Man muss die Geschichte schon bemerkenswert geschickt rückwärts erzählen, um aus einem Angreifer plötzlich das Opfer zu machen.
Genau deshalb gehört die Chronologie dieses Krieges an den Anfang:
Nicht Iran hat am 28. Februar 2026 die Vereinigten Staaten angegriffen. Die USA und Israel griffen Iran an.
Damit begann der gegenwärtige Krieg. Auch internationale Nachrichtenagenturen beschreiben den Beginn ausdrücklich als gemeinsamen amerikanisch-israelischen Angriff auf Iran.
Und deshalb ist es geradezu grotesk, wenn Washington heute iranische Gegenangriffe herausgreift und sie so behandelt, als seien sie der Ursprung des Konflikts.
Sie sind es nicht.
Erst bombardieren, dann über die Gegenwehr empört sein
- Seit Ende Februar wird Iran von den Vereinigten Staaten und Israel militärisch angegriffen. Menschen sterben, militärische Einrichtungen und Infrastruktur werden zerstört, die iranische Wirtschaft wird zusätzlich unter Druck gesetzt.
- Iran schlägt zurück.
- Und plötzlich lautet die amerikanische Erzählung: – Seht her, Iran greift unsere Kriegsschiffe an!
- Ja, was erwartet Washington eigentlich? – Dass ein Staat, der militärisch angegriffen wird, höflich zusieht?
Man kann jeden einzelnen iranischen Angriff auf seine militärische Rechtmäßigkeit, Zielauswahl und Verhältnismäßigkeit prüfen. Das muss man sogar. Aber man kann nicht einfach den 28. Februar aus dem Kalender streichen.
Wer über iranische Vergeltung spricht, muss auch über den Angriff sprechen, der ihr vorausging.
Alles andere ist keine Chronologie, sondern politische Dramaturgie.
Jetzt werden Öltanker zerstört
Am 8. September zerstörten amerikanische Streitkräfte nach Angaben des US-Zentralkommandos fünf iranische Rohöltanker.
Washington begründet diese konkrete Aktion damit, dass Iran zuvor amerikanische Kriegsschiffe mit ballistischen Raketen angegriffen beziehungsweise dies versucht habe.
Marco Rubio formuliert daraus inzwischen eine erschreckend primitive Gleichung:
Greift Iran amerikanische Schiffe an, verliert Iran Tanker.
Nur verschweigt diese Logik die entscheidende Vorgeschichte.
Warum befinden sich amerikanische Streitkräfte überhaupt seit Monaten in einem Krieg gegen Iran?
Weil dieser Krieg im Februar mit gemeinsamen amerikanisch-israelischen Angriffen auf Iran begann.
Das ist der Ausgangspunkt.
Nicht ein iranischer Raketenangriff im September.
Die wirtschaftliche Erdrosselung eines Landes
Inzwischen geht es längst nicht mehr ausschließlich um militärische Ziele.
Die Vereinigten Staaten greifen die wirtschaftliche Lebensader Irans an.
Ölexporte werden blockiert. Tanker werden angegriffen. Der wichtigste iranische Ölexporthafen auf der Insel Charg ist nach iranischen Angaben in den vergangenen Monaten Hunderte Male getroffen worden.
Washington versucht ausdrücklich, iranische Ölexporte zu unterbinden.
Das ist wirtschaftliche Kriegsführung mit militärischen Mitteln.
Und dieselbe Regierung präsentiert sich anschließend als Garant einer angeblich regelbasierten internationalen Ordnung.
Welche Regeln sollen das eigentlich sein?
Diejenigen, nach denen eine Großmacht entscheiden darf, welches Land sein Öl verkaufen darf und welches nicht?
Und wieder geht es um Öl
Besonders bitter wird diese Geschichte, wenn man Venezuela danebenstellt.
Dort intervenierten die Vereinigten Staaten militärisch, nahmen Nicolás Maduro fest und brachten ihn außer Landes. Wenige Monate später feierte Washington einen gewaltigen venezolanischen Erdöldeal.
Beim einen Land will Amerika Zugriff auf Öl.
Beim anderen verhindert Amerika den Verkauf von Öl.
Und selbstverständlich wird für beides eine moralisch möglichst ansprechend klingende Begründung geliefert.
Ein erstaunlicher Zufall.
Man könnte beinahe auf die ketzerische Idee kommen, dass amerikanische Außenpolitik gelegentlich etwas mit amerikanischen Interessen zu tun hat.
Fünf Tanker. Und die Umwelt?
Dann bleibt eine Frage, über die erstaunlich wenig gesprochen wird:
Was passiert eigentlich mit der Umwelt, wenn man Öltanker mit militärischen Waffen angreift?
- In Deutschland reicht ein leckgeschlagener Tankwagen, und völlig zu Recht werden Feuerwehr, Wasserbehörden und Umweltschutz eingeschaltet.
