Manchmal braucht große Politik keine langen Reden, keine komplizierten Kommuniqués und keine diplomatischen Formeln. Manchmal genügt ein kleiner Baum.
Beim 18. BRICS-Gipfel in Neu-Delhi haben die Staats- und Regierungschefs der Mitgliedsländer gemeinsam Banyanbäume gepflanzt. Was auf den ersten Blick wie eine jener zeremoniellen Gesten erscheinen mag, die zu internationalen Gipfeltreffen gehören, besitzt gerade in diesem Fall eine bemerkenswerte Symbolkraft.
Denn der Banyan ist kein gewöhnlicher Baum.
Er wächst nicht einfach nur nach oben. Von seinen Ästen senken sich Luftwurzeln zum Boden, schlagen dort erneut Wurzeln und entwickeln sich zu zusätzlichen Stämmen. Auf diese Weise kann aus einem einzigen Baum im Laufe der Zeit ein gewaltiges, beinahe waldähnliches Geflecht entstehen. Einzelne Banyanbäume gehören deshalb zu den Bäumen mit den größten Kronenflächen der Erde.
Genau darin liegt das Bild, das kaum besser zu BRICS passen könnte.
Viele Wurzeln, eine gemeinsame Krone
Der außenpolitische Berater des russischen Präsidenten, Juri Uschakow, hatte die gemeinsame Pflanzaktion bereits vor dem Gipfel angekündigt. Nach russischen Berichten verwies er dabei auch auf die außergewöhnliche Größe der Banyankrone. Die gemeinsame Baumpflanzung fand am 12. September auf dem Außengelände des Bharat Mandapam statt und war unmittelbar nach dem traditionellen „Familienfoto“ der BRICS-Staats- und Regierungschefs vorgesehen.
Und dieses Familienfoto dürfte einmal zu den Bildern gehören, anhand derer man sich an den BRICS-Gipfel 2026 erinnern wird.
Die Staats- und Regierungschefs stehen nicht vor einer sterilen Wand aus Flaggen und Gipfellogos, sondern vor einem lebendigen Garten junger Bäume. Noch sind sie klein. Noch braucht es etwas Vorstellungskraft, um sich vor Augen zu führen, was aus ihnen einmal werden kann.
Vielleicht liegt gerade darin die stärkste Botschaft.
Denn auch BRICS selbst hat klein angefangen.
Aus Brasilien, Russland, Indien und China entwickelte sich zunächst BRIC, mit Südafrika schließlich BRICS. Heute umfasst die Gruppe elf Mitgliedstaaten. Sie repräsentiert inzwischen mehr als 40 Prozent der Weltbevölkerung. Reuters beschreibt BRICS inzwischen als einen Zusammenschluss, der seinen globalen Einfluss deutlich ausbauen will und gerade beim Gipfel von Neu-Delhi versucht, trotz erheblicher internationaler Spannungen gemeinsame Positionen zu finden.
Der Baum wächst.
Indien hat das Symbol mit Bedacht gewählt
Indien hat seine BRICS-Präsidentschaft 2026 unter das Motto „Building for Resilience, Innovation, Cooperation and Sustainability“ gestellt: Widerstandsfähigkeit, Innovation, Zusammenarbeit und Nachhaltigkeit.
Mehr als 350 Treffen und hochrangige Veranstaltungen in über 25 indischen Städten gingen dem Gipfel voraus. Dabei ging es nicht ausschließlich um große Geopolitik, sondern ebenso um Wirtschaft und Finanzen, gesellschaftlichen Austausch, Innovation und praktische Zusammenarbeit.
Der Banyan fügt sich geradezu perfekt in dieses Konzept ein.
Er steht für Beständigkeit.
Er steht für Wachstum.
Er steht für die Fähigkeit, immer neue Wurzeln auszubilden, ohne den ursprünglichen Stamm aufzugeben.
Und er steht dafür, dass Stärke nicht zwangsläufig dadurch entsteht, dass alle gleich werden.
Das ist vielleicht der interessanteste Aspekt von BRICS.
Einheit bedeutet nicht Gleichheit
BRICS ist kein Zusammenschluss identischer Staaten. Ganz im Gegenteil.
Indien und China haben unterschiedliche Interessen. Russland verfolgt andere geopolitische Prioritäten als Brasilien. Die Vereinigten Arabischen Emirate unterscheiden sich politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich fundamental von Südafrika, Äthiopien oder Indonesien. Zwischen einzelnen Mitgliedern bestehen sogar erhebliche Konflikte und Interessengegensätze.
