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Drei Nadelöhre, ein Weltmarkt: Die Energiekrise erreicht eine gefährliche neue Stufe

vor 2 Monaten(Letzte Aktualisierung:vor 2 Monaten) 7 Minuten gelesen
kein öl mehr

Es gibt Nachrichtenlagen, bei denen einzelne Meldungen für sich genommen noch beherrschbar wirken. Erst wenn man sie nebeneinanderlegt, erkennt man das eigentliche Problem. Genau an diesem Punkt befindet sich derzeit der globale Ölmarkt.

Die Lage im Nahen Osten ist nicht einfach „angespannt“. Mehrere der wichtigsten Transportwege der Welt geraten gleichzeitig unter Druck. Und genau diese Gleichzeitigkeit macht die Situation außergewöhnlich gefährlich.

Die saudische Ost-West-Pipeline ist nach den jüngsten Angriffen außer Betrieb. Das ist keineswegs irgendeine Leitung in der Wüste. Sie war gerade deshalb so wichtig geworden, weil sie Öl aus dem Osten Saudi-Arabiens zum Roten Meer transportiert und damit die Straße von Hormus umgehen kann. Zuletzt liefen darüber etwa vier bis fünf Millionen Barrel täglich. Reuters berichtet inzwischen, dass Saudi-Arabiens Exportbestände an den entsprechenden Häfen nur für wenige Tage reichen könnten, sollte die Pipeline nicht wieder anlaufen.

Noch beunruhigender: Nach aktuellen Berichten dürfte die Leitung nicht einfach morgen wieder aufgedreht werden. AP berichtet von einer möglichen Reparaturdauer von drei bis fünf Wochen.

Damit fällt ausgerechnet der wichtigste saudische Umgehungsweg in einer Situation aus, in der die Straße von Hormus selbst bereits massiv beeinträchtigt ist. Dort war der Schiffsverkehr zeitweise gegenüber normalen Verhältnissen drastisch eingebrochen.

Und dann kommt das dritte Nadelöhr: Bab el-Mandeb.

Die Meerenge zwischen Jemen und dem Horn von Afrika verbindet das Rote Meer mit dem Golf von Aden. Die militärischen Entwicklungen im Jemen haben diese Route inzwischen ebenfalls zu einem unmittelbaren Risikofaktor gemacht. Reuters berichtet vom Vormarsch der Huthi auf die strategisch wichtige Insel Perim direkt an der Meerenge.

Damit entsteht eine Konstellation, die man kaum dramatisieren muss, weil die Zahlen selbst dramatisch genug sind:

Hormus eingeschränkt.
Die saudische Umgehungspipeline ausgefallen.
Bab el-Mandeb bedroht.

Das ist der entscheidende Punkt.

Man sollte allerdings mit der einfachen Rechnung „15 + 9 + 4 = 28 Millionen Barrel verschwinden“ vorsichtig sein. Diese Mengen lassen sich nicht vollständig addieren, weil sich Verkehrsströme und Exportmengen teilweise überschneiden. „Gefährdet“ bedeutet außerdem nicht automatisch „vom Markt verschwunden“.

Aber selbst mit dieser Einschränkung bleibt die Größenordnung erschreckend.

Die Internationale Energieagentur beziffert die weltweite Ölproduktion derzeit auf ungefähr 100 Millionen Barrel täglich. Wenn gleichzeitig Transportwege betroffen sind, über die ein zweistelliger Prozentsatz des weltweiten Angebots läuft oder umgeleitet werden müsste, reden wir nicht mehr über eine gewöhnliche Ölpreisschwankung.

Wir reden über ein mögliches systemisches Versorgungsproblem.

Der gefährliche Irrtum: „Dann fördern eben andere mehr“

So einfach funktioniert der Ölmarkt leider nicht. Öl ist kein Wasserhahn, bei dem Texas, Brasilien oder Kanada kurz etwas kräftiger aufdrehen und am Montagmorgen fehlen plötzlich keine Millionen Barrel mehr.

Förderkapazitäten, geeignete Rohölsorten, Raffineriekapazitäten, Tanker, Häfen, Versicherungen und Transportwege müssen zusammenpassen. Hinzu kommt, dass die Reserven und Ausweichmöglichkeiten, die frühere Störungen abgefedert haben, bereits erheblich beansprucht wurden.

Der Ausfall der saudischen Pipeline ist deshalb psychologisch und praktisch so gefährlich: Es fällt nicht nur eine Lieferroute aus. Es fällt eine Route aus, die eigentlich den Ausfall einer anderen Route kompensieren sollte.

Das ist ungefähr so, als würde während eines Hausbrands festgestellt, dass gleichzeitig die Sprinkleranlage ausgefallen ist.

Die Märkte haben längst reagiert. Brent-Rohöl liegt inzwischen wieder deutlich über 100 Dollar je Barrel; Reuters meldete am 15. September erneut steigende Preise wegen der saudischen Pipeline und weiterer Angriffe.

Doch der Ölpreis selbst wäre nur der Anfang.

Wenn Öl fehlt, wird fast alles teurer

Ein länger andauernder Engpass würde zunächst Benzin, Diesel, Heizöl und Flugtreibstoff treffen. Danach wandert der Preisschock durch praktisch die gesamte Wirtschaft.

