Was geschieht, wenn eine Gesellschaft praktisch alles bekommt, was sie zum Leben braucht?
Keine Nahrungsknappheit. Kein Wassermangel. Keine natürlichen Feinde. Keine Suche nach einem sicheren Schlafplatz. Keine Kälte. Und zunächst sogar genügend Raum.
Genau diese Frage untersuchte der amerikanische Verhaltensforscher John B. Calhoun in einem Experiment, das unter dem Namen „Universe 25“ berühmt wurde.
Das Ergebnis war verstörend: Die Mäusegesellschaft wuchs zunächst rasant. Dann zerfiel ihre soziale Ordnung. Schließlich starb die gesamte Population aus.
Besonders bekannt wurde dabei eine Gruppe von Tieren, die Calhoun als die „Beautiful Ones“ – die Schönen – bezeichnete.
Ein Paradies für Mäuse
1968 setzte Calhoun vier Mäusepaare in eine speziell konstruierte Versuchsanlage.
Die Bedingungen wirkten geradezu paradiesisch. Nahrung und Wasser standen ständig zur Verfügung. Es gab Nistmöglichkeiten, Schutz vor Fressfeinden und kontrollierte Umweltbedingungen.
Hunger sollte keine Rolle spielen.
Krankheiten und äußere Gefahren sollten möglichst reduziert werden.
Unter diesen Bedingungen begann sich die Population erwartungsgemäß zu vermehren.
Zunächst funktionierte die Mäusewelt ausgezeichnet.
Das Wachstum
Nach einer Eingewöhnungsphase nahm die Population stark zu. Zeitweise verdoppelte sie sich ungefähr alle 55 Tage.
Doch mit zunehmender Zahl der Tiere änderte sich das Verhalten.
Bestimmte Bereiche wurden besonders stark frequentiert, obwohl theoretisch auch andere Bereiche zur Verfügung standen. Es bildeten sich soziale Hierarchien und Gruppen.
Schwächere Tiere wurden verdrängt.
Aggressionen nahmen zu.
Einige Männchen konnten kein eigenes Territorium mehr behaupten. Manche Weibchen wurden aggressiver. Die Versorgung und Aufzucht des Nachwuchses verschlechterte sich.
Junge Tiere starben zunehmend.
Das Entscheidende war dabei: Es fehlte weiterhin weder an Nahrung noch an Wasser.
Die Krise war nicht einfach das Ergebnis einer klassischen Hungersnot.
Die Gesellschaft beginnt zu zerfallen
Calhoun beobachtete zunehmend Verhaltensweisen, die er als Ausdruck eines Zusammenbruchs der sozialen Ordnung interpretierte.
Manche Tiere wurden extrem aggressiv.
Andere zogen sich vollständig zurück.
Paarungsverhalten und Brutpflege veränderten sich. Einige Weibchen kümmerten sich immer weniger erfolgreich um ihre Jungen.
Die Sterblichkeit der Jungtiere stieg dramatisch.
Damit entstand ein Teufelskreis: Die Tiere lebten zwar weiterhin in einer materiell hervorragend versorgten Umgebung, aber die sozialen Strukturen funktionierten immer schlechter.
Calhoun verwendete für solche Entwicklungen den Begriff „behavioral sink“, also sinngemäß einen verhaltensbedingten sozialen Zusammenbruch.
Dann erschienen die „Schönen“
Besonders faszinierend war eine Gruppe männlicher Mäuse, die sich weitgehend aus den sozialen Auseinandersetzungen zurückzog.
Calhoun bezeichnete sie als „the beautiful ones“.
Der Name hatte einen ziemlich simplen Grund: Diese Mäuse sahen auffallend gepflegt aus.
- Sie kämpften nicht.
- Sie konkurrierten kaum um Weibchen.
- Sie verteidigten keine Territorien.
- Sie beteiligten sich praktisch nicht mehr an der Fortpflanzung.
- Stattdessen fraßen sie, tranken, schliefen und putzten ihr Fell.
- Weil sie Kämpfen aus dem Weg gingen, hatten sie kaum Verletzungen oder Narben. Ihr Fell blieb entsprechend makellos.
- Sie waren äußerlich die vielleicht schönsten Bewohner von Universe 25.
- Sozial jedoch hatten sie sich nahezu vollständig aus der Mäusegesellschaft verabschiedet.
Das eigentliche Erschreckende
Die Population erreichte schließlich ihren Höchststand von rund 2.200 Mäusen.
Danach begann sie zu schrumpfen.
Und nun geschah etwas, das Universe 25 so berühmt machte.
Obwohl durch das Sterben wieder Platz entstand und Nahrung weiterhin reichlich vorhanden war, erholte sich die Population nicht mehr.
- Die Geburtenrate brach ein.
- Immer weniger Jungtiere überlebten.
- Fortpflanzung fand schließlich praktisch nicht mehr statt.
- Die Gesellschaft hatte damit einen Punkt erreicht, von dem sie sich nicht mehr erholte.
- Die letzten Tiere wurden immer älter.
- Und schließlich starb Universe 25 aus.
