Wie lange braucht man, um aus ganz normalen Menschen zwei verfeindete Lager zu machen?
Jahre?
Monate?
Eine politische Ideologie?
Eine historische Feindschaft?
Beim berühmten Robbers-Cave-Experiment von 1954 brauchte es erschreckend wenig: zwei Gruppen von Jungen, ein Ferienlager und einen Wettbewerb.
Innerhalb kurzer Zeit entstanden Gruppennamen, Fahnen, Hierarchien und ein starkes „Wir“-Gefühl.
Dann ließ man die Gruppen gegeneinander antreten.
Aus Konkurrenz wurden Beschimpfungen.
Aus Beschimpfungen wurde Feindseligkeit.
Und schließlich beschäftigten sich die Forscher mit der vielleicht noch wichtigeren Frage:
Wenn man Menschen so einfach gegeneinander aufbringen kann – wie bekommt man sie wieder zusammen?
Ein Ferienlager mit einem geheimen Zweck
Das Experiment wurde vom Sozialpsychologen Muzafer Sherif und seinen Mitarbeitern durchgeführt.
Schauplatz war der Robbers Cave State Park in Oklahoma.
An dem vermeintlichen Ferienlager nahmen 22 Jungen im Alter von ungefähr elf Jahren teil.
Die Jungen kannten sich vorher nicht.
Sie stammten aus vergleichbaren sozialen Verhältnissen und wurden von den Forschern bewusst so ausgewählt, dass die Ausgangsbedingungen möglichst ähnlich waren.
Was die Kinder nicht wussten:
Das Ferienlager war in Wirklichkeit ein sozialpsychologisches Experiment.
Die Forscher wollten beobachten, wie Gruppen entstehen, wie Konflikte zwischen ihnen erzeugt werden können und wie sich solche Konflikte anschließend wieder reduzieren lassen.
Phase eins: Wir schaffen zwei Gruppen
Die Jungen wurden in zwei Gruppen aufgeteilt.
Zunächst hatten die beiden Gruppen keinen Kontakt miteinander.
Sie gingen wandern.
Sie schwammen.
Sie spielten.
Sie erledigten gemeinsame Aufgaben.
Innerhalb kürzester Zeit entwickelte sich etwas ausgesprochen Menschliches:
Gruppenidentität.
Die Jungen gaben ihren Gruppen sogar eigene Namen.
Die eine Gruppe nannte sich:
„Rattlers“ – Klapperschlangen.
Die andere:
„Eagles“ – Adler.
Es entstanden interne Rollen und Hierarchien.
Man entwickelte gemeinsame Regeln.
Fahnen und Symbole entstanden.
Und aus einigen Jungen war innerhalb kurzer Zeit etwas Neues geworden:
„Wir“.
Bis dahin war die andere Gruppe noch nicht einmal notwendig gewesen.
Das ist bereits eine bemerkenswerte Erkenntnis.
Menschen benötigen offenbar erstaunlich wenig, um eine Gruppenidentität zu entwickeln.
Dann tauchen „die anderen“ auf
Nun erfuhren die beiden Gruppen voneinander.
Plötzlich gab es nicht mehr nur:
Wir.
Es gab:
Wir und die anderen.
Und die Forscher erhöhten den Einsatz.
Die Gruppen sollten gegeneinander antreten.
Baseball.
Tauziehen.
Andere sportliche Wettbewerbe.
Es gab Gewinner und Verlierer.
Vor allem aber gab es Preise.
Nur die siegreiche Gruppe sollte attraktive Belohnungen erhalten.
Damit hatten die Forscher eine klassische Konkurrenzsituation geschaffen:
Was die einen gewinnen, verlieren die anderen.
Und nun änderte sich das Verhalten.
Aus einem Spiel wird Feindschaft
Die Gruppen begannen sich gegenseitig abzuwerten.
Es entstanden Beschimpfungen.
Die Jungen verspotteten sich.
Die gegnerische Gruppe wurde zunehmend negativ beschrieben.
Dann eskalierte die Situation weiter.
Eine Gruppe verbrannte die Fahne der anderen.
Darauf folgten Vergeltungsaktionen.
Unterkünfte wurden durchsucht beziehungsweise verwüstet.
Gegenstände wurden gestohlen.
Die Forscher mussten bei körperlichen Auseinandersetzungen teilweise eingreifen.
Aus Kindern, die sich wenige Tage zuvor überhaupt nicht kannten, waren zwei Lager geworden.
Und jedes Lager hielt sich selbst für das bessere.
Wie konnte das so schnell passieren?
Sherif entwickelte daraus seine sogenannte Realistic Conflict Theory, die Theorie des realistischen Gruppenkonflikts.
Der Grundgedanke ist relativ einfach:
Wenn Gruppen um begrenzte Ressourcen, Status oder Vorteile konkurrieren, kann daraus Feindseligkeit entstehen.
Dabei wird die eigene Gruppe aufgewertet.
Die andere Gruppe wird abgewertet.
