Zum Inhalt springen
  • Start
  • 2026
  • September
  • 16.
  • Drei Nadelöhre, ein Weltmarkt: Die Energiekrise erreicht eine gefährliche neue Stufe
  • WELT

Drei Nadelöhre, ein Weltmarkt: Die Energiekrise erreicht eine gefährliche neue Stufe

vor 6 Stunden(Letzte Aktualisierung:vor 1 Tag) 7 Minuten gelesen
kein öl mehr

Es gibt Nachrichtenlagen, bei denen einzelne Meldungen für sich genommen noch beherrschbar wirken. Erst wenn man sie nebeneinanderlegt, erkennt man das eigentliche Problem. Genau an diesem Punkt befindet sich derzeit der globale Ölmarkt.

Die Lage im Nahen Osten ist nicht einfach „angespannt“. Mehrere der wichtigsten Transportwege der Welt geraten gleichzeitig unter Druck. Und genau diese Gleichzeitigkeit macht die Situation außergewöhnlich gefährlich.

Die saudische Ost-West-Pipeline ist nach den jüngsten Angriffen außer Betrieb. Das ist keineswegs irgendeine Leitung in der Wüste. Sie war gerade deshalb so wichtig geworden, weil sie Öl aus dem Osten Saudi-Arabiens zum Roten Meer transportiert und damit die Straße von Hormus umgehen kann. Zuletzt liefen darüber etwa vier bis fünf Millionen Barrel täglich. Reuters berichtet inzwischen, dass Saudi-Arabiens Exportbestände an den entsprechenden Häfen nur für wenige Tage reichen könnten, sollte die Pipeline nicht wieder anlaufen.

Noch beunruhigender: Nach aktuellen Berichten dürfte die Leitung nicht einfach morgen wieder aufgedreht werden. AP berichtet von einer möglichen Reparaturdauer von drei bis fünf Wochen.

Damit fällt ausgerechnet der wichtigste saudische Umgehungsweg in einer Situation aus, in der die Straße von Hormus selbst bereits massiv beeinträchtigt ist. Dort war der Schiffsverkehr zeitweise gegenüber normalen Verhältnissen drastisch eingebrochen.

Und dann kommt das dritte Nadelöhr: Bab el-Mandeb.

Die Meerenge zwischen Jemen und dem Horn von Afrika verbindet das Rote Meer mit dem Golf von Aden. Die militärischen Entwicklungen im Jemen haben diese Route inzwischen ebenfalls zu einem unmittelbaren Risikofaktor gemacht. Reuters berichtet vom Vormarsch der Huthi auf die strategisch wichtige Insel Perim direkt an der Meerenge.

Damit entsteht eine Konstellation, die man kaum dramatisieren muss, weil die Zahlen selbst dramatisch genug sind:

Hormus eingeschränkt.
Die saudische Umgehungspipeline ausgefallen.
Bab el-Mandeb bedroht.

Das ist der entscheidende Punkt.

Man sollte allerdings mit der einfachen Rechnung „15 + 9 + 4 = 28 Millionen Barrel verschwinden“ vorsichtig sein. Diese Mengen lassen sich nicht vollständig addieren, weil sich Verkehrsströme und Exportmengen teilweise überschneiden. „Gefährdet“ bedeutet außerdem nicht automatisch „vom Markt verschwunden“.

Aber selbst mit dieser Einschränkung bleibt die Größenordnung erschreckend.

Die Internationale Energieagentur beziffert die weltweite Ölproduktion derzeit auf ungefähr 100 Millionen Barrel täglich. Wenn gleichzeitig Transportwege betroffen sind, über die ein zweistelliger Prozentsatz des weltweiten Angebots läuft oder umgeleitet werden müsste, reden wir nicht mehr über eine gewöhnliche Ölpreisschwankung.

Wir reden über ein mögliches systemisches Versorgungsproblem.

Der gefährliche Irrtum: „Dann fördern eben andere mehr“

So einfach funktioniert der Ölmarkt leider nicht. Öl ist kein Wasserhahn, bei dem Texas, Brasilien oder Kanada kurz etwas kräftiger aufdrehen und am Montagmorgen fehlen plötzlich keine Millionen Barrel mehr.

Förderkapazitäten, geeignete Rohölsorten, Raffineriekapazitäten, Tanker, Häfen, Versicherungen und Transportwege müssen zusammenpassen. Hinzu kommt, dass die Reserven und Ausweichmöglichkeiten, die frühere Störungen abgefedert haben, bereits erheblich beansprucht wurden.

