Die Welt hat sich jahrzehntelang vor einer „Bevölkerungsexplosion“ gefürchtet. Doch möglicherweise entwickelt sich das 21. Jahrhundert in die genau entgegengesetzte Richtung: Immer weniger Kinder werden geboren, und die weltweite Fertilität nähert sich dem Niveau, bei dem sich die Menschheit langfristig nicht mehr selbst ersetzt.
Die Ökonomen Jesús Fernández-Villaverde und Patrick Norrik beschäftigen sich in ihrer Studie „Terra Incognita: The Economics of a Shrinking World“ mit den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen einer schrumpfenden Weltbevölkerung.
Ihre These ist bemerkenswert: Der globale Geburtenrückgang vollzieht sich inzwischen nicht mehr nur in reichen westlichen Industriestaaten. Er erfasst sehr unterschiedliche Gesellschaften, Kulturen und Wirtschaftssysteme.
Ein weltweites Phänomen
Besonders niedrige Geburtenraten finden sich inzwischen etwa in Südkorea, aber auch zahlreiche andere Länder Asiens, Europas und Amerikas liegen deutlich unter dem sogenannten Reproduktionsniveau.
Das Bemerkenswerte daran ist die Geschwindigkeit.
Der Rückgang findet in reichen und ärmeren Staaten statt, in liberalen wie konservativen Gesellschaften, in religiös und säkular geprägten Ländern. Damit wird es zunehmend schwieriger, das Phänomen mit einer einzigen Ursache wie Wohlstand, Feminismus, Urbanisierung, Säkularisierung oder wirtschaftlicher Unsicherheit zu erklären.
Interessant ist außerdem, dass die früher oft angenommene einfache Gleichung „mehr Wohlstand = weniger Kinder“ nicht überall funktioniert. Innerhalb der OECD zeigen sich teilweise sogar positive Zusammenhänge zwischen Einkommen und Fertilität. Auch innerhalb einzelner Gesellschaften können wohlhabende und hochgebildete Menschen heute wieder höhere Kinderzahlen erreichen als wirtschaftlich schwächere Gruppen.
Wann erreicht die Weltbevölkerung ihren Höhepunkt?
Fernández-Villaverde und Norrik halten einen früheren Höhepunkt der Weltbevölkerung für möglich als manche etablierte Bevölkerungsprojektionen.
In einem entsprechenden Szenario könnte die Weltbevölkerung um die Mitte dieses Jahrhunderts ihren Höchststand bei ungefähr neun Milliarden Menschen erreichen und anschließend zu schrumpfen beginnen.
Damit stellt sich eine zunächst absurd klingende Frage:
Wenn die Geburtenrate dauerhaft unter dem Reproduktionsniveau bleibt, könnte die Menschheit irgendwann tatsächlich aussterben?
Mathematisch lautet die Antwort: theoretisch ja.
Demografisch lautet sie allerdings: Niemand kann heute seriös sagen, ob es jemals dazu kommen wird.
Ein mathematisches Gedankenexperiment
Nehmen wir vereinfachend eine Weltbevölkerung von neun Milliarden Menschen und eine Generationenlänge von 30 Jahren. Als Reproduktionsniveau setzen wir ungefähr 2,1 Kinder je Frau an.
Nun nehmen wir etwas vollkommen Unrealistisches an: Die Geburtenrate verändert sich über Jahrhunderte überhaupt nicht.
Dann zeigt sich die enorme Macht exponentieller Entwicklungen:
| Zeitraum | 2,0 Kinder | 1,7 Kinder | 1,5 Kinder | 1,2 Kinder | 0,8 Kinder |
|---|---|---|---|---|---|
| Ausgangspunkt | 9,0 Mrd. | 9,0 Mrd. | 9,0 Mrd. | 9,0 Mrd. | 9,0 Mrd. |
| nach 100 Jahren | ca. 7,65 Mrd. | ca. 4,45 Mrd. | ca. 2,93 Mrd. | ca. 1,39 Mrd. | ca. 361 Mio. |
| nach 200 Jahren | ca. 6,50 Mrd. | ca. 2,20 Mrd. | ca. 955 Mio. | ca. 216 Mio. | ca. 14,5 Mio. |
| nach 500 Jahren | ca. 3,99 Mrd. | ca. 266 Mio. | ca. 33 Mio. | ca. 801.000 | ca. 930 |
Diese Zahlen sind keine Bevölkerungsprognose. Sie illustrieren lediglich, was passieren würde, wenn niedrige Fertilitätsraten über viele Generationen unverändert blieben.
Und genau darin liegt die eigentliche Botschaft.
Es geht nicht um den „letzten Menschen“
Bei einer dauerhaft angenommenen Fertilität von 1,5 Kindern je Frau würde unser stark vereinfachtes Modell erst nach weit über tausend Jahren in die Nähe einer verschwindend kleinen Weltbevölkerung gelangen. Bei 1,2 Kindern ginge es erheblich schneller.
Aber lange bevor die Menschheit tatsächlich verschwände, würden völlig andere Probleme auftreten.
Eine Bevölkerung besteht schließlich nicht nur aus einer Gesamtzahl. Entscheidend ist ihre Altersstruktur.
Wenn immer weniger Kinder geboren werden, stehen einer großen älteren Generation immer kleinere junge Generationen gegenüber. Das betrifft Arbeitsmärkte, Renten, Pflege, Gesundheitsversorgung, Wohnungsmarkt, Infrastruktur, Staatsfinanzen und letztlich die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit ganzer Staaten.
Eine Gesellschaft muss also nicht annähernd aussterben, damit eine extrem niedrige Geburtenrate erhebliche Folgen bekommt.
Warum die Menschheit trotzdem kaum einfach „auslaufen“ dürfte
Die Hochrechnung über Jahrhunderte hat einen gewaltigen Haken: Menschen verändern ihr Verhalten.
Wenn Arbeitskräfte knapp werden, steigen möglicherweise Löhne. Wenn Wohnraum wieder reichlich vorhanden ist, sinken möglicherweise Kosten. Staaten könnten Familien wesentlich stärker unterstützen. Gesellschaftliche Wertvorstellungen könnten sich verändern. Medizin und Reproduktionsmedizin werden sich weiterentwickeln.
Und möglicherweise verändert gerade eine schrumpfende Bevölkerung irgendwann jene Bedingungen, die zuvor zur niedrigen Geburtenrate beigetragen haben.
Deshalb ist es unseriös, aus den heutigen Zahlen ein konkretes „Aussterbejahr“ der Menschheit zu berechnen.
Die eigentliche Zeitenwende könnte eine andere sein
Über Jahrzehnte dominierte die Angst vor einer überbevölkerten Erde. Mehr als acht Milliarden Menschen galten als Vorboten einer Zukunft mit immer weiter wachsender Bevölkerung.
Nun zeichnet sich möglicherweise ein völlig anderes Jahrhundert ab.
Nicht die Frage „Wie ernähren wir immer mehr Menschen?“ könnte langfristig die entscheidende werden, sondern:
Wie organisieren wir Gesellschaften, in denen jede Generation deutlich kleiner ist als die vorherige?
Wenn sich die derzeitigen Trends verfestigen, wird die Menschheit vermutlich nicht plötzlich verschwinden. Sie könnte aber in eine demografische Entwicklung eintreten, für die es kaum historische Vorbilder gibt.
Und genau darin liegt die Brisanz der neuen Zahlen: Eine Geburtenrate unterhalb des Reproduktionsniveaus ist kurzfristig unspektakulär. Bleibt sie jedoch über Generationen bestehen, verändert die Exponentialrechnung ganze Gesellschaften.
Der „letzte Mensch“ ist deshalb nicht die Frage, über die wir uns heute Gedanken machen müssen.
Die viel interessantere Frage lautet, wie unsere Welt aussieht, wenn aus neun Milliarden Menschen irgendwann sechs, vier oder nur noch zwei Milliarden geworden sind.
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