Hape Kerkeling trat im Thüringer Landtag nicht als Historiker oder Verfassungsrechtler auf, sondern als prominenter Gast mit einer sehr persönlichen Geschichte: Sein Großvater Hermann war im KZ Buchenwald inhaftiert. Aus dieser Familiengeschichte leitete Kerkeling eine eindringliche politische Warnung ab und warb für ein AfD-Verbotsverfahren. Die Anhörung selbst ging auf einen Antrag der Linken zurück; Kerkeling gehörte zu den geladenen Gästen.
Doch inzwischen ist auch eine andere Seite der Biografie des Großvaters bekannt.
Eine Recherche der Münsterland Zeitung und der Arbeitsgemeinschaft Westmünsterland Genealogie stützt sich auf Zeitungsausschnitte von 1932 und 1933. Demnach wurde Hermann Kerkeling im Oktober 1933 wegen Bandendiebstahls zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Die damalige Presse stellte ihn als Anführer einer Gruppe von zehn Männern dar und schrieb ihr 17 Diebstähle zu. In einem Bericht war von insgesamt rund 80 Straftaten zweier Gruppen die Rede. Das sind zunächst zeitgenössische Presseberichte; sie belegen für sich allein nicht, dass jede darin genannte Tat ihm nachgewiesen wurde. Die Recherche berichtet aber ausdrücklich von der Verurteilung.
Wenige Wochen später kam dem Bericht zufolge ein Verfahren wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ hinzu: Kerkeling hatte kommunistische Flugblätter hergestellt und verbreitet. Dafür sei eine Zusatzstrafe von einem Jahr verhängt worden – insgesamt also neun Jahre Zuchthaus.
Darin liegt auch die Erklärung für unterschiedliche Angaben: Die Arolsen Archives und das Gedenkbuch der Stadt Recklinghausen nennen neun Jahre und fassen die politischen Vorwürfe sowie Einbruch und Diebstahl zusammen. Die neue Recherche unterscheidet zwischen der achtjährigen Strafe wegen Bandendiebstahls und dem späteren zusätzlichen Jahr wegen Hochverrats.
Das macht Kerkelings Großvater nicht nachträglich zum bloßen „Berufsverbrecher“ – dieser Ausdruck ist eine zugespitzte Etikettierung, keine saubere Beschreibung seiner ganzen Biografie. Es macht ihn aber ebenso wenig zu einer makellosen Widerstandsfigur.
Die politische Verfolgung und die Verurteilung wegen schwerer Eigentumsdelikte gehören beide zu diesem Lebenslauf. Wer die eine Seite hervorhebt und die andere auslässt, erzählt eine unvollständige Geschichte.
Nach der Zuchthausstrafe nahm ihn die Gestapo 1942 in sogenannte Schutzhaft und verschleppte ihn nach Buchenwald, wo ihn die SS als politischen Häftling registrierte. Das belegen die Arolsen Archives und das Gedenkbuch der Stadt Recklinghausen.
Kerkeling darf selbstverständlich über das Leid seines Großvaters sprechen. Aber eine Familiengeschichte ist kein Ersatz für eine verfassungsrechtliche Begründung – und moralische Betroffenheit macht eine politische Forderung nicht automatisch richtig. Gerade wer mit Buchenwald und dem Schicksal eines Angehörigen argumentiert, sollte die gesamte Biografie benennen.
Ein moralischer Zeigefinger verliert an Überzeugungskraft,
wenn er auf einer verkürzten Erzählung ruht.
Quellen
- Arolsen Archives: Die Verfolgungsgeschichte von Hermann Kerkeling
- Stadt Recklinghausen: Gedenkbuch-Eintrag Hermann Anton Kerkeling
- Arbeitsgemeinschaft Westmünsterland Genealogie: Recherche zu Bandendiebstahl und Verurteilungen
- MDR: Anhörung im Thüringer Landtag
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