Der Ausfall der saudischen Pipeline ist deshalb psychologisch und praktisch so gefährlich: Es fällt nicht nur eine Lieferroute aus. Es fällt eine Route aus, die eigentlich den Ausfall einer anderen Route kompensieren sollte.

Das ist ungefähr so, als würde während eines Hausbrands festgestellt, dass gleichzeitig die Sprinkleranlage ausgefallen ist.

Die Märkte haben längst reagiert. Brent-Rohöl liegt inzwischen wieder deutlich über 100 Dollar je Barrel; Reuters meldete am 15. September erneut steigende Preise wegen der saudischen Pipeline und weiterer Angriffe.

Doch der Ölpreis selbst wäre nur der Anfang.

Wenn Öl fehlt, wird fast alles teurer

Ein länger andauernder Engpass würde zunächst Benzin, Diesel, Heizöl und Flugtreibstoff treffen. Danach wandert der Preisschock durch praktisch die gesamte Wirtschaft.

Speditionen zahlen mehr für Diesel. Landwirte zahlen mehr für Treibstoff. Fluggesellschaften zahlen mehr für Kerosin. Kunststoffproduktion, Chemie und Petrochemie werden teurer. Lebensmitteltransporte werden teurer. Unternehmen geben ihre Kosten weiter.

Und irgendwann steht der höhere Preis wieder an der Supermarktkasse.

Damit kehrt auch ein Gespenst zurück, das Europa gerade mühsam einzufangen versucht hat: Inflation.

Noch unangenehmer wäre eine Kombination aus steigenden Energiepreisen und sinkender Wirtschaftsleistung. Dann hätten Zentralbanken ein ausgesprochen hässliches Problem: Senken sie die Zinsen zur Stützung der Konjunktur, können sie die Inflation weiter anheizen. Bekämpfen sie die Inflation mit hohen Zinsen, belasten sie eine ohnehin schwächelnde Wirtschaft zusätzlich.

Europa sollte besonders aufmerksam werden

Für Europa ist die Entwicklung noch brisanter.

Der Kontinent hat seine Energieversorgung in den vergangenen Jahren erheblich umgebaut. Dabei wurde immer wieder argumentiert, unterschiedliche Lieferanten und Transportwege würden die Versorgung sicherer machen.

Das funktioniert allerdings nur, solange diese Transportwege tatsächlich verfügbar sind.

Wenn Hormus ausfällt, braucht man Alternativen. Wenn gleichzeitig die saudische Ost-West-Pipeline ausfällt, schrumpfen diese Alternativen. Wird zusätzlich Bab el-Mandeb unsicher, geraten auch die Routen über das Rote Meer und den Suezkanal unter Druck.

Dann bleibt Tankern teilweise nur der lange Weg um Afrika.

Mehr Strecke bedeutet mehr Zeit, mehr Treibstoff, höhere Charterkosten und weniger verfügbare Tankerkapazität. Aus einer regionalen militärischen Krise wird damit sehr schnell ein weltweites logistisches Problem.

Noch ist das keine Katastrophe. Aber die Voraussetzungen dafür sind vorhanden.

Man sollte deshalb weder in Panik verfallen noch die Lage kleinreden.

Entscheidend wird sein, wie lange die saudische Pipeline ausfällt, wie stark Hormus tatsächlich nutzbar bleibt und ob Bab el-Mandeb für den internationalen Schiffsverkehr offen bleibt.

Fällt nur einer dieser Faktoren günstig aus, kann sich die Lage erheblich entspannen.

Fallen dagegen alle drei ungünstig aus, dürfte die Welt erleben, wie empfindlich eine Wirtschaft mit rund 100 Millionen Barrel täglichem Ölbedarf auf den Verlust ihrer wichtigsten Energieadern reagiert.

Und genau darin liegt das eigentlich Alarmierende:

Die Welt muss derzeit nicht mehr über ein theoretisches Szenario diskutieren, bei dem mehrere große Öltransportwege gleichzeitig bedroht werden.

Dieses Szenario beginnt sich vor unseren Augen zu entwickeln.

Vielleicht ist deshalb nicht die Frage entscheidend, ob morgen 20, 25 oder 30 Millionen Barrel fehlen.

Die wichtigere Frage lautet:

Wie viele weitere Störungen kann das globale Energiesystem überhaupt noch verkraften, bevor aus einer angespannten Versorgungslage eine echte Versorgungskrise wird?

