Die Schließung eines Generalkonsulats ist ein schwerwiegender diplomatischer Schritt. Aber fast noch schwerer wiegt etwas anderes, das bei der gegenwärtigen Eskalation zwischen Deutschland und Russland viel zu wenig Beachtung findet:
Der kulturelle Austausch wird zerstört.
Russland zieht die Zustimmung zur Tätigkeit des deutschen Generalkonsulats in Sankt Petersburg zurück. Gleichzeitig sollen die Goethe-Institute in Russland ihre Tätigkeit einstellen. Moskau bezeichnet dies als Reaktion auf die deutschen Maßnahmen gegen das russische Generalkonsulat in Bonn und das Russische Haus in Berlin.
Damit befinden wir uns in der inzwischen bestens bekannten Spirale:
- Deutschland schließt.
- Russland schließt.
- Deutschland beschränkt.
- Russland beschränkt.
Und während Regierungen sich gegenseitig ihre diplomatischen Rechnungen präsentieren, verschwinden Strukturen, die über Jahrzehnte Menschen miteinander verbunden haben.
Gerade die Goethe-Institute sind dafür ein hervorragendes Beispiel.
Das Goethe-Institut bringt Menschen Deutschland näher
Was ist denn eigentlich der Sinn eines Goethe-Instituts?
- Dort wird Deutsch gelernt.
- Dort wird deutsche Kultur vermittelt.
- Dort erfahren junge Menschen etwas über Deutschland.
- Dort entstehen Kontakte zu deutschen Universitäten, Bildungseinrichtungen und Unternehmen.
- Ein Goethe-Institut ist deshalb weit mehr als ein Ort für Sprachkurse.
- Es ist eine Eintrittstür nach Deutschland.
- Ein junger Mensch beginnt vielleicht mit einem Deutschkurs. Später interessiert er sich für ein Studium in Deutschland. Vielleicht absolviert er eine Ausbildung. Vielleicht kommt er als Ingenieur, Arzt, Wissenschaftler, IT-Spezialist oder Handwerker hierher.
- Und plötzlich wird aus einem Deutschkurs irgendwo im Ausland ein Arbeitnehmer, der zehn Jahre später in Deutschland dringend gebraucht wird.
- Genau solche langfristigen Zusammenhänge scheint Politik inzwischen kaum noch zu berücksichtigen.
Deutschland sucht verzweifelt Fachkräfte und verliert gleichzeitig den Zugang zu ihnen
Deutschland diskutiert nahezu täglich über den Fachkräftemangel.
- Uns fehlen Ärzte.
- Uns fehlen Pflegekräfte.
- Uns fehlen Handwerker.
- Uns fehlen Ingenieure.
- Uns fehlen IT-Spezialisten.
- Uns fehlen Auszubildende.
Gleichzeitig altert unsere Gesellschaft. Millionen Menschen werden in den kommenden Jahren aus dem Berufsleben ausscheiden.
Also erklärt die Politik vollkommen zu Recht:
Deutschland braucht qualifizierte Menschen aus anderen Ländern.
Aber dann muss man auch die nächste Frage stellen:
- Wie gewinnt man diese Menschen?
- Sicherlich nicht erst dadurch, dass man sie am Frankfurter Flughafen mit einem Informationsblatt begrüßt.
- Der Kontakt zu Deutschland muss viel früher entstehen.
- Durch Sprache.
- Durch Kultur.
- Durch Bildung.
- Durch Universitäten.
- Durch Austauschprogramme.
Und durch Institutionen wie das Goethe-Institut.
Ich habe selbst erlebt, wohin solche internationalen Bildungswege führen können
Für mich ist diese Diskussion keineswegs nur theoretisch.
Ich wurde im November 2025 in einem Krankenhaus in Kassel operiert. An meiner Behandlung waren ein syrischstämmiger Arzt und ein syrischstämmiger Oberarzt beteiligt.Und ihre Lebensläufe sind für diese Diskussion bemerkenswert:
Beide hatten in Moskau studiert. Und beide hatten dort Deutsch gelernt.
- Man sollte sich einmal vor Augen führen, was darin steckt.
- Syrische Herkunft.
- Studium in Russland.
- Deutsch gelernt in Moskau.
- Berufliche Tätigkeit schließlich in Deutschland.
Heute arbeiten diese Männer als Ärzte in einem deutschen Krankenhaus. Sie behandeln deutsche Patienten. Sie bringen ihre Ausbildung, ihre Erfahrung und ihre medizinischen Fähigkeiten in unser Gesundheitssystem ein.
Und einer dieser Patienten war ich.
Genau so funktioniert die Welt tatsächlich.
Nicht in den hübsch sortierten politischen Schubladen, in denen offenbar manche Außenpolitiker denken.
Menschen bewegen sich.
Menschen studieren im Ausland.
Menschen lernen Sprachen.
Menschen wechseln Länder.
Menschen bauen sich anderswo eine berufliche Zukunft auf.
