Was passiert, wenn niemand genau weiß, was richtig ist – aber trotzdem eine Antwort geben muss?
Dann schauen Menschen offenbar ziemlich schnell darauf, was die anderen sagen.
Und irgendwann entsteht etwas Bemerkenswertes:
Aus unterschiedlichen Einschätzungen entwickelt sich eine gemeinsame Antwort.
Aus der gemeinsamen Antwort wird eine soziale Norm.
Und diese Norm kann schließlich so selbstverständlich erscheinen, als wäre sie von Anfang an eine objektive Tatsache gewesen.
Genau diesen Mechanismus untersuchte der Sozialpsychologe Muzafer Sherif in den 1930er-Jahren mit einem verblüffend einfachen Experiment.
Er brauchte dafür lediglich:
einen dunklen Raum,
einen kleinen Lichtpunkt
und Menschen, die nicht wussten, dass ihre Augen ihnen gerade einen Streich spielten.
Ein Lichtpunkt in völliger Dunkelheit
Die Versuchspersonen saßen in einem abgedunkelten Raum.
Vor ihnen erschien ein kleiner Lichtpunkt.
Ihre Aufgabe war einfach:
Wie weit hat sich der Lichtpunkt bewegt?
Das Problem:
Der Lichtpunkt bewegte sich überhaupt nicht.
Er stand vollkommen still.
Durch den sogenannten autokinetischen Effekt kann ein einzelner Lichtpunkt in völliger Dunkelheit jedoch so erscheinen, als würde er seine Position verändern.
Da dem Auge Bezugspunkte fehlen, entsteht eine Bewegungsillusion.
Die Versuchsperson sieht also scheinbar etwas geschehen, das objektiv gar nicht stattfindet.
Und genau das machte die Situation für Sherif so interessant.
Was ist die richtige Antwort?
Stellen wir uns vor, wir sitzen selbst in diesem Raum.
- Der Lichtpunkt erscheint.
- Er scheint sich zu bewegen.
- Vielleicht fünf Zentimeter.
- Vielleicht zwanzig.
- Vielleicht einen halben Meter.
- Wir wissen es nicht.
- Es gibt kein Lineal.
- Keine Wandstruktur.
- Keinen zweiten Lichtpunkt.
- Keinen objektiven Bezugspunkt.
- Also geben wir eine Schätzung ab.
- Beim nächsten Durchgang wieder.
- Und wieder.
- Nach einiger Zeit entwickelt jeder Mensch eine Art persönlichen Maßstab.
Der eine sagt beispielsweise regelmäßig:
ungefähr fünf Zentimeter.
Ein anderer:
ungefähr zwanzig Zentimeter.
Ein Dritter:
ungefähr zehn Zentimeter.
Alle haben ihre eigene Vorstellung davon entwickelt, was „normal“ ist.
Dann verändert Sherif die Situation.
Jetzt kommen andere Menschen in den Raum
Die Versuchspersonen sitzen nun nicht mehr allein.
Sie geben ihre Schätzungen gemeinsam mit anderen ab.
Und jeder hört die Antworten der anderen.
- Einer sagt:
- 20 Zentimeter.
- Der nächste:
- 10 Zentimeter.
- Der dritte:
- 5 Zentimeter.
Beim nächsten Durchgang passiert etwas.
Die Werte rücken näher zusammen.
- Vielleicht sagt der Erste nun:17 Zentimeter.
- Der Zweite: 11
- Der Dritte: 7
Dann:
Und irgendwann bewegen sich die Antworten um einen gemeinsamen Bereich.
Die Gruppe hat eine Norm entwickelt.
Niemand hat diese Norm offiziell beschlossen.
Niemand hat abgestimmt.
Niemand besitzt die objektiv richtige Antwort.
Und trotzdem entsteht eine gemeinsame Vorstellung davon, was als richtige beziehungsweise angemessene Einschätzung gilt.
Das Faszinierende: Es gibt überhaupt keine richtige Bewegungsstrecke
Hier unterscheidet sich Sherifs Experiment fundamental vom späteren Asch-Experiment.
Bei Asch war die richtige Antwort eindeutig sichtbar.
Eine Linie war objektiv genauso lang wie eine andere.
Die Versuchsperson konnte erkennen:
Die Gruppe liegt falsch.
Bei Sherif existiert diese Sicherheit nicht.
Die Situation ist mehrdeutig.
Der Mensch denkt:
Ich bin mir nicht sicher. Vielleicht wissen die anderen mehr.
Und genau dann bekommt die Gruppe enorme Bedeutung.
Denn wenn wir selbst keine verlässliche Antwort besitzen, verwenden wir andere Menschen als Informationsquelle.
Aus Unsicherheit entsteht soziale Wirklichkeit
Das ist zunächst vollkommen vernünftig.
Stellen wir uns vor, wir sitzen in einem Restaurant und plötzlich ertönt ein unbekanntes Alarmsignal.
- Was machen wir?
- Wir schauen vermutlich auf die anderen Gäste.
- Stehen alle hektisch auf?
- Bleiben alle ruhig sitzen?
