Wie zuverlässig sind medizinische Diagnosen, wenn Fachleute erst einmal überzeugt sind, dass ein Mensch krank ist? Das berühmte Rosenhan-Experiment von 1973 stellte genau diese Frage. Und auch mehr als fünf Jahrzehnte später ist die dahinterstehende Warnung aktuell: Medizinische Autorität darf niemals kritisches Denken ersetzen.
1973 veröffentlichte der US-Psychologe David Rosenhan im renommierten Fachjournal Science seine Untersuchung „On Being Sane in Insane Places“. Sie wurde zu einem der bekanntesten und zugleich umstrittensten Experimente der Psychiatriegeschichte.
Rosenhan wollte wissen, ob psychiatrische Einrichtungen zuverlässig zwischen psychisch gesunden und psychisch kranken Menschen unterscheiden können.
Das Ergebnis erschütterte das damalige Selbstverständnis der Psychiatrie.
Acht Gesunde werden zu Patienten
Acht Menschen, darunter Rosenhan selbst, meldeten sich bei verschiedenen psychiatrischen Kliniken in den USA.
Ihre Geschichte war weitgehend wahr. Sie erfanden keine komplizierten Krankheitsbiografien und spielten auch keine dauerhaften Symptome vor.
Die entscheidende Täuschung bestand darin, dass sie angaben, Stimmen zu hören. Diese Stimmen würden einzelne Wörter sagen, darunter Begriffe wie „empty“, „hollow“ und „thud“, sinngemäß also „leer“, „hohl“ und ein dumpfes Geräusch.
Das genügte.
Alle acht wurden stationär aufgenommen.
Sieben erhielten laut Rosenhans Veröffentlichung die Diagnose Schizophrenie, eine Person wurde als manisch-depressiv diagnostiziert, eine damalige Bezeichnung für eine bipolare Erkrankung.
Damit begann der eigentlich interessante Teil des Experiments.
Plötzlich wurde normales Verhalten zum Symptom
Nach ihrer Aufnahme sollten sich die Scheinpatienten völlig normal verhalten. Sie erklärten, keine Stimmen mehr zu hören, führten Gespräche und warteten auf ihre Entlassung.
Doch nun wirkte ein mächtiger Mechanismus:
Die Diagnose war bereits gestellt.
Und plötzlich wurde das Verhalten der Menschen durch diese Diagnose betrachtet.
Rosenhan beschrieb beispielsweise, dass das ausführliche Anfertigen von Notizen von Mitarbeitern als Teil des vermeintlich krankhaften Verhaltens interpretiert wurde.
Genau hier liegt die eigentliche Sprengkraft des Experiments.
Denn wenn eine Diagnose erst einmal feststeht, besteht die Gefahr, dass anschließend jedes Verhalten passend zu dieser Diagnose interpretiert wird.
- Der Mensch ist dann nicht mehr einfach ruhig.
- Er ist „auffällig ruhig“.
- Er schreibt nicht einfach etwas auf.
- Er zeigt „zwanghaftes Schreibverhalten“.
- Er widerspricht nicht einfach.
- Er besitzt angeblich „mangelnde Krankheitseinsicht“.
Damit entsteht ein nahezu geschlossenes Erklärungssystem, aus dem der Betroffene kaum noch herauskommt.
Patienten erkannten den Schwindel eher
Besonders bemerkenswert war eine weitere Beobachtung Rosenhans.
Während das Klinikpersonal die Scheinpatienten nicht als gesund erkannte, äußerten echte Patienten teilweise Zweifel.
Einige vermuteten sinngemäß, dass es sich bei den vermeintlichen Mitpatienten um Journalisten oder Wissenschaftler handeln könnte, die das Krankenhaus untersuchten.
Die Patienten bemerkten also teilweise etwas, was das professionelle System übersah.
Die Scheinpatienten blieben nach Rosenhans Angaben zwischen 7 und 52 Tagen in den Einrichtungen. Der Durchschnitt lag bei rund 19 Tagen.
Entlassen wurden sie zudem nicht einfach als gesund. Bei den meisten lautete die Diagnose sinngemäß:
Schizophrenie in Remission.
Das Etikett blieb also bestehen.
Dann kam der zweite Versuch
Nach Veröffentlichung beziehungsweise Bekanntwerden seiner Ergebnisse wurde Rosenhan von einer psychiatrischen Einrichtung herausgefordert.
Die Klinik war überzeugt, Scheinpatienten erkennen zu können.
Daraufhin kündigte Rosenhan an, innerhalb eines bestimmten Zeitraums weitere Pseudopatienten schicken zu können.
Das Personal sollte herausfinden, wer tatsächlich krank und wer eingeschleust worden war.