Und Deutschland profitiert davon.
Wer hätte diesen Lebensweg zwanzig Jahre vorher vorhersagen können?
Genau deshalb ist mein persönliches Beispiel für mich so entscheidend.
Wer hätte damals sagen können:
Diese beiden jungen Männer werden eines Tages in Moskau studieren, dort Deutsch lernen und später in einem Krankenhaus in Kassel deutsche Patienten behandeln?
Niemand.
Und genau darin liegt der Wert internationaler Kultur- und Spracharbeit.
Wir wissen heute überhaupt nicht, wer der junge Mensch ist, der irgendwo Deutsch lernt.
- Vielleicht wird er Arzt.
- Vielleicht Ingenieur.
- Vielleicht Wissenschaftler.
- Vielleicht Unternehmer.
- Vielleicht Pfleger.
- Vielleicht kommt er niemals nach Deutschland und wird trotzdem sein gesamtes Berufsleben lang eine Verbindung zu unserem Land besitzen.
Aber eine Voraussetzung dafür ist:
Wir müssen Menschen überhaupt die Möglichkeit geben, unsere Sprache und unser Land kennenzulernen.
Wer Deutsch spricht, hat bereits eine Brücke nach Deutschland
- Sprache ist weit mehr als Kommunikation.
- Wer jahrelang Deutsch lernt, beschäftigt sich zwangsläufig mit Deutschland.
- Mit unserer Kultur.
- Mit unserer Geschichte.
- Mit unseren Universitäten.
- Mit unserem Arbeitsmarkt.
- Mit unseren beruflichen Möglichkeiten.
Und deshalb müsste eine intelligente deutsche Fachkräftepolitik eigentlich genau dort anfangen.
- Nicht erst in Deutschland.
- Sondern im Ausland.
- Deutschunterricht fördern.
- Sprachprüfungen anbieten.
- Kooperationen mit Schulen und Universitäten aufbauen.
- Ausbildungswege erklären.
- Kontakte zu deutschen Unternehmen herstellen.
- Qualifizierte junge Menschen frühzeitig für Deutschland interessieren.
Das wäre strategische Fachkräftepolitik.
Und ausgerechnet diese Brücken lassen wir jetzt verschwinden
Vor diesem Hintergrund ist es kaum zu begreifen, dass kulturelle Einrichtungen in den politischen Konflikt hineingezogen werden.
- Das Russische Haus in Berlin wird geschlossen.
- Russland reagiert.
- Die Goethe-Institute müssen schließen.
Und am Ende haben beide Seiten wieder demonstriert, wie entschlossen sie auftreten können.
Nur hat niemand etwas gewonnen.
Im Gegenteil.
- Verloren haben diejenigen, die Deutsch lernen wollten.
- Verloren haben Schüler und Studenten.
- Verloren haben Wissenschaftler und Kulturschaffende.
Und langfristig kann auch Deutschland verlieren.
Denn vielleicht befindet sich unter diesen Menschen ein hochqualifizierter junger Mann oder eine junge Frau, die sich irgendwann gefragt hätten:
Warum eigentlich nicht Deutschland?
Diese Entscheidung fällt möglicherweise anders, wenn es keinen Deutschkurs, keinen kulturellen Kontakt und keine Verbindung mehr zu unserem Land gibt.
Kultur ist keine diplomatische Munition
Genau deshalb hätte man den kulturellen Bereich aus dieser Eskalation heraushalten müssen.
- Ein Deutschlehrer ist kein Soldat.
- Ein Sprachkurs ist keine Sanktion.
- Goethe ist keine geopolitische Waffe.
- Und ein russischer Student, der Deutsch lernt, ist nicht die russische Regierung.
- Genauso wenig ist ein deutscher Student, der Russisch lernt, die Bundesregierung.
- Diese Unterscheidung müsste eigentlich selbstverständlich sein.
- Gerade wenn politische Beziehungen schlecht sind, werden kulturelle Beziehungen wichtiger.
- Denn irgendwann endet jeder politische Konflikt.
- Regierungen wechseln.
- Minister verschwinden.
- Prioritäten verändern sich.
Aber gesellschaftliche Kontakte können Jahrzehnte überdauern.
Wenn man sie lässt.
Deutschland konkurriert längst um die klügsten Köpfe
Hinzu kommt ein weiterer Punkt, den Deutschland offenbar gerne verdrängt.
- Wir sind nicht das einzige Land, das Fachkräfte sucht.
- Qualifizierte junge Menschen können sich zunehmend aussuchen, wohin sie gehen.
- Deutschland konkurriert mit der Schweiz, Kanada, Australien, den Vereinigten Staaten und zahlreichen anderen Ländern.
- Wer glaubt, hervorragend ausgebildete Ärzte, Ingenieure oder IT-Spezialisten würden automatisch Deutschland wählen, weil Berlin gerade ein neues Fachkräfteeinwanderungsgesetz verabschiedet hat, überschätzt die magnetische Wirkung deutscher Bürokratie möglicherweise ein wenig.