Die Antwort darauf möchte vermutlich niemand unter realen Bedingungen herausfinden.

Hashtags: #Öl #Energiekrise #Nahost #SaudiArabien #Hormus #BabElMandeb #Energieversorgung #Ölpreis #Inflation #Europa #Weltwirtschaft

Nachsatz: Wer hat diese Eskalation eigentlich ausgelöst?

Bei all den Meldungen über Huthi, Iran, Raketen, Drohnen und bedrohte Seewege sollte man die Vorgeschichte nicht ausblenden. Die gegenwärtige Eskalation ist nicht im luftleeren Raum entstanden. Die militärische Konfrontation der USA mit Iran und die daraus folgenden Reaktionen haben entscheidend dazu beigetragen, dass aus regionalen Spannungen eine Bedrohung für zentrale Energierouten der Welt geworden ist.

Deshalb wäre es zu bequem, die Verantwortung schlicht „jemenitischen Rebellen“ oder „den Iranern“ zuzuschieben. Washington trägt für die Eskalationsspirale und ihre wirtschaftlichen Folgen erhebliche Verantwortung. Wer militärisch in einer Region interveniert, durch die ein großer Teil der weltweiten Energieversorgung läuft, muss wissen, welches Risiko er damit eingeht.

Und nun bekommt nicht nur Amerika die Rechnung präsentiert. Europa bekommt sie ebenfalls. An der Tankstelle, beim Heizöl, über höhere Transportkosten und möglicherweise über eine neue Inflationswelle.

Man kann Kriege beginnen oder eskalieren. Man kann anschließend aber nicht bestimmen, wo deren wirtschaftliche Folgen enden.

Über den Autor

Avatar-Foto

B. Denkentraeger

Contributor

Über manche Dinge sollte man erstmal eine Nacht schlafen.

Alle Beiträge anzeigen

Was denkst du darüber?

  • WELT
Tags: Bab el-Mandeb Energieversorgung Inflation Nahostkonflikt Ölkrise Ölpreis Ost-West-Pipeline Rohöl Saudi-Arabien Straße von Hormus Weltwirtschaft

Beitragsnavigation

Zurück: Politisches Beben in Deutschland: Was das Ausland über den AfD-Sieg denkt
Weiter: Wenn dem Kanzler die Innenpolitik lästig wird

Andere Beiträge des Autors

Der Krieg begann nicht 2022: Wer Frieden will, muss endlich auch über den Donbass reden UKRAINE WILL WEITER KRIEG
  • Uncategorized

Der Krieg begann nicht 2022: Wer Frieden will, muss endlich auch über den Donbass reden

vor 2 Tagen 0
Wenn dem Kanzler die Innenpolitik lästig wird Arktische Probleme
  • Politik

Wenn dem Kanzler die Innenpolitik lästig wird

vor 1 Tag
Wenn aus „Slawa Ukrajini“ eine hohle Parole wird WIDERSPRUCH UKRAINE
  • Ukraine

Wenn aus „Slawa Ukrajini“ eine hohle Parole wird

vor 5 Tagen 0
Auf dem linken Auge blind Umspannwerk
  • Politik

Auf dem linken Auge blind

vor 2 Wochen 0

Verwandte Geschichten

AUSLAND AFD
6 Minuten gelesen
  • WELT

Politisches Beben in Deutschland: Was das Ausland über den AfD-Sieg denkt

vor 4 Tagen 0
YEMEN AMERIKANER
6 Minuten gelesen
  • WELT

Vielleicht wollen sie die Amerikaner einfach nicht dort haben

vor 2 Tagen 0
NATO FISCHER
6 Minuten gelesen
  • WELT

Die NATO wird nicht überleben – und vielleicht ist genau das längst überfällig

vor 5 Tagen 0
SPANIEN CEUTA-k
8 Minuten gelesen
  • WELT

Russland war’s? Sánchez bastelt sich seine Ceuta-Welt, wie sie ihm gefällt

vor 2 Wochen 0
FLUT in NEPAL-k
2 Minuten gelesen
  • WELT

Die gewaltige Kraft der Natur: Sturzflut verwüstet Region in Nepal

vor 3 Wochen 0
Selbstdarstellung-k
5 Minuten gelesen
  • WELT

Wer genau glaubt diese Frau eigentlich zu sein?