Aus:
„Wir wollen gewinnen“
kann sehr schnell werden:
„Mit denen stimmt etwas nicht.“
Das ist ein entscheidender Unterschied.
Denn plötzlich richtet sich der Konflikt nicht mehr ausschließlich gegen das Verhalten der anderen Gruppe.
Er richtet sich gegen die Gruppe selbst.
Das erstaunliche „Wir gegen die“
Menschen teilen ihre Umwelt ständig in Kategorien ein.
Mann und Frau.
Jung und Alt.
Stadt und Land.
Verein A und Verein B.
Arbeitgeber und Arbeitnehmer.
Partei A und Partei B.
Nation A und Nation B.
Das ist zunächst weder ungewöhnlich noch automatisch gefährlich.
Problematisch wird es, wenn aus einer Kategorie eine moralische Bewertung entsteht:
Wir sind die Guten.
Die anderen sind die Schlechten.
Dann verändert sich die Wahrnehmung.
Fehler der eigenen Gruppe werden leichter entschuldigt.
Fehler der anderen Gruppe erscheinen dagegen als Beweis für deren schlechten Charakter.
Erfolge der eigenen Seite bestätigen die eigene Überlegenheit.
Erfolge der Gegenseite werden relativiert oder als unfair betrachtet.
Das Robbers-Cave-Experiment demonstrierte diesen Mechanismus in erstaunlich kurzer Zeit.
Dann wollten die Forscher Frieden
Nun begann der vielleicht interessanteste Teil des Experiments.
Die Forscher versuchten zunächst etwas ausgesprochen Naheliegendes.
Wenn sich zwei Gruppen nicht mögen, lässt man sie einfach gemeinsam etwas Schönes machen.
Gemeinsames Essen.
Filme.
Freizeitaktivitäten.
Man könnte meinen:
Wenn die Jungen nur miteinander reden und Zeit verbringen, werden sie schon feststellen, dass die anderen eigentlich gar nicht so schlimm sind.
Das funktionierte jedoch nur begrenzt.
Die Feindseligkeit verschwand nicht einfach.
Teilweise entstanden sogar neue Gelegenheiten für Streit.
Menschen zusammen in einen Raum zu setzen ist eben noch kein Friedensvertrag.
Dann änderten die Forscher ihre Strategie
Statt gemeinsamer Unterhaltung schufen sie gemeinsame Probleme.
Probleme, die keine Gruppe allein lösen konnte.
Ein Beispiel war die Wasserversorgung des Lagers.
Sie funktionierte plötzlich nicht mehr.
Die Jungen mussten gemeinsam nach der Ursache suchen und das Problem beheben.
Bei einer anderen Aufgabe musste ein Fahrzeug bewegt werden.
Wieder waren beide Gruppen aufeinander angewiesen.
Nun änderte sich die Situation grundlegend.
Plötzlich lautete die Frage nicht mehr:
Wer gewinnt gegen wen?
Sondern:
Wie lösen wir gemeinsam dieses Problem?
Die bisherige Gruppengrenze verlor dadurch einen Teil ihrer Bedeutung.
Ein gemeinsames Ziel verändert die Perspektive
Sherif bezeichnete solche Aufgaben als „superordinate goals“, also übergeordnete Ziele.
Das Prinzip dahinter ist bemerkenswert einfach:
Zwei Gruppen können unterschiedliche Interessen haben.
Wenn jedoch ein Problem entsteht, das beide betrifft und nur gemeinsam gelöst werden kann, entsteht eine neue Ebene der Zusammenarbeit.
Aus:
Wir gegen euch
wird:
Wir gemeinsam gegen das Problem.
Nach mehreren solcher Aufgaben verbesserten sich die Beziehungen zwischen den Jungen deutlich.
Sie arbeiteten miteinander.
Feindseligkeiten gingen zurück.
Freundschaften über die ursprünglichen Gruppengrenzen hinweg entstanden beziehungsweise nahmen zu.
Am Ende wollten die Jungen sogar gemeinsam nach Hause fahren.
Was sagt uns das über eine Gesellschaft?
Man sollte auch dieses Experiment nicht überinterpretieren.
22 Jungen in einem amerikanischen Ferienlager des Jahres 1954 sind kein vollständiges Modell einer modernen Gesellschaft.
Menschen sind komplizierter.
Politische Konflikte sind komplizierter.
Religiöse, ethnische, wirtschaftliche und historische Konflikte können Generationen zurückreichen.
Aber das Experiment demonstriert einen Mechanismus, der bis heute relevant ist:
Gruppenkonflikte benötigen nicht zwangsläufig jahrhundertealte Feindschaften.
Manchmal reichen bereits:
eine klare Gruppeneinteilung,
Konkurrenz,
unterschiedliche Interessen,
knappe Belohnungen
und die Vorstellung, dass der Vorteil der anderen Seite automatisch unser Nachteil sei.
Dann kann erstaunlich schnell ein „Wir gegen die“ entstehen.
Wer profitiert eigentlich vom Konflikt?
Hier wird das Experiment gesellschaftlich besonders interessant.
