Es gibt Sätze, die klingen entschlossen und sind doch Ausdruck gefährlicher Gedankenlosigkeit. „Russland kann man besiegen“ gehört dazu – jedenfalls dann, wenn mit „besiegen“ nicht ein begrenztes politisches oder militärisches Ziel gemeint ist, sondern die Vorstellung, eine Atommacht könne in einem großen Krieg zur bedingungslosen Niederlage gezwungen werden, ohne dass sie ihre strategischen Nuklearwaffen einsetzt.
Der Beitrag des amerikanischen Analysten Mark B. Schneider über die russische Interkontinentalrakete Sarmat macht deutlich, warum solche Gewissheiten brandgefährlich sind. Schneider beschreibt eine Waffe, die nach russischen Angaben eine enorme Reichweite und ein großes Zerstörungspotenzial haben soll. Er hält Putins Behauptungen über eine Reichweite von mehr als 35.000 Kilometern und eine vierfach höhere Sprengkraft als bei westlichen Vergleichssystemen für plausibel. Das ist eine Einschätzung eines erfahrenen Analysten – aber keine unabhängige Bestätigung sämtlicher russischer Angaben und schon gar keine offizielle Bewertung der US-Regierung. Nipp
Zwischen realer Gefahr und russischer Selbstdarstellung
Bei der Sarmat muss man zwei Dinge gleichzeitig ernst nehmen: die mögliche militärische Bedrohung und die Möglichkeit, dass Moskau ihre Leistungsdaten propagandistisch überhöht.
Schneider stützt die mögliche Zahl von bis zu 20 Sprengköpfen unter anderem auf ältere russische Angaben und Vergleiche mit der sowjetischen SS-18. Andere Einschätzungen fallen vorsichtiger aus: Die Arms Control Association schreibt, die Sarmat könne nach verbreiteter Einschätzung bis zu zehn Sprengköpfe tragen. Das zeigt, wie wenig öffentlich gesicherte Gewissheit über die tatsächliche Beladung besteht. Eine behauptete Höchstkapazität ist nicht dasselbe wie die Zahl der Sprengköpfe, die eine Rakete tatsächlich trägt oder zuverlässig ins Ziel bringen kann. Nipp
Ähnlich verhält es sich mit der Reichweite. Putins Angabe von mehr als 35.000 Kilometern bezieht sich laut Schneider auf eine ungewöhnliche Flugbahn. Das CSIS nennt in seiner technischen Übersicht eine geschätzte Reichweite von 18.000 Kilometern. Die Zahlen beruhen auf unterschiedlichen Annahmen und Flugprofilen. Wer aus der höchsten russischen Angabe eine gesicherte Einsatzleistung macht, übernimmt Moskaus Darstellung als Tatsache. Wer sie pauschal als Prahlerei abtut, macht es sich ebenfalls zu leicht. Nipp
Auch die Entwicklungsgeschichte spricht für nüchterne Vorsicht. Im Mai 2026 wurde ein erfolgreicher Test gemeldet – nach Einschätzung der Arms Control Association erst der zweite bestätigte erfolgreiche vollständige Flugtest. Zugleich gab es mehrere fehlgeschlagene Versuche. Ein erfolgreicher Test macht die Sarmat nicht automatisch zu einem ausgereiften, in großer Zahl einsatzbereiten Waffensystem. Er macht sie aber auch nicht bedeutungslos. Arms Control Association
Auch Amerikas Modernisierung stockt
Schneider weist auf ein echtes Problem der amerikanischen Abschreckung hin: Das Nachfolgesystem Sentinel ist erheblich verspätet und teurer geworden. Das ist keine russische Erfindung. Das US Government Accountability Office berichtet, der erste Flugtest sei gegenüber der ursprünglichen Planung um etwa vier Jahre verschoben worden. Wegen der Verzögerungen könnte die US-Luftwaffe die alternden Minuteman-III-Raketen deutlich länger betreiben als vorgesehen. Die Programmkosten wurden auf mindestens 141 Milliarden Dollar geschätzt; die endgültigen Kosten bleiben unsicher. U.S. GAO
Das ist ein ernstes Modernisierungsproblem. Es beweist aber weder, dass die USA wehrlos wären, noch dass ein einzelnes russisches Raketensystem das strategische Gleichgewicht aufhebt. Schneider selbst schreibt, dass ein Angriff über den Südpol nicht automatisch einen wirksamen Überraschungsschlag gegen sämtliche US-Ziele ermöglichen würde. Reichweitenangaben, Sprengkraft und behauptete Treffergenauigkeit ergeben noch keine vollständige militärische Bilanz. Nipp
Besonders weit geht die Behauptung, die Sarmat ermögliche im Zusammenhang mit einem Fractional Orbital Bombardment einen plötzlichen nuklearen elektromagnetischen Angriff, der zugleich Infrastruktur und Satelliten zerstören könne. Schneider beschreibt dies als Möglichkeit. Daraus folgt nicht, dass ein solcher Angriff praktisch erprobt, zuverlässig durchführbar oder in der behaupteten Wirkung gesichert wäre. Gerade bei derartigen Szenarien muss die Unterscheidung zwischen technischer Möglichkeit, militärischer Planung und politischer Drohkulisse stehen bleiben.