Unter 193 aufgenommenen Patienten wurden schließlich zahlreiche Menschen verdächtigt. 41 wurden von mindestens einem Mitarbeiter mit hoher Sicherheit als Scheinpatienten eingestuft.
Das Problem:
Rosenhan hatte keinen einzigen Scheinpatienten geschickt.
Damit hatte sich das Problem praktisch umgedreht.
Zunächst wurden Gesunde für krank gehalten.
Anschließend wurden tatsächlich behandlungssuchende Menschen für eingeschleuste Gesunde gehalten.
Die eigentliche Warnung: Die Macht des Etiketts
Das Rosenhan-Experiment wird gerne als Beweis dafür dargestellt, dass Psychiatrie grundsätzlich nicht funktioniere. So einfach ist es allerdings nicht.
Die psychiatrische Diagnostik hat sich seit 1973 erheblich verändert. Zudem wurde Rosenhans Arbeit später methodisch und historisch stark kritisiert. Insbesondere die genaue Rekonstruktion seiner Daten und einzelner Teilnehmerangaben ist Gegenstand erheblicher Zweifel geworden.
Gerade deshalb sollte man aus dem Experiment keine pauschale Abrechnung mit Medizin oder Psychiatrie konstruieren.
Die wichtigere Botschaft ist wesentlich allgemeiner.
Autorität schützt nicht vor Irrtum.
Ärzte sind Menschen. Psychologen sind Menschen. Wissenschaftler sind Menschen.
Und Menschen unterliegen Erwartungen, Vorurteilen, Routinen und Bestätigungsfehlern.
Hat sich eine bestimmte Vorstellung erst einmal festgesetzt, suchen wir bevorzugt nach Informationen, die sie bestätigen.
Das betrifft keineswegs nur die Psychiatrie.
Es kann grundsätzlich überall passieren, wo komplexe Sachverhalte beurteilt werden: in der Medizin, bei Behörden, vor Gerichten, in Wissenschaft, Medien und Politik.
Schulmedizin braucht Widerspruch, nicht blinden Glauben
Deshalb wäre die falsche Konsequenz aus Rosenhan:
„Traue keinem Arzt.“
Die vernünftigere Konsequenz lautet:
„Traue keinem Menschen unkritisch, nur weil er einen Titel trägt.“
Moderne evidenzbasierte Medizin funktioniert gerade deshalb vergleichsweise gut, weil Diagnosen überprüft, Studien reproduziert, Zweitmeinungen eingeholt und Behandlungen aufgrund neuer Erkenntnisse verändert werden können.
Ein guter Arzt sollte Zweifel nicht als Angriff verstehen.
Ein guter Patient sollte Fragen stellen dürfen.
Und ein gutes Gesundheitssystem muss akzeptieren, dass auch Experten irren können.
Gerade bei schwerwiegenden Diagnosen sollte deshalb Raum bestehen für Zweitmeinungen, Differentialdiagnosen und die erneute Überprüfung einmal getroffener Annahmen.
Denn eine Diagnose ist ein medizinisches Urteil.
Sie ist kein unfehlbares Urteil über einen Menschen.
Wenn das Etikett die Wirklichkeit ersetzt
Das Faszinierende und Beunruhigende am Rosenhan-Experiment liegt deshalb weniger in der Psychiatrie der 1970er-Jahre als in einem zutiefst menschlichen Mechanismus.
Wir sehen häufig das, was wir erwarten zu sehen.
Und sobald ein Mensch mit einem bestimmten Etikett versehen wurde, verändert dieses Etikett unsere Wahrnehmung seines Verhaltens.
Genau davor sollte Medizin sich schützen.
Nicht durch Misstrauen gegenüber Wissenschaft, sondern durch mehr Wissenschaft: überprüfbare Kriterien, transparente Diagnosen, Zweitmeinungen, offene Diskussion und die Bereitschaft, eine einmal getroffene Entscheidung wieder infrage zu stellen.
Fazit
Das Rosenhan-Experiment ist kein überzeugender Beweis dafür, dass Ärzte nichts wissen oder psychiatrische Erkrankungen nicht existieren.
Es ist etwas wesentlich Interessanteres:
eine Warnung vor der menschlichen Neigung, die eigene Diagnose irgendwann für wichtiger zu halten als die Wirklichkeit.
Medizin braucht Fachwissen. Sie braucht Erfahrung. Sie braucht Wissenschaft.
Aber sie braucht ebenso etwas, das sich durch keinen Doktortitel ersetzen lässt:
die Fähigkeit, sich selbst zu fragen: Was, wenn ich mich irre?
Denn Wissenschaft beginnt nicht mit Gewissheit.
Sie beginnt mit Zweifel.
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Die große und eigentliche Frage an dich lautet nun: Wo siehst du Paralellen zu unserer Gesellschaft oder siehst du keine? Was bedeutet das für dich?