- Läuft das Personal Richtung Ausgang?
Unser Verhalten orientiert sich teilweise daran, wie andere Menschen die Situation interpretieren.
Das ist im Alltag ausgesprochen nützlich.
Kein Mensch kann jede Situation vollständig selbst analysieren.
Wir benutzen andere Menschen deshalb gewissermaßen als soziale Sensoren.
Das Problem entsteht, wenn alle dasselbe tun.
Was, wenn jeder auf jeden schaut?
Stellen wir uns zehn Menschen vor.
- Keiner weiß genau, was passiert.
- Person A schaut auf Person B.
- Person B schaut auf Person C.
- Person C schaut auf Person D.
- Und Person D schaut wiederum auf Person A.
Jeder denkt:
„Die anderen scheinen zu wissen, was los ist.“
Dabei weiß möglicherweise niemand etwas.
Trotzdem kann aus dem Verhalten der Gruppe eine gemeinsame Interpretation entstehen.
Und sobald diese Interpretation etabliert ist, bekommt sie eine bemerkenswerte Macht.
Nun ist es nicht mehr einfach:
„Ich glaube, der Lichtpunkt bewegt sich ungefähr zehn Zentimeter.“
Sondern:
„Man weiß doch, dass er sich ungefähr zehn Zentimeter bewegt.“
Eine individuelle Einschätzung verwandelt sich in eine scheinbar selbstverständliche Norm.
Noch erstaunlicher: Die Norm bleibt bestehen
Sherifs Untersuchungen deuteten darauf hin, dass die gemeinsam entwickelte Norm nicht einfach verschwand, sobald Menschen später wieder allein urteilten.
Die Gruppenmeinung war teilweise zu einem persönlichen Bezugspunkt geworden.
Das ist entscheidend.
Menschen sagten also nicht unbedingt nur deshalb Ähnliches wie die anderen, weil sie öffentlich nicht widersprechen wollten.
Die gemeinsame Einschätzung konnte tatsächlich beeinflussen, was sie selbst für plausibel hielten.
Die soziale Norm war gewissermaßen verinnerlicht worden.
So entstehen gesellschaftliche Normen
Natürlich besteht eine Gesellschaft nicht aus Menschen, die Lichtpunkte in dunklen Räumen beobachten.
Aber der psychologische Mechanismus ist ausgesprochen interessant.
Viele gesellschaftliche Fragen besitzen keine unmittelbar messbare Antwort.
- Was gilt als höflich?
- Welche Kleidung ist angemessen?
- Wie viel Trinkgeld gibt man?
- Wie verhält man sich bei einer Beerdigung?
- Was gilt als Erfolg?
- Was ist peinlich?
- Was ist normal?
Bei solchen Fragen schauen Menschen zwangsläufig auf andere Menschen.
Kinder lernen Normen von Eltern und Gleichaltrigen.
Neue Mitarbeiter beobachten ihre Kollegen.
Menschen, die in ein anderes Land ziehen, beobachten die dortigen Gepflogenheiten.
So entstehen und stabilisieren sich soziale Regeln.
Meist funktioniert das hervorragend.
Ohne solche Normen wäre gesellschaftliches Zusammenleben ausgesprochen mühsam.
Aber was passiert bei gesellschaftlicher Unsicherheit?
Besonders interessant wird Sherifs Experiment in Situationen, in denen die Wirklichkeit schwer einzuschätzen ist.
- Eine neue Technologie entsteht.
- Eine Krise beginnt.
- Eine unbekannte Gefahr taucht auf.
- Eine wirtschaftliche Situation verändert sich.
- Niemand besitzt bereits jahrzehntelange Erfahrung.
- Dann steigt die Bedeutung sozialer Orientierung.
- Menschen fragen:
- Was sagen Experten?
- Was machen meine Nachbarn?
- Was glauben meine Kollegen?
- Was scheint die Mehrheit zu denken?
- Welche Meinung wird öffentlich vertreten?
- Das ist nicht automatisch irrational.
- Es kann sogar ausgesprochen vernünftig sein.
Aber wir sollten verstehen, was dabei passiert:
Unsere Einschätzung der Wirklichkeit entsteht nicht ausschließlich aus unseren eigenen Beobachtungen.
Sie entsteht teilweise sozial.
Wiederholung macht aus Meinungen scheinbare Tatsachen
Sobald eine bestimmte Einschätzung häufig genug auftaucht, verändert sich ihre Wirkung.
Beim ersten Mal denken wir:
„Interessante Meinung.“
Beim zehnten Mal:
„Das hört man ziemlich häufig.“
Beim hundertsten Mal:
„Das ist doch allgemein bekannt.“
Dabei hat sich möglicherweise die Beweislage überhaupt nicht verändert.
Verändert hat sich lediglich die Zahl der Menschen beziehungsweise Quellen, von denen wir dieselbe Behauptung wahrgenommen haben.
Und hier lauert eine wichtige Falle.
Denn viele Stimmen bedeuten nicht zwangsläufig viele unabhängige Informationen.
Hundert Menschen können dieselbe Behauptung wiederholen, die ursprünglich aus einer einzigen Quelle stammt.