„Russland besiegen“ – was soll das heißen?
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Russland unverwundbar ist. Das ist kein Staat. Die entscheidende Frage ist: Was meinen jene, die von einem Sieg über Russland sprechen?
Ein begrenztes politisches Ziel ist etwas anderes als die Zerschlagung des russischen Staates oder die Niederlage seiner Führung in einem existenziellen Krieg. Eine Atommacht, die sich in ihrer Existenz bedroht sieht, verfügt über Waffen, deren Einsatz nicht mit einer weiteren Runde konventioneller Gefechte vergleichbar wäre. Wer diesen Punkt ausblendet, verkauft Entschlossenheit als Strategie.
Das heißt nicht, dass Russland mit Nukleardrohungen jede Entscheidung diktieren darf. Es heißt auch nicht, jede russische Drohung für bare Münze zu nehmen oder auf Abschreckung zu verzichten. Es heißt, die Eskalationsrisiken ehrlich einzukalkulieren. Denn wenn auf beiden Seiten Politiker und Kommentatoren so tun, als könne man einen Krieg mit einer Atommacht sauber gewinnen, wächst die Gefahr, dass sich aus einer begrenzten Konfrontation eine unkontrollierbare Krise entwickelt.
Abschreckung braucht Klarheit, keine Siegesfantasien
Die Sarmat ist weder ein Beweis für russische Unbesiegbarkeit noch ein Grund, die Gefahr kleinzureden. Sie ist Teil einer strategischen Wirklichkeit, in der Russland über ein gewaltiges Atomwaffenarsenal verfügt und die USA zugleich mit Verzögerungen bei der Modernisierung ihrer landgestützten Raketen zu kämpfen haben.
Wer in diesem Umfeld über den „Sieg“ über Russland spricht, muss erklären, wo dieser Sieg enden soll – und wie verhindert werden soll, dass Moskau eine existenzielle Niederlage mit dem Einsatz seiner Nuklearwaffen beantwortet. Wer darauf keine Antwort hat, betreibt keine nüchterne Sicherheitspolitik. Er spielt mit einer Hoffnung, deren Scheitern sich nicht rückgängig machen lässt.
Quellen
- Mark B. Schneider, National Institute for Public Policy, „Implications of the Successful Russian Sarmat ICBM Test“, 24. September 2026: https://nipp.org/information_series/mark-b-schneider-implications-of-the-successful-russian-sarmat-icbm-test-no-670-september-24-2026/
- Arms Control Association, „Russia Tests New Heavy Missile“, Juni 2026: https://www.armscontrol.org/act/2026-06/news/russia-tests-new-heavy-missile
- Center for Strategic and International Studies, „RS-28 Sarmat“: https://missilethreat.csis.org/missile/rs-28-sarmat/
- U.S. Government Accountability Office, „National Security Snapshot: Intercontinental Ballistic Missile Modernization Faces Critical Risks and Opportunities“, 18. Februar 2026: https://www.gao.gov/products/gao-26-108755
- Reuters, „Images show Russia’s new Sarmat missile suffered major test failure, researchers say“, 23. September 2024: https://www.reuters.com/business/aerospace-defense/russian-missile-failed-during-test-researchers-imagery-indicate-2024-09-23/
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