Es ist raus. Nach jahrelanger Tarnung muss ich mich offenbar selbst anzeigen.
Ich spreche Russisch.
Damit dürfte nach den neuesten Erkenntnissen der internationalen Spionageforschung eigentlich alles geklärt sein. Die Beweislage ist erdrückend. Vielleicht sollte ich vorsichtshalber schon einmal sämtliche Schubladen durchsuchen. Irgendwo muss schließlich noch ein Nokia liegen, auf dem „FSB“ steht.
Das schwedische „Dagens Svenskbladet“ hat dankenswerterweise zehn Anzeichen zusammengestellt, an denen man erkennen könne, ob der eigene Lebenspartner möglicherweise ein russischer Spion ist. Darunter finden sich mehrere SIM-Karten und USB-Sticks an merkwürdigen Orten, russische Telefonate zu verdächtig regelmäßigen Zeiten, kryptische Nachrichten und eine Stockholm-Karte mit markierten Brücken. Besonders wissenschaftlich überzeugend: Wer beim Anblick Putins im Fernsehen strammsteht, sollte angeblich ebenfalls unter Beobachtung gestellt werden.
Das eröffnet völlig neue Möglichkeiten.
Ich spreche Russisch. Punkt eins auf meiner persönlichen Gefährderakte.
Ich war sogar schon in der Ukraine. Punkt zwei.
Wenn ich nun auch noch Borschtsch esse, ist die Sache vermutlich gerichtsfest.
Sollte irgendwo in meinem Haus eine Matrjoschka gefunden werden, kann man sich den Prozess wahrscheinlich sparen. Und wehe, ich sage irgendwann „Спасибо“ statt „Danke“. Dann rappelt vermutlich schon der SEK-Bus über den Hof.
Der neue europäische Spionage-Schnelltest
Man stelle sich künftig die Sicherheitsüberprüfung vor:
| „Sprechen Sie Russisch?“ | „Ja.“ | Beamter macht ein Kreuz. |
| „Kennen Sie das kyrillische Alphabet?“ | „Ja.“ | Zweites Kreuz. |
| „Können Sie Достоевский lesen?“ | „Ja.“ | Beamter greift langsam zum Telefon. |
| „Besitzen Sie Wodka?“ | „Nein.“ | „Aha! Sehr geschickt.“ |
Denn gerade das würde ein professioneller Agent natürlich behaupten.
Und damit gelangen wir zum eigentlichen Problem unserer Zeit: Der Russe ist mittlerweile derart allgegenwärtig, dass man höllisch aufpassen muss. Er sitzt angeblich im Internet, im Handy, im Wahlkampf, unter dem Atlantikkabel, hinter der Drohne und offenbar neuerdings möglicherweise sogar neben einem auf dem Sofa.
Die letzte Bastion der westlichen Sicherheit ist deshalb nicht mehr NATO, Satellitenaufklärung oder Nachrichtendienst.
Es ist die Ehefrau, die nachts heimlich kontrolliert, ob ihr Mann im Schlaf plötzlich „Товарищ!“ murmelt.
Besonders verdächtig: Russischkenntnisse
Damit komme ich zu meinem eigenen Fall.
Ich gestehe hiermit öffentlich:
Ich spreche Russisch.
Nicht perfekt, aber immerhin ausreichend, um mich nach Maßstäben zunehmender Spionagehysterie vermutlich irgendwo zwischen „auffällig“ und „sofort Akte anlegen“ einzuordnen.
Sollte ich außerdem irgendwann einen USB-Stick besitzen, dürfte die Beweiskette geschlossen sein.
USB-Stick + Russisch = Moskau.
So funktioniert schließlich moderne Geopolitik. Vermutlich.
Und wenn ich beim Telefonieren dann auch noch sage:
„До свидания.“
kann man eigentlich nur noch hoffen, dass der Zugriff professionell erfolgt.
Die wirklich gefährlichen zehn Anzeichen
Vielleicht brauchen wir deshalb eine deutsche Ergänzung der schwedischen Liste:
- Sie sprechen Russisch.
- Sie können kyrillische Buchstaben lesen.
- Sie besitzen einen USB-Stick.
- Sie haben schon einmal russisches Essen gegessen.
- Sie wissen, wo Moskau liegt.
- Sie sagen „Njet“, obwohl „Nein“ völlig ausgereicht hätte.
- Sie schauen Nachrichten und glauben nicht automatisch alles.
- Sie besitzen einen Atlas, auf dem Russland nicht herausgeschnitten wurde.
- Sie kennen jemanden, der jemanden kennt, der schon einmal in Russland war.
- Sie lachen über diese Liste.
Punkt zehn ist besonders verdächtig.
Denn genau so würde sich ein gut ausgebildeter russischer Agent verhalten.
NACHSATZ
Falls ich in den kommenden Tagen plötzlich verschwunden sein sollte, bitte keine voreiligen Schlüsse ziehen.
Vielleicht bin ich nur einkaufen.
Vielleicht sitze ich aber auch bereits in einem fensterlosen Raum und muss einem sehr ernsten Menschen erklären, weshalb ich Russisch spreche, einen USB-Stick besitze und einmal verdächtig lange auf eine Landkarte geschaut habe.
До свидания!
Mist.
Jetzt habe ich mich endgültig verraten.
Hashtags: #Satire #Russland #Spionage #Russisch #Schweden #Spionagehysterie #Geopolitik #Humor #Medien
Übrigens: Tatsächlich erschien ein solcher Artikel in einem schwedischen Magazin : L I N K Wie weit geht die Indoktrination noch?