Subjektiv erleben wir trotzdem:
Alle sagen es.
Das Internet macht Sherifs Experiment noch interessanter
Sherif führte seine Experimente lange vor sozialen Netzwerken durch.
Heute leben wir in einer Umgebung, in der Gruppenmeinungen permanent sichtbar gemacht werden.
- Likes.
- Shares.
- Trends.
- Bewertungen.
- Kommentare.
- Followerzahlen.
Menschen sehen nicht mehr nur eine Aussage.
Sie sehen gleichzeitig, wie viele andere Menschen dieser Aussage scheinbar zustimmen.
Damit erhält Information eine zweite Ebene.
Nicht nur:
Was wird gesagt?
Sondern:
Wie viele Menschen scheinen es zu glauben?
Und genau diese zweite Information kann unsere Einschätzung der ersten beeinflussen.
Das bedeutet nicht, dass populäre Aussagen falsch wären.
Ebenso wenig bedeutet es, dass Minderheitsmeinungen automatisch richtig wären.
Es bedeutet lediglich:
Die wahrgenommene Meinung anderer Menschen ist selbst ein psychologischer Einflussfaktor.
Sherif und Asch zeigen zwei unterschiedliche Welten
Die Kombination beider Experimente ist besonders aufschlussreich.
Asch fragte:
Was passiert, wenn die Realität eindeutig ist, aber die Gruppe etwas anderes behauptet?
Sherif fragte:
Was passiert, wenn die Realität uneindeutig ist und die Gruppe gemeinsam eine Antwort entwickelt?
Bei Asch entsteht Konformitätsdruck.
Bei Sherif entsteht eine soziale Norm.
Das sind zwei verschiedene Mechanismen.
Und beide beeinflussen menschliches Verhalten.
Wer bestimmt eigentlich, was „normal“ ist?
Das ist vielleicht die spannendste gesellschaftliche Frage, die aus Sherifs Experiment entsteht.
Viele Dinge, die wir für selbstverständlich halten, sind keine Naturgesetze.
Sie sind soziale Konventionen.
Irgendwann haben Menschen angefangen, sich auf bestimmte Verhaltensweisen zu einigen.
Die nächste Generation übernimmt sie.
Und irgendwann fragt kaum noch jemand:
Warum machen wir das eigentlich so?
Die Antwort lautet dann häufig:
„Weil man das eben so macht.“
Das ist die vielleicht erfolgreichste soziale Norm überhaupt.
Eine Regel, deren Ursprung niemand mehr erklären muss, weil ihre Existenz bereits als Begründung genügt.
Das bedeutet nicht, dass soziale Normen schlecht sind
- Ganz im Gegenteil.
- Wir brauchen sie.
- Wir fahren auf einer bestimmten Straßenseite.
- Wir stellen uns in Warteschlangen hinten an.
- Wir sprechen in Bibliotheken leiser.
- Wir akzeptieren bestimmte Umgangsformen.
- Gesellschaft funktioniert, weil Menschen Erwartungen aneinander haben.
Problematisch wird es erst, wenn wir soziale Übereinstimmung mit objektiver Wahrheit verwechseln.
Nur weil alle Menschen in einem Raum dieselbe Entfernung nennen, hat sich Sherifs Lichtpunkt schließlich keinen Millimeter bewegt.
Die entscheidende Lektion
Sherifs Experiment hinterlässt deshalb eine erstaunlich moderne Frage:
Wie viele Dinge halten wir für wahr, weil wir sie selbst überprüft haben – und wie viele, weil Menschen um uns herum sie ebenfalls für wahr halten?
- Meistens werden wir darauf keine eindeutige Antwort haben.
- Und genau darin liegt der Punkt.
- Menschen benötigen Orientierung.
- Wenn die objektive Wirklichkeit eindeutig ist, können wir sie überprüfen.
- Wenn sie jedoch unklar wird, beginnen wir, uns gegenseitig zu beobachten.
Dann entstehen gemeinsame Einschätzungen.
Aus Einschätzungen werden Normen.
Aus Normen werden Selbstverständlichkeiten.
Und irgendwann kann vergessen werden, dass alles einmal mit Menschen begann, die schlicht nicht wussten, wie weit sich ein Lichtpunkt bewegt hatte.
Das Faszinierende daran:
Der Lichtpunkt hatte sich überhaupt nicht bewegt.
Die Menschen schon.
Sie bewegten sich aufeinander zu.
Und genau daraus entstand ihre gemeinsame „Wahrheit“.
Hashtags:
#SherifExperiment #MuzaferSherif #AutokinetischerEffekt #Psychologie #Sozialpsychologie #Gruppenpsychologie #SozialeNormen #Gruppendynamik #Konformität #Wahrnehmung #Meinungsbildung #Gesellschaft #Gruppeneinfluss #KritischesDenken #PsychologischeExperimente #SozialeWirklichkeit
Die große und eigentliche Frage an dich lautet nun: Wo siehst du Paralellen zu unserer Gesellschaft oder siehst du keine? Was bedeutet das für dich?