- Menschen gehen bevorzugt dorthin, wo sie Chancen sehen.
- Und Sprache ist dabei ein entscheidender Faktor.
- Wer bereits Deutsch spricht, für den ist Deutschland plötzlich keine völlig fremde Welt mehr.
Genau diesen Vorteil schaffen Einrichtungen wie das Goethe-Institut.
Wir sägen den Ast ab, auf dem wir morgen sitzen wollen
Das macht die gegenwärtige Entwicklung so widersinnig.
- Deutschland beklagt Fachkräftemangel.
- Deutschland benötigt Nachwuchs.
- Deutschland will qualifizierte Zuwanderung.
- Deutschland möchte internationale Studenten gewinnen.
- Deutschland möchte Wissenschaftler anziehen.
- Und gleichzeitig geraten Institutionen unter die Räder, deren Aufgabe seit Jahrzehnten darin besteht, deutsche Sprache und Kultur im Ausland zu vermitteln.
Das ist ungefähr so intelligent, wie eine Berufsschule zu schließen und sich anschließend über fehlende Facharbeiter zu wundern.
Politik denkt in Legislaturperioden, Kultur in Generationen
Das vielleicht größte Problem liegt jedoch noch tiefer.
- Eine Regierung denkt in Jahren.
- Kulturelle Beziehungen entstehen über Jahrzehnte.
- Ein Außenminister kann innerhalb weniger Tage eine politische Entscheidung treffen.
- Aber Vertrauen zwischen Gesellschaften entsteht nicht innerhalb weniger Tage.
- Es wächst langsam.
- Durch Begegnungen.
- Durch Reisen.
- Durch Sprache.
- Durch Studium.
- Durch Freundschaften.
- Durch Wissenschaft.
- Durch Kultur.
Und genau deshalb ist es so gefährlich, diese Strukturen leichtfertig zu beschädigen.
Mein eigenes Beispiel sollte eigentlich Warnung genug sein
- Ich denke noch einmal an meine Operation in Kassel zurück.
- Zwei syrischstämmige Ärzte.
- Studium in Moskau.
- Dort Deutsch gelernt.
- Später Ärzte in Deutschland.
- Heute Teil unseres Gesundheitssystems.
- Ein solcher Lebensweg passt in keine einfache geopolitische Schablone.
Und gerade deshalb zeigt er, wie wertvoll offene Bildungs- und Sprachwege sind.
Vielleicht sitzt heute irgendwo in Russland ein junger Mensch in einem Deutschkurs, der in zehn oder fünfzehn Jahren als Arzt in Kassel, als Ingenieur in München oder als Wissenschaftler in Dresden arbeiten könnte.
Wir wissen es nicht.
Aber wir wissen eines:
Wenn wir ihm den Zugang zur deutschen Sprache und Kultur nehmen, erhöhen wir ganz sicher nicht die Wahrscheinlichkeit, dass er sich irgendwann für Deutschland entscheidet.
Eine verlorene Generation holt man nicht einfach zurück
Das ist der langfristige Schaden dieser Politik.
Ein Konsulat kann eine spätere Regierung wieder eröffnen.
Ein Abkommen kann neu unterschrieben werden.
Diplomaten können zurückkehren.
Aber wenn eine Generation junger Menschen ihre kulturelle Orientierung verändert hat, lässt sich das nicht mit einem Federstrich korrigieren.
Wer heute statt Deutsch eine andere Sprache lernt, wird vielleicht später in ein anderes Land gehen.
Wer heute keinen Kontakt mehr zu deutschen Universitäten bekommt, studiert vielleicht anderswo.
Wer Deutschland kulturell überhaupt nicht mehr kennenlernt, wird Deutschland auch kaum als berufliche Zukunft betrachten.
Und deshalb ist die Zerstörung kultureller Beziehungen so kurzsichtig.
Wir verlieren damit möglicherweise nicht nur Kontakte von heute. Wir verlieren Chancen von morgen.
- Deutschland braucht Ärzte.
- Deutschland braucht Ingenieure.
- Deutschland braucht Wissenschaftler.
- Deutschland braucht Handwerker.
- Deutschland braucht qualifizierten Nachwuchs.
Dann sollten wir verdammt noch einmal dafür sorgen, dass Menschen auf der Welt weiterhin einen Grund und eine Möglichkeit haben, Deutsch zu lernen.
Politische Konflikte kommen und gehen.
Regierungen kommen und gehen.
Aber Sprache und Kultur schaffen Verbindungen zwischen Menschen, die Jahrzehnte überdauern können.
Meine beiden Ärzte in Kassel sind dafür für mich der beste Beweis.
Wer heute kulturelle Brücken einreißt, sollte sich morgen nicht darüber wundern, wenn die Menschen, die wir dringend brauchen, über andere Brücken in andere Länder gehen.
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Nachsatz: Eine solche Politik ist keine Diplomatie, sondern pure Blödheit!