Gerade der Gipfel von Neu-Delhi findet unter schwierigen internationalen Bedingungen statt. Dennoch gelang es den Mitgliedstaaten nach Reuters-Angaben, sich auf eine gemeinsame Gipfelerklärung zu verständigen.
Das ist möglicherweise wichtiger als demonstrative Harmonie.
BRICS muss keine politische Familie sein, in der alle dasselbe denken. Seine Zukunft könnte vielmehr gerade darin liegen, Staaten mit unterschiedlichen politischen Systemen, Kulturen, Religionen und wirtschaftlichen Interessen an einen Tisch zu bringen und dort jene Bereiche zu suchen, in denen Zusammenarbeit möglich ist.
Auch hier passt der Banyan.
Seine zahllosen Wurzeln laufen nicht zu einem einzigen Stamm zusammen. Sie bleiben erkennbar und bilden dennoch gemeinsam eine Krone.
Eine Welt, die nicht mehr nur ein Zentrum kennt
Hinter der Symbolik des Baumes steckt deshalb eine wesentlich größere Entwicklung.
BRICS versteht sich zunehmend als Stimme jener Staaten, die eine stärkere Beteiligung an der Gestaltung der internationalen Ordnung verlangen. Beim Gipfel in Neu-Delhi gehört deshalb die Reform der globalen Institutionen ausdrücklich zu den zentralen Themen. Indiens Premierminister Narendra Modi forderte erneut eine Reform des UN-Sicherheitsrates und erklärte, BRICS müsse seine gemeinsame Stärke stärker in konkrete globale Lösungen übersetzen.
Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass eine bestehende Weltordnung einfach durch eine andere ersetzt werden muss.
Interessanter wäre etwas anderes: eine Weltordnung, in der mehrere Machtzentren miteinander leben, handeln und verhandeln müssen.
Eine multipolare Welt wäre zwangsläufig komplizierter. Sie wäre manchmal unbequem und voller widersprüchlicher Interessen. Aber sie könnte Staaten zugleich mehr Möglichkeiten geben, Partnerschaften selbst zu wählen und wirtschaftliche wie politische Beziehungen breiter aufzustellen.
BRICS versucht, hierfür Strukturen zu schaffen.
Der vielleicht schönste Moment dieses Gipfels
Internationale Gipfel produzieren gewöhnlich Berge von Papier. Erklärungen werden verabschiedet, Arbeitsgruppen eingerichtet, Absichtserklärungen unterschrieben und Formulierungen so lange ausgehandelt, bis niemand mehr genau weiß, welcher Diplomat ursprünglich welchen Halbsatz beanstandet hatte.
Von Neu-Delhi könnte dagegen ein wesentlich einfacheres Bild bleiben:
Menschen aus unterschiedlichen Ländern stehen gemeinsam vor jungen Banyanbäumen.
Heute sind diese Bäume kaum größer als Setzlinge.
In zehn Jahren werden sie Schatten spenden.
In zwanzig Jahren werden ihre Äste weit über den Ort ihrer Pflanzung hinausragen.
Und irgendwann werden neue Wurzeln aus diesen Ästen wieder den Boden erreichen.
Ob BRICS selbst eine vergleichbare Entwicklung nehmen wird, kann heute niemand seriös vorhersagen. Aber die Voraussetzungen dafür sind bemerkenswert. Der Zusammenschluss ist größer geworden, institutionell dichter vernetzt und wirtschaftlich bedeutender als zu Beginn seiner Geschichte.
Vielleicht werden spätere Generationen deshalb auf das Familienfoto von Neu-Delhi 2026 zurückblicken und darin mehr sehen als ein diplomatisches Gruppenbild.
Vielleicht werden sie sagen:
Damals waren die Bäume noch klein.
Und vielleicht gilt das rückblickend auch für das politische Projekt, das sich hinter ihnen versammelt hatte.
Der Banyan wächst langsam. Aber wenn er einmal Wurzeln geschlagen hat, wächst er nicht nur in eine Richtung. Er breitet sich aus, bildet neue Stämme und schafft unter einer immer größeren Krone Raum.
Als Symbol für eine Welt, in der unterschiedliche Nationen ihre Eigenständigkeit bewahren und trotzdem miteinander an einer gemeinsamen Zukunft arbeiten wollen, hätte Indien kaum einen besseren Baum auswählen können.
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