Es muss eine besondere Form der Hitze sein, die Deutschland heimsucht.
Eine Art meteorologischer Spezialanfertigung.
Denn während man im Hochsommer durch Italien, Kroatien, Montenegro oder Griechenland läuft und sich bei 35 Grad fragt, ob die eigenen Schuhe gleich mit dem Asphalt verschmelzen, scheint dort zunächst einmal das zu passieren, was die Menschen seit Jahrhunderten im Mittelmeerraum tun:
Es ist heiß.
Sehr heiß sogar.
Man sitzt im Schatten. Man trinkt etwas. Man macht langsamer. Die Fensterläden bleiben tagsüber geschlossen. Und erstaunlicherweise beginnt nicht jeden Abend die nationale Nachrichtensendung mit einem dramatischen Countdown der Menschen, die angeblich der Tagestemperatur zum Opfer gefallen sind.
Zurück in Deutschland betritt man dagegen offenbar eine andere Klimazone.
Hier reichen ein paar Tage Hochsommer, und schon klingt manche Berichterstattung, als habe sich die Sahara heimlich bis Hannover ausgedehnt.
Der deutsche Hitzetote ist vor allem eine statistische Konstruktion
Besonders bemerkenswert ist dabei ein Detail, das in Schlagzeilen erstaunlich schnell unter die Räder kommt:
Die sogenannten Hitzetoten werden normalerweise nicht einfach als solche gezählt.
Auf Totenscheinen steht schließlich selten:
Todesursache: 34 Grad im Schatten.
Stattdessen wird statistisch untersucht, ob während Hitzeperioden mehr Menschen sterben, als aufgrund langfristiger Vergleichswerte zu erwarten gewesen wäre. Daraus wird anschließend die Zahl der hitzebedingten Todesfälle geschätzt.
Das Robert Koch-Institut spricht selbst ausdrücklich von einer „geschätzten Anzahl hitzebedingter Sterbefälle“ und veröffentlicht dazu Prädiktionsintervalle. Für den Sommer 2025 lag die Schätzung beispielsweise bei rund 2.500 Fällen, wobei das statistische Intervall von etwa 1.200 bis 3.700 reichte.
Das ist wissenschaftlich völlig legitim.
Nur sollte man dann auch sagen, was es ist:
eine statistische Schätzung.
Und nicht so tun, als seien morgens 2.500 Menschen mit einem amtlichen Stempel „an Hitze verstorben“ aufgefunden worden.
Genau diese sprachliche Verwandlung ist das eigentlich Faszinierende.
Aus einer Modellrechnung wird eine Zahl.
Aus der Zahl wird eine Schlagzeile.
Und aus der Schlagzeile wird schließlich Gewissheit.
Italien muss dringend über den Sommer informiert werden
Besonders grotesk wirkt die deutsche Hitzehysterie natürlich für jeden, der im Juli oder August einmal südlich der Alpen unterwegs war.
Rom? – Heiß.
Korfu? – Heiß.
Kroatische Adriaküste? – Heiß.
Montenegro? – Überraschung: ebenfalls heiß.
Und zwar nicht erst seit Robert Habeck, Friedrich Merz oder irgendein Klimaschutzbeauftragter entdeckt hat, dass die Sonne im Sommer eine gewisse Wärme entwickelt.
Die Menschen dort haben ihre Lebensweise seit Generationen daran angepasst.
Mittags wird das Tempo reduziert. Häuser haben Fensterläden. Plätze haben Schatten. Restaurants stellen Sonnenschutz auf. Menschen trinken Wasser und vermeiden unnötige körperliche Belastung.
Eine geradezu revolutionäre Erkenntnis:
Wenn es heiß ist, verhält man sich entsprechend.
Deutschland dagegen scheint den Sommer jedes Jahr völlig unvorbereitet zu treffen.
Als wäre Juli ein unvorhersehbares Naturereignis.
„ACHTUNG! TEMPERATUREN ÜBER 30 GRAD!“
Ja.
Das nennt man Sommer.
Und trotzdem ist Hitze tatsächlich gefährlich
Nun kommt der Teil, den eine vernünftige Debatte ebenfalls aushalten muss:
Natürlich kann extreme Hitze Menschen töten.
Vor allem Hochbetagte, chronisch Kranke und Pflegebedürftige sind gefährdet. Auch Italien, Spanien, Griechenland und andere südeuropäische Länder kennen hitzebedingte Übersterblichkeit.
Der Fehler liegt also nicht darin, vor Hitze zu warnen.
Der Fehler beginnt dort, wo aus einer sinnvollen Gesundheitswarnung ein medialer Katastrophenwettbewerb wird.
Denn zwischen
„Hitze erhöht bei besonders gefährdeten Menschen das Sterberisiko“
und
„Tausende Hitzetote!“
liegt sprachlich ein gewaltiger Unterschied.
Das eine beschreibt ein epidemiologisches Risiko.
Das andere erzeugt das Bild von Tausenden eindeutig identifizierten Hitzeopfern.
Und genau diese Unterscheidung geht im politischen und medialen Betrieb erstaunlich häufig verloren.
Vielleicht sollten wir von den Südeuropäern lernen
Vielleicht besteht die große deutsche Innovation deshalb nicht darin, immer neue dramatische Begriffe für den Sommer zu erfinden.
Vielleicht könnten wir etwas geradezu Ungeheuerliches tun:
Von Ländern lernen, in denen es regelmäßig erheblich heißer wird.
Mehr Schatten in Städten.
Mehr Bäume.
Bessere Verschattung von Gebäuden.
Trinkwasserstellen.
Andere Arbeitszeiten bei extremer Hitze.
Gezielter Schutz von Alten- und Pflegeheimen.
Klimaanlagen dort, wo sie medizinisch sinnvoll sind.
Das wäre allerdings praktische Politik.
Und praktische Politik hat einen gewaltigen Nachteil:
Man kann damit wesentlich schlechter Panikschlagzeilen produzieren.
Die rätselhafte deutsche Sonne
Bleibt also die wunderbare Vorstellung einer Sonne mit national unterschiedlichen Eigenschaften.
Über Rom scheint sie mediterran.
Über Korfu touristisch.
Über Kroatien sommerlich.
Aber kaum überquert sie die deutsche Grenze, verwandelt sie sich offenbar in ein epidemiologisches Präzisionsinstrument.
Vielleicht sollte man die Italiener dringend warnen.
Dort scheint man schließlich seit Jahrhunderten unter Temperaturen zu leben, bei denen Deutschland inzwischen gefühlt den Katastrophenschutz aktiviert.
Oder wir akzeptieren endlich zwei Dinge gleichzeitig:
Hitze kann gefährlich sein.
Und:
Nicht jede statistische Schätzung rechtfertigt eine apokalyptische Schlagzeile.
Das wäre eine erstaunlich erwachsene