Die BRICS-Staaten haben auf ihrem Gipfel in Neu-Delhi eine gemeinsame Erklärung verabschiedet, die weit über wirtschaftliche Zusammenarbeit hinausgeht. Von einseitigen Sanktionen über Energiesicherheit und Terrorismus bis zum Schutz des kulturellen Erbes formuliert der Staatenverbund Positionen zu zentralen Fragen der internationalen Ordnung. Bemerkenswert ist dabei vor allem eines: Trotz erheblicher Interessengegensätze gelang es den Mitgliedern, einen gemeinsamen Text zu verabschieden.
Der BRICS-Gipfel 2026 findet in einer ausgesprochen angespannten internationalen Lage statt. Kriege und regionale Konflikte belasten Handelswege und Energiemärkte, während Sanktionen, Zölle und geopolitische Blockbildung zunehmend auch zu Instrumenten wirtschaftlicher Auseinandersetzung geworden sind.
Gerade deshalb ist die „New Delhi Declaration“ politisch interessanter, als es die übliche Gipfeldiplomatie mit ihren endlosen Familienfotos und sorgfältig polierten Formulierungen zunächst vermuten lässt.
Klare Absage an einseitige Sanktionen
Einer der wichtigsten Punkte ist die erneute Kritik der BRICS-Staaten an einseitigen Zwangsmaßnahmen und Sanktionen, die nicht vom UN-Sicherheitsrat autorisiert sind und dem Völkerrecht widersprechen.
Diese Position ist keineswegs neu, wird inzwischen aber mit erheblich größerem politischem Gewicht vertreten. Bereits beim Treffen der BRICS-Außenminister im Mai 2026 wurde ausdrücklich erklärt, dass solche Maßnahmen erhebliche Folgen für Entwicklung, Gesundheitsversorgung und Ernährungssicherheit der Bevölkerung betroffener Staaten haben könnten. Die BRICS-Mitglieder erklärten damals außerdem, keine Sanktionen zu unterstützen, die nicht vom UN-Sicherheitsrat autorisiert sind und gegen internationales Recht verstoßen.
Auch die jetzt verabschiedete Erklärung greift diese Linie auf. Reuters und AP berichten übereinstimmend, dass sich die Gipfelteilnehmer erneut gegen einseitige Sanktionen beziehungsweise Zwangsmaßnahmen ausgesprochen haben.
Damit berühren die BRICS einen grundsätzlichen Konflikt der gegenwärtigen Weltordnung: Wer entscheidet eigentlich darüber, wann ein Staat wirtschaftlich isoliert werden darf?
Aus Sicht der BRICS soll diese Entscheidung nicht bei einzelnen Großmächten oder Staatengruppen liegen. Der Bezugspunkt soll vielmehr das internationale Recht und insbesondere das System der Vereinten Nationen bleiben.

Energiesicherheit wird zur geopolitischen Schlüsselfrage
Ein zweiter Schwerpunkt betrifft die Energiesicherheit.
Das ist kaum überraschend. Unter den BRICS-Mitgliedern befinden sich einige der größten Energieproduzenten und gleichzeitig einige der größten Energieverbraucher der Erde. Russland und Iran gehören zu den bedeutenden Öl- und Gasproduzenten, während China und Indien enorme Mengen Energie benötigen.
Hinzu kommen die aktuellen Konflikte im Nahen Osten. Bereits vor dem Gipfel wurde darauf hingewiesen, dass die Auseinandersetzungen rund um Iran und die Straße von Hormus erhebliche Auswirkungen auf Ölhandel, Transportwege und Energiepreise haben.
BRICS betrachtet Energie deshalb zunehmend nicht allein als Wirtschaftsfrage, sondern als Bestandteil nationaler und internationaler Sicherheit.
Dahinter steht ein einfaches Prinzip: Staaten wollen sich weniger abhängig von politischen Entscheidungen Dritter machen. Energieversorgung soll möglichst bezahlbar, zuverlässig und langfristig kalkulierbar bleiben.
Gemeinsame Front gegen Terrorismus
Auch bei der Terrorismusbekämpfung findet die Erklärung deutliche Worte.
BRICS verurteilt Terrorismus grundsätzlich und unabhängig davon, wo, von wem und aus welcher Motivation heraus terroristische Gewalt ausgeübt wird. Bereits frühere Erklärungen betonten, dass Terrorismus weder einer Religion noch einer Nationalität oder ethnischen Gruppe zugeschrieben werden dürfe.
Die Staaten wollen ihre internationale Zusammenarbeit bei der Bekämpfung terroristischer Organisationen, deren Finanzierung und grenzüberschreitender Netzwerke weiter ausbauen.
Gerade angesichts der sehr unterschiedlichen politischen Systeme und Sicherheitsinteressen innerhalb der BRICS ist dieser Konsens bemerkenswert.
Auch der Weltraum gehört auf die Tagesordnung
Weniger öffentlich beachtet, strategisch aber keineswegs nebensächlich, ist das Thema Weltraum.
Die BRICS-Staaten betonen die Bedeutung einer friedlichen Nutzung des Weltraums und der langfristigen Sicherheit von Weltraumaktivitäten. Das knüpft an frühere BRICS-Erklärungen an, in denen bereits vor einem Wettrüsten im All gewarnt und die friedliche Nutzung entsprechend dem internationalen Recht gefordert wurde.
Das Thema dürfte in Zukunft erheblich wichtiger werden.