vor 4 Wochen 0
Gute Raketen-schlechte Raketen-k
5 Minuten gelesen
  • WELT

Wenn zwei dasselbe tun, ist es noch lange nicht dasselbe

vor 4 Wochen 0
Pfui Israel
4 Minuten gelesen
  • WELT

Das kann niemals deutsche Staatsräson sein

vor 4 Wochen 0

Aktuell im Trend

Politisches Beben in Deutschland: Was das Ausland über den AfD-Sieg denkt AUSLAND AFD 1
  • WELT

Politisches Beben in Deutschland: Was das Ausland über den AfD-Sieg denkt

vor 4 Tagen 0
Drei Nadelöhre, ein Weltmarkt: Die Energiekrise erreicht eine gefährliche neue Stufe kein öl mehr 2
  • WELT

Drei Nadelöhre, ein Weltmarkt: Die Energiekrise erreicht eine gefährliche neue Stufe

vor 1 Tag
Vielleicht wollen sie die Amerikaner einfach nicht dort haben YEMEN AMERIKANER 3
  • WELT

Vielleicht wollen sie die Amerikaner einfach nicht dort haben

vor 2 Tagen 0
Der Krieg begann nicht 2022: Wer Frieden will, muss endlich auch über den Donbass reden UKRAINE WILL WEITER KRIEG 4
  • Uncategorized

Der Krieg begann nicht 2022: Wer Frieden will, muss endlich auch über den Donbass reden

vor 2 Tagen 0

Zitate des "Noch" Kanzlers im Vergleich

Die Sozialpolitik der CDU


Das Wetter in [object Promise]

Recent Posts

  1. Sicherheitsgarantien ohne Russland: Merz plant den Frieden wie einen nächsten Krieg – Analyse Gegenstrom zu Гарантии безопасности без России: Мерц планирует мир так, словно готовится к следующей войне
  2. Polizei fahndet mit Foto nach Abdul B. nach Anschlag auf Berliner CSD – Analyse Gegenstrom zu Blutiger Angriff auf den Berliner CSD: Vieles spricht für einen islamistischen Terroranschlag
  3. 📉 Die verlorene Generation: Selbst wenn morgen Frieden wäre, wer baut die Ukraine wieder auf? – Analyse Gegenstrom zu Die Ukraine AG: Wenn Krieg zum Geschäftsmodell wird
  4. Neuer Oberbefehlshaber der Ukraine: Eine Personalentscheidung mit erheblichem Konfliktpotenzial – Analyse Gegenstrom zu Helden oder historische Irrwege? Die Ukraine und ihre gefährliche Erinnerungspolitik
  5. ⚠️ Wenn Warnungen nicht mehr gehört werden – Analyse Gegenstrom zu Kommentar: Europa gießt weiter Öl ins Feuer

  • September 2026
  • August 2026
  • Juli 2026
  • Juni 2026
  • Mai 2026
  • April 2026
  • März 2026
  • Februar 2026
  • Januar 2026
  • Mai 2024

Trending Stories
  • Der Krieg begann nicht 2022: Wer Frieden will, muss endlich auch über den Donbass reden
  • BRICS-Gipfel in Neu-Delhi: Eine gemeinsame Erklärung gegen Sanktionen, Terrorismus und neue globale Unsicherheit
  • Vielleicht wollen sie die Amerikaner einfach nicht dort haben
  • Drei Nadelöhre, ein Weltmarkt: Die Energiekrise erreicht eine gefährliche neue Stufe
  • Politisches Beben in Deutschland: Was das Ausland über den AfD-Sieg denkt

Das hast du vielleicht versäumt

AUSLAND AFD
6 Minuten gelesen
  • WELT

Politisches Beben in Deutschland: Was das Ausland über den AfD-Sieg denkt

vor 4 Tagen 0
kein öl mehr
7 Minuten gelesen
  • WELT

Drei Nadelöhre, ein Weltmarkt: Die Energiekrise erreicht eine gefährliche neue Stufe

vor 1 Tag
YEMEN AMERIKANER
6 Minuten gelesen
  • WELT

Vielleicht wollen sie die Amerikaner einfach nicht dort haben

vor 2 Tagen 0
UKRAINE WILL WEITER KRIEG
6 Minuten gelesen
  • Uncategorized

Der Krieg begann nicht 2022: Wer Frieden will, muss endlich auch über den Donbass reden

vor 2 Tagen 0
Urheberrecht © {Jahr} Alle Rechte vorbehalten.