Wenn Konkurrenz Gruppen gegeneinander aufbringen kann, lohnt sich bei öffentlichen Konflikten gelegentlich eine einfache Frage:
Wer definiert eigentlich die Gruppen?
Wer erklärt uns, wer „wir“ sind?
Wer erklärt uns, wer „die anderen“ sind?
Und vor allem:
Worum konkurrieren diese Gruppen tatsächlich?
Manchmal existieren reale Interessenkonflikte.
Manchmal werden Unterschiede aber auch größer dargestellt, als sie tatsächlich sind.
Denn ein starkes Feindbild besitzt eine bemerkenswerte soziale Wirkung:
Es stärkt den Zusammenhalt innerhalb der eigenen Gruppe.
Wer einen gemeinsamen Gegner besitzt, diskutiert plötzlich wesentlich weniger über interne Unterschiede.
Das ist psychologisch ausgesprochen praktisch.
Und gesellschaftlich mitunter brandgefährlich.
Das Experiment enthält aber auch eine optimistische Botschaft
Robbers Cave zeigt nämlich nicht nur, wie Konflikte entstehen können.
Es zeigt ebenso, dass sie nicht zwangsläufig dauerhaft bleiben müssen.
Die entscheidende Erkenntnis war nicht:
„Die Jungen müssen lernen, sich gegenseitig zu mögen.“
Die entscheidende Erkenntnis lautete:
„Sie brauchen Aufgaben, bei denen sie einander brauchen.“
Gemeinsame Interessen konnten die Bedeutung der bisherigen Gruppengrenzen reduzieren.
Das ist möglicherweise die wichtigste Erkenntnis des gesamten Experiments.
Eine Gesellschaft wird nicht dadurch zusammengehalten, dass alle Menschen dieselben Meinungen besitzen.
Das wäre weder realistisch noch wünschenswert.
Sie wird eher dadurch zusammengehalten, dass Menschen trotz unterschiedlicher Ansichten erkennen:
Es gibt Probleme, die wir nur gemeinsam lösen können.
Vom „Wir gegen die“ zum größeren „Wir“
Vielleicht liegt genau hier die faszinierendste Parallele zu modernen Gesellschaften.
Menschen können gleichzeitig Mitglied vieler verschiedener Gruppen sein.
Wir können politisch unterschiedlicher Meinung sein und trotzdem Nachbarn.
Wir können unterschiedliche Religionen haben und trotzdem Kollegen.
Wir können unterschiedliche Einkommen haben und trotzdem Bürger desselben Landes sein.
Welche dieser Identitäten gerade wichtig erscheint, hängt stark von der Situation ab.
Robbers Cave demonstrierte genau das.
Zunächst waren die Jungen einfach Ferienlagerteilnehmer.
Dann wurden sie:
Rattlers gegen Eagles.
Später mussten sie gemeinsam Probleme lösen.
Und plötzlich entstand wieder ein größeres:
Wir.
Die vielleicht wichtigste Frage
Das Robbers-Cave-Experiment hinterlässt deshalb eine Frage, die weit über ein Ferienlager in Oklahoma hinausgeht:
Wie viele gesellschaftliche Konflikte entstehen tatsächlich aus unüberwindbaren Gegensätzen – und wie viele werden dadurch verschärft, dass Menschen ständig in konkurrierende Lager eingeteilt werden?
Links gegen rechts.
Alt gegen jung.
Arm gegen reich.
Stadt gegen Land.
Arbeitnehmer gegen Unternehmer.
Einheimische gegen Zugewanderte.
Generation gegen Generation.
Manchmal gibt es reale Interessengegensätze, die man nicht wegpsychologisieren kann.
Aber Sherifs Experiment erinnert daran, dass die Art, wie wir einen Konflikt strukturieren, selbst einen Unterschied machen kann.
Wer Menschen ständig erklärt, was sie voneinander trennt, bekommt irgendwann zwei Lager.
Wer ihnen dagegen ein gemeinsames Problem gibt, kann plötzlich etwas völlig anderes erzeugen:
Zusammenarbeit.
Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis aus Robbers Cave.
Es ist erschreckend einfach, ein „Wir gegen die“ zu erzeugen.
Aber es ist offenbar ebenso möglich, eine neue Frage zu stellen:
Was können wir nur gemeinsam erreichen?
Und ausgerechnet 22 Jungen in einem Ferienlager zeigten vor mehr als 70 Jahren, welchen Unterschied diese Frage machen kann.
Hashtags:
#RobbersCave #RobbersCaveExperiment #MuzaferSherif #Psychologie #Sozialpsychologie #Gruppenpsychologie #Gruppendruck #Feindbilder #Gruppenidentität #WirGegenDie #Gesellschaft #Konflikt #Spaltung #Zusammenhalt #PsychologischeExperimente #Gesellschaftspsychologie #GemeinsameZiele
Die große und eigentliche Frage an dich lautet nun: Wo siehst du Paralellen zu unserer Gesellschaft oder siehst du keine? Was bedeutet das für dich?