Und dann sollte abgerechnet werden.
Nicht nach politischer Freundschaft.
Nicht danach, wer NATO-Mitglied ist.
Nicht danach, welcher Staat gerade als Freund oder Feind des Westens gilt.
Sondern nach Beweisen.
Amerikanischer Angriff – amerikanische Rechnung.
Israelischer Angriff – israelische Rechnung.
Iranischer Angriff – iranische Rechnung.
Das wäre tatsächlich einmal eine regelbasierte internationale Ordnung.
Gleiche Regeln für alle.
Und bitte nicht wieder der europäische Steuerzahler
Denn das übliche Verfahren kennen wir inzwischen.
Erst wird militärisch eskaliert.
Dann werden Milliardenwerte zerstört.
Anschließend kommen Wiederaufbaukonferenzen, internationale Hilfsprogramme, Sonderfonds und Kredite.
Und irgendwo sitzt garantiert wieder jemand in Berlin oder Brüssel und erklärt dem Steuerzahler, warum Deutschland selbstverständlich besondere Verantwortung übernehmen müsse.
Warum eigentlich?
Warum sollte der deutsche Arbeitnehmer für eine zerstörte iranische Hafenanlage bezahlen, wenn nachgewiesen werden kann, dass sie von einer amerikanischen, israelischen oder iranischen Rakete zerstört wurde?
Warum sollte Europa Umweltschäden finanzieren, deren konkrete Verursacher ermittelt werden können?
Verantwortung darf nicht kollektiviert werden, sobald die Rechnung eintrifft.
Krieg darf kein Geschäftsmodell ohne Haftung sein
Seit Jahrzehnten funktioniert internationale Politik nach einem erstaunlichen Ritual.
Politiker entscheiden über militärische Interventionen.
Generäle präsentieren Karten.
Raketen starten.
Bomben fallen.
Infrastruktur wird zerstört.
Und anschließend wird der Wiederaufbau zur Aufgabe der „internationalen Gemeinschaft“ erklärt.
Mit anderen Worten:
Die Entscheidung zum Krieg wird national getroffen. Die Rechnung wird internationalisiert.
Genau dieses Prinzip gehört auf den Prüfstand.
Wer militärische Gewalt einsetzt, muss damit rechnen, für nachweislich dadurch verursachte Schäden finanziell verantwortlich gemacht zu werden.
Das muss für Washington genauso gelten wie für Jerusalem und Teheran.
Und was bleibt vom Kriegsziel?
Damit kommen wir wieder zur Ausgangsfrage.
Was wurde eigentlich erreicht?
Die iranische Regierung existiert weiterhin.
Das Atomproblem besteht weiterhin.
Iran verfügt weiterhin über militärische Fähigkeiten.
Die Straße von Hormus ist unsicherer geworden.
Die Region hat Tote, Verletzte, zerstörte Infrastruktur und gewaltige wirtschaftliche Schäden zu beklagen.
Und nun kommen möglicherweise noch langfristige ökologische Folgen hinzu.
Also noch einmal:
Was wurde durch diesen Krieg tatsächlich erreicht, das diese Kosten rechtfertigt?
Und unmittelbar dahinter steht die vielleicht noch unbequemere Frage:
Wer bezahlt dafür?
Wenn die viel beschworene internationale Ordnung tatsächlich auf Regeln beruhen soll, kann die Antwort nicht lauten:
Diejenigen, die zufällig gerade Steuern zahlen.
Verantwortung muss dort beginnen, wo Entscheidungen getroffen wurden. Und finanzielle Haftung muss dort ansetzen, wo konkrete Schäden nachweislich verursacht wurden.
Das gilt für Iran.
Das gilt für Israel.
Und selbstverständlich gilt es auch für die Vereinigten Staaten.
Denn eine internationale Ordnung, in der Großmächte Kriege führen können und anschließend die finanziellen und ökologischen Folgen der Weltgemeinschaft überlassen, ist keine regelbasierte Ordnung.
Sie ist lediglich ein ausgesprochen komfortables Haftungsmodell für die Mächtigen.
Die Mächtigen führen den Krieg. Die anderen bekommen die Rechnung.
Genau damit muss Schluss sein.
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