Es gab einmal eine Zeit, da wurden uns große Worte über Migration mitgegeben. Martin Schulz formulierte 2016 den inzwischen legendären Satz: „Was die Flüchtlinge zu uns bringen, ist wertvoller als Gold.“ Gemeint war, vollständig zitiert, der „unbeirrbare Glaube an den Traum von Europa“.
Zehn Jahre später hat Köln nun offenbar eine kulinarische Variante dieses europäischen Traums entdeckt: fünf Stunden Schlange stehen für ein halbes Hähnchen.
Kein Scherz.
Bei der Eröffnung von „Nhas City Chicken“ in der Kölner Innenstadt bildete sich eine Schlange von zeitweise rund 80 bis 100 Metern. Junge Leute reisten aus anderen Städten an, manche warteten stundenlang. Andere waren schon lange vor Ladenöffnung da.
Der Grund für diese bemerkenswerte Bereitschaft, einen erheblichen Teil der eigenen Lebenszeit zwischen fremden Jacken und Absperrgittern zu verbringen?
TikTok.
Damit wäre dann auch geklärt, wer inzwischen zuverlässig bestimmt, womit sich Teile der jungen Generation an einem Wochenende beschäftigen.
Das Konzept des Unternehmens hat seine Wurzeln im Libanon, angeboten wird ausschließlich halal-zertifiziertes Hähnchenfleisch. Das allein wäre kaum bemerkenswert. Deutschland ist voll mit italienischen Pizzerien, griechischen Restaurants, türkischen Imbissen und asiatischen Küchen. Kulinarischer Austausch gehört zu den angenehmeren Nebenwirkungen einer globalisierten Welt.
Bemerkenswerter wird die Geschichte an anderer Stelle.
Gegen Gründer Omar Nhas wird nach Angaben des WDR und unter Berufung auf die Berliner Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Beteiligung an Geiselnahme, Menschenraub und gefährlicher Körperverletzung ermittelt. Eine Verurteilung liegt damit ausdrücklich nicht vor, es gilt die Unschuldsvermutung.
Nun könnte man meinen, eine solche Nachricht würde einen gewissen Schatten über den Personenkult rund um einen Unternehmer werfen.
Aber wir leben im TikTok-Zeitalter.
Da werden keine Führungszeugnisse geliked, sondern Videos.
Und so wollten zahlreiche Besucher nicht bloß Hähnchen essen, sondern Fotos mit den Betreibern machen. Jubel, Handys, Kameras, Social-Media-Clips. Das Hähnchen wird vom Lebensmittel zum Lifestyleprodukt und der Restaurantbesuch zum Ereignis.
Was früher die Premiere eines Films oder ein Konzert war, ist heute offenbar ein Hühnchen mit Knoblauchsoße.
Fortschritt hat viele Gesichter. Manche sind paniert.
Die Sache hatte allerdings noch einen weniger appetitlichen Nachgang. Der WDR berichtete wenige Tage später über volle Mülleimer und Verpackungen auf den umliegenden Straßen. Essensreste, Einwegverpackungen und Hühnerknochen gehörten zur Begleitmusik des viralen Erfolgs.
Auch das ist inzwischen ein vertrautes Ritual unserer Zeit:
TikTok erzeugt einen Hype, Menschenmassen pilgern hin, anschließend darf jemand den Müll wegräumen.
Und irgendwo im Hintergrund hört man förmlich noch die großen gesellschaftspolitischen Versprechen vergangener Jahre.
„Wertvoller als Gold.“
Martin Schulz sprach damals allerdings nicht über Hähnchen, Halal oder Imbissketten. Er sprach über den Glauben an Europa. Das sollte man ihm fairerweise lassen.
Aber gerade deshalb besitzt der Satz heute eine unfreiwillige Komik.
Denn während die Politik seit Jahren in großen Begriffen über Integration, Vielfalt und gesellschaftliche Transformation diskutiert, liefert das wirkliche Leben gelegentlich Bilder, gegen die jede politische Satire ziemlich blass aussieht:
Eine 100-Meter-Schlange mitten in Köln. Stundenlanges Warten. Wegen eines TikTok-Hähnchens.
Vielleicht ist das also tatsächlich Gold.
Nur eben paniert, halal und mit Garlic-Parmesan-Flavour.
Quellen
WDR, 19.09.2026: „TikTok-Hype in Köln – Sie stehen stundenlang für dieses Hähnchen an“
WDR, 22.09.2026: „Die Kehrseite von Nhas City Chicken“
Tagesschau/WDR: Angaben zum laufenden Ermittlungsverfahren
Martin Schulz, Rede in Heidelberg 2016 / Dokumentation des vollständigen Zitats
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