Satellitennavigation, Kommunikation, Erdbeobachtung, Wettervorhersagen und militärische Aufklärung hängen längst von Weltrauminfrastruktur ab. Wer Satellitensysteme kontrolliert, besitzt damit einen erheblichen strategischen Vorteil.
Dass BRICS diesen Bereich ausdrücklich aufgreift, zeigt, dass der Staatenverbund seine Zusammenarbeit längst nicht mehr auf Handel und Entwicklungsbanken beschränkt.
Kulturgüter sollen in Kriegsgebieten geschützt werden
Bemerkenswert ist außerdem die Forderung nach einem stärkeren Schutz des kulturellen Erbes, insbesondere in Konfliktgebieten.
Dabei geht es nicht nur um zerstörte historische Gebäude.
Kriege führen regelmäßig dazu, dass archäologische Funde, Kunstwerke und religiöse Gegenstände verschwinden und anschließend auf internationalen Schwarzmärkten gehandelt werden. BRICS hatte deshalb bereits in früheren Erklärungen dazu aufgerufen, Kulturgüter in Konfliktregionen sowohl vor Zerstörung als auch vor illegalem Handel zu schützen.
Dahinter steckt eine wichtige Erkenntnis: Wer das kulturelle Erbe eines Landes zerstört, beschädigt nicht lediglich Steine und Kunstgegenstände, sondern einen Teil seiner historischen Identität.
Unterstützung für Syriens Souveränität
Auch Syrien findet erneut ausdrücklich Erwähnung.
Die BRICS-Staaten bekräftigen ihre Unterstützung für Souveränität, Einheit und territoriale Integrität des Landes. Schon das Außenministertreffen im Mai hatte diese Position festgeschrieben und zugleich einen von Syrien getragenen politischen Prozess sowie den Abzug von Besatzungskräften gefordert.
Damit setzt BRICS einen deutlichen Akzent auf das Prinzip staatlicher Souveränität.
Und genau dieses Prinzip zieht sich wie ein roter Faden durch einen erheblichen Teil der außenpolitischen Aussagen des Staatenverbundes.
BRICS versucht, eine Alternative zu formulieren
Man sollte aus solchen Gipfelerklärungen keine Wunder ableiten. Eine gemeinsame Erklärung verändert noch keine Weltordnung. Auch innerhalb der BRICS bestehen erhebliche Interessengegensätze. China und Indien verfolgen keineswegs immer dieselben Ziele, und selbst zwischen Iran und den Vereinigten Arabischen Emiraten bestehen erhebliche Spannungen. Gerade diese Differenzen hatten die Suche nach einem gemeinsamen Gipfeltext erschwert.
Umso bemerkenswerter ist die Tatsache, dass schließlich eine gemeinsame Erklärung zustande kam.
Reuters berichtet, dass sie einstimmig angenommen wurde. Zugleich rufen die Staaten angesichts der Konflikte im Nahen Osten zu Zurückhaltung, Dialog und Diplomatie auf.
Der politische Kern der Erklärung lässt sich deshalb auf wenige Begriffe reduzieren:
Souveränität, Multilateralismus, Energiesicherheit, Ablehnung einseitiger Zwangsmaßnahmen und eine stärkere Rolle der Vereinten Nationen.
Das ist letztlich der Anspruch, mit dem BRICS zunehmend auftritt.
Der Zusammenschluss will nicht lediglich ein weiterer Gesprächskreis neben G7 oder G20 sein. Er versucht, den Staaten des sogenannten Globalen Südens größeren Einfluss auf internationale Regeln und Institutionen zu verschaffen.
Dass BRICS inzwischen Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika, Ägypten, Äthiopien, Indonesien, Iran und die Vereinigten Arabischen Emirate umfasst, verleiht diesem Anspruch erhebliches demografisches und wirtschaftliches Gewicht.
Neu-Delhi zeigt: Die multipolare Welt nimmt Gestalt an
Die vielleicht wichtigste Botschaft des Gipfels steht deshalb nicht in einem einzelnen Absatz der Erklärung.
Sie ergibt sich aus dem Gesamtbild.
Staaten mit sehr unterschiedlichen Interessen versuchen, Regeln für ihre Zusammenarbeit zu entwickeln, ohne sich automatisch einem einzigen geopolitischen Machtzentrum unterzuordnen.
BRICS ist dabei weder vollkommen geschlossen noch frei von Widersprüchen. Aber genau darin liegt paradoxerweise seine Bedeutung: Diese Länder müssen nicht in jeder Frage einer Meinung sein, um gemeinsam mehr politischen Handlungsspielraum einzufordern.
Die New Delhi Declaration ist deshalb weniger das Endergebnis einer Entwicklung als ein weiteres Zeichen dafür, wie schnell sich die internationale Ordnung verändert.
Die Welt des Jahres 2026 ist längst nicht mehr jene der ersten Jahrzehnte nach dem Ende des Kalten Krieges. Neue wirtschaftliche Zentren entstehen, alte Machtverhältnisse werden hinterfragt und immer mehr Staaten verlangen Mitsprache darüber, nach welchen Regeln internationale Politik betrieben wird.
BRICS erhebt in Neu-Delhi genau diesen Anspruch: Nicht eine einzelne Macht soll die Regeln bestimmen, sondern eine zunehmend multipolare Staatenwelt soll sie gemeinsam aushandeln.
Ob dieser Anspruch tatsächlich in eine stabilere internationale Ordnung mündet, muss sich erst zeigen. Ignorieren lässt sich die politische und wirtschaftliche Verschiebung dahinter jedoch kaum noch.
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