- Im Golf von Oman werden fünf mit Rohöl beladene Schiffe angegriffen.
- Und wo bleibt die große ökologische Empörung?
- Wie viel Öl aus den angegriffenen Schiffen ausgetreten ist, ist bislang nicht zuverlässig dokumentiert. Deshalb wäre es unseriös, bereits von einer bestimmten Menge oder einer nachgewiesenen Umweltkatastrophe zu sprechen.
Aber genau deshalb müssten Journalisten und Umweltorganisationen jetzt Fragen stellen:
- Sind Tanks beschädigt worden?
- Ist Rohöl ausgetreten?
- Welche Mengen?
- Welche Auswirkungen drohen für Meerestiere, Fischerei und Küstenregionen?
- Wer untersucht das?
- Und wer haftet?
Merkwürdig still ist es.
Die bemerkenswerte deutsche Zurückhaltung
Noch bemerkenswerter ist die politische Reaktion hierzulande.
Beim russischen Angriff auf die Ukraine wurde vom Bruch des Völkerrechts und vom Angriff auf einen souveränen Staat gesprochen.
Aber genau deshalb muss derselbe Maßstab auch dann gelten, wenn der Angreifer in Washington sitzt.
Völkerrecht ist kein Mannschaftssport.
Entweder staatliche Souveränität gilt grundsätzlich oder sie ist nichts wert.
Wer Russland wegen eines Angriffskrieges verurteilt, kann amerikanische Militärinterventionen nicht automatisch für legitim erklären, nur weil die Bomben diesmal von einem NATO-Partner kommen.
Genau diese unterschiedlichen Maßstäbe beschädigen die Glaubwürdigkeit des Westens erheblich.
Auch die Ukraine begann für Washington nicht erst 2022
Dasselbe Problem begegnet uns bei der Ukraine.
Amerikanische militärische Unterstützung für Kiew begann nicht erst am 24. Februar 2022.
Die Vereinigten Staaten unterstützten die Ukraine bereits vorher militärisch und lieferten ihr unter anderem Waffen.
Das beweist für sich genommen nicht, dass Washington den späteren russischen Großangriff verursacht oder geplant hätte.
Aber es gehört zur Vorgeschichte.
Und Vorgeschichten einfach wegzulassen, weil sie nicht in die gewünschte politische Erzählung passen, ist genau das Problem.
Amerika hat Interessen, keine ewigen Freunde
Die Vereinigten Staaten betreiben Außenpolitik nicht aus Nächstenliebe.
Sie verfolgen geopolitische, wirtschaftliche und militärische Interessen.
Das ist für eine Großmacht zunächst einmal nichts Ungewöhnliches.
Gefährlich wird es dort, wo die eigenen Interessen anschließend als universelle Moral verkauft werden.
- Venezuela.
- Iran.
- Ukraine.
- Naher Osten.
- Öl.
- Militärstützpunkte.
- Sanktionen.
- Blockaden.
Immer wieder begegnet uns dieselbe Vorstellung: Washington definiert seine Interessen und erwartet anschließend von seinen Verbündeten, diese Interessen als gemeinsame Werte zu verkaufen.
Deutschland sollte endlich damit beginnen, seine Außenpolitik nach deutschen und europäischen Interessen auszurichten.
Nicht nach amerikanischen.
Wann gebietet Europa Washington Einhalt?
Donald Trump präsentiert sich gerne als Friedenspräsident.
Sechs Monate nach Beginn des amerikanisch-israelischen Krieges gegen Iran wirken solche Selbstbeschreibungen zunehmend bizarr.
Inzwischen werden Kriegsschiffe beschossen, Militärbasen angegriffen, Tanker zerstört, Öltransporte blockiert und immer mehr Staaten in die Eskalation hineingezogen.
Die Gefahr ist längst nicht mehr theoretisch.
Sie ist real.
Und deshalb muss Europa endlich eine Frage stellen, die es sich viel zu selten zu stellen wagt:
Wann gebieten wir Washington Einhalt?
- Nicht weil Iran ein sympathischer Staat wäre.
- Nicht weil man das iranische Regime verteidigen müsste.
- Sondern weil für Großmächte dieselben Regeln gelten müssen wie für alle anderen.
- Wer Angriffskriege verurteilt, muss Angriffskriege verurteilen.
- Wer staatliche Souveränität verteidigt, muss sie überall verteidigen.
- Wer sich über Umweltzerstörung empört, darf bei brennenden oder zerstörten Öltankern nicht plötzlich schweigen.
- Und wer Frieden fordert, kann nicht gleichzeitig applaudieren, während eine Großmacht ein anderes Land bombardiert, seine wirtschaftlichen Lebensadern angreift und anschließend dessen Gegenwehr als Rechtfertigung für die nächste Eskalationsstufe benutzt.
Sonst verteidigen wir keine Werte.
Dann verteidigen wir lediglich die Interessen desjenigen, der gerade die stärkeren Bomben besitzt.
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