Speditionen zahlen mehr für Diesel. Landwirte zahlen mehr für Treibstoff. Fluggesellschaften zahlen mehr für Kerosin. Kunststoffproduktion, Chemie und Petrochemie werden teurer. Lebensmitteltransporte werden teurer. Unternehmen geben ihre Kosten weiter.

Und irgendwann steht der höhere Preis wieder an der Supermarktkasse.

Damit kehrt auch ein Gespenst zurück, das Europa gerade mühsam einzufangen versucht hat: Inflation.

Noch unangenehmer wäre eine Kombination aus steigenden Energiepreisen und sinkender Wirtschaftsleistung. Dann hätten Zentralbanken ein ausgesprochen hässliches Problem: Senken sie die Zinsen zur Stützung der Konjunktur, können sie die Inflation weiter anheizen. Bekämpfen sie die Inflation mit hohen Zinsen, belasten sie eine ohnehin schwächelnde Wirtschaft zusätzlich.

Europa sollte besonders aufmerksam werden

Für Europa ist die Entwicklung noch brisanter.

Der Kontinent hat seine Energieversorgung in den vergangenen Jahren erheblich umgebaut. Dabei wurde immer wieder argumentiert, unterschiedliche Lieferanten und Transportwege würden die Versorgung sicherer machen.

Das funktioniert allerdings nur, solange diese Transportwege tatsächlich verfügbar sind.

Wenn Hormus ausfällt, braucht man Alternativen. Wenn gleichzeitig die saudische Ost-West-Pipeline ausfällt, schrumpfen diese Alternativen. Wird zusätzlich Bab el-Mandeb unsicher, geraten auch die Routen über das Rote Meer und den Suezkanal unter Druck.

Dann bleibt Tankern teilweise nur der lange Weg um Afrika.

Mehr Strecke bedeutet mehr Zeit, mehr Treibstoff, höhere Charterkosten und weniger verfügbare Tankerkapazität. Aus einer regionalen militärischen Krise wird damit sehr schnell ein weltweites logistisches Problem.

Noch ist das keine Katastrophe. Aber die Voraussetzungen dafür sind vorhanden.

Man sollte deshalb weder in Panik verfallen noch die Lage kleinreden.

Entscheidend wird sein, wie lange die saudische Pipeline ausfällt, wie stark Hormus tatsächlich nutzbar bleibt und ob Bab el-Mandeb für den internationalen Schiffsverkehr offen bleibt.

Fällt nur einer dieser Faktoren günstig aus, kann sich die Lage erheblich entspannen.

Fallen dagegen alle drei ungünstig aus, dürfte die Welt erleben, wie empfindlich eine Wirtschaft mit rund 100 Millionen Barrel täglichem Ölbedarf auf den Verlust ihrer wichtigsten Energieadern reagiert.

Und genau darin liegt das eigentlich Alarmierende:

Die Welt muss derzeit nicht mehr über ein theoretisches Szenario diskutieren, bei dem mehrere große Öltransportwege gleichzeitig bedroht werden.

Dieses Szenario beginnt sich vor unseren Augen zu entwickeln.

Vielleicht ist deshalb nicht die Frage entscheidend, ob morgen 20, 25 oder 30 Millionen Barrel fehlen.

Die wichtigere Frage lautet:

Wie viele weitere Störungen kann das globale Energiesystem überhaupt noch verkraften, bevor aus einer angespannten Versorgungslage eine echte Versorgungskrise wird?

Die Antwort darauf möchte vermutlich niemand unter realen Bedingungen herausfinden.

Hashtags: #Öl #Energiekrise #Nahost #SaudiArabien #Hormus #BabElMandeb #Energieversorgung #Ölpreis #Inflation #Europa #Weltwirtschaft

Nachsatz: Wer hat diese Eskalation eigentlich ausgelöst?

Bei all den Meldungen über Huthi, Iran, Raketen, Drohnen und bedrohte Seewege sollte man die Vorgeschichte nicht ausblenden. Die gegenwärtige Eskalation ist nicht im luftleeren Raum entstanden. Die militärische Konfrontation der USA mit Iran und die daraus folgenden Reaktionen haben entscheidend dazu beigetragen, dass aus regionalen Spannungen eine Bedrohung für zentrale Energierouten der Welt geworden ist.

Deshalb wäre es zu bequem, die Verantwortung schlicht „jemenitischen Rebellen“ oder „den Iranern“ zuzuschieben. Washington trägt für die Eskalationsspirale und ihre wirtschaftlichen Folgen erhebliche Verantwortung. Wer militärisch in einer Region interveniert, durch die ein großer Teil der weltweiten Energieversorgung läuft, muss wissen, welches Risiko er damit eingeht.

Und nun bekommt nicht nur Amerika die Rechnung präsentiert. Europa bekommt sie ebenfalls. An der Tankstelle, beim Heizöl, über höhere Transportkosten und möglicherweise über eine neue Inflationswelle.

Man kann Kriege beginnen oder eskalieren. Man kann anschließend aber nicht bestimmen, wo deren wirtschaftliche Folgen enden.

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B. Denkentraeger

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Über manche Dinge sollte man erstmal eine Nacht schlafen.

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Tags: Bab el-Mandeb Energieversorgung Inflation Nahostkonflikt Ölkrise Ölpreis Ost-West-Pipeline Rohöl Saudi-Arabien Straße von Hormus Weltwirtschaft

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