- Nicht weil das Futter ausgegangen war.
- Nicht weil ein Raubtier die Mäuse gefressen hätte.
- Sondern weil keine funktionierende neue Generation mehr entstand.
Was wollte Calhoun damit zeigen?
Hier wird es wichtig, zwischen dem tatsächlichen Experiment und den späteren Interpretationen zu unterscheiden.
Im Internet wird Universe 25 häufig als Beweis dafür dargestellt, dass Wohlstand zwangsläufig zum Untergang einer Gesellschaft führe.
So einfach ist es nicht.
Die Versuchsanlage war eine künstliche, abgeschlossene Umwelt. Die Tiere konnten nicht auswandern, keine neuen Lebensräume erschließen und hatten nur begrenzte Möglichkeiten, den entstandenen sozialen Strukturen auszuweichen.
Universe 25 beweist daher keineswegs, dass menschliche Gesellschaften nach demselben Muster zusammenbrechen müssen.
Menschen verfügen über Kultur, Sprache, Institutionen, Technologie und die Fähigkeit, gesellschaftliche Regeln bewusst zu verändern. Mäuse können schlecht eine Verfassung reformieren oder eine neue Stadt gründen. Ein bedauerlicher Nachteil des Mäusedaseins.
Trotzdem bleibt Calhouns Experiment faszinierend.
Denn es zeigte zumindest bei diesen Versuchstieren eindrucksvoll, dass materieller Überfluss allein keine stabile soziale Ordnung garantiert.
Nahrung und Sicherheit sind offenbar nicht alles
Die Mäuse hatten praktisch alles, was man aus rein materieller Sicht zum Leben benötigt.
Und trotzdem funktionierte ihre Gemeinschaft irgendwann nicht mehr.
Das macht Universe 25 bis heute so interessant.
Denn das Experiment wirft eine unangenehme Frage auf:
Was braucht eine Gesellschaft außer Wohlstand?
- Aufgaben?
- Soziale Rollen?
- Bindungen?
- Familienstrukturen?
- Konkurrenz?
- Rückzugsmöglichkeiten?
- Verantwortung?
Das Experiment beantwortet diese Fragen für den Menschen nicht. Aber es zwingt geradezu dazu, sie zu stellen.
Die „Schönen“ als Symbol unserer Zeit?
Gerade deshalb werden die „Beautiful Ones“ heute immer wieder als gesellschaftliche Metapher verwendet.
Sie waren gut ernährt und körperlich gepflegt. Gleichzeitig hatten sie sich aus Fortpflanzung, Konkurrenz und wesentlichen sozialen Funktionen zurückgezogen.
Das verleitet geradezu zu Vergleichen mit modernen Wohlstandsgesellschaften.
Doch hier ist Vorsicht angebracht.
Man kann Universe 25 als Denkanstoß verwenden. Man sollte es aber nicht als wissenschaftlichen Beweis dafür verkaufen, dass moderne menschliche Gesellschaften zwangsläufig denselben Weg nehmen.
Das wäre ungefähr so seriös, wie aus einem Aquarium die zukünftige Außenpolitik Europas abzuleiten.
Und trotzdem besitzt die Geschichte eine bemerkenswerte Aktualität.
In vielen reichen Gesellschaften erleben wir sinkende Geburtenraten, zunehmende Vereinzelung, weniger dauerhafte Partnerschaften und eine wachsende Zahl von Menschen, die allein leben. Gleichzeitig war der materielle Lebensstandard historisch betrachtet niemals höher.
Das bedeutet nicht, dass Universe 25 unsere Zukunft vorhergesagt hat.
Aber die Parallele erklärt, warum das Experiment mehr als ein halbes Jahrhundert später immer noch diskutiert wird.
Vielleicht war das Paradies gar keines
Universe 25 enthält letztlich eine bemerkenswerte Botschaft:
Eine Gesellschaft braucht möglicherweise mehr als Nahrung, Sicherheit und Komfort, um dauerhaft zu funktionieren.
Calhouns Mäuse bekamen eine Welt ohne Hunger und ohne natürliche Feinde.
Doch irgendwann verloren immer mehr Tiere ihre sozialen Rollen. Paarbildung und Nachwuchs brachen zusammen. Manche wurden aggressiv, andere apathisch und die „Schönen“ beschäftigten sich schließlich fast ausschließlich mit sich selbst.
Am Ende stand eine paradoxe Situation:
Alles zum Überleben war vorhanden – und trotzdem überlebte die Gesellschaft nicht.
Vielleicht liegt genau darin der Grund, warum Universe 25 bis heute eine solche Faszination ausübt.
Es erzählt nicht einfach die Geschichte von zu vielen Mäusen auf zu wenig Raum.
Es stellt eine viel grundsätzlichere Frage:
Kann eine Gesellschaft materiell immer reicher werden und gleichzeitig sozial verarmen?
Bei Calhouns Mäusen endete dieses Experiment jedenfalls nicht im Paradies.
Es endete in einer vollkommen versorgten, stillen und schließlich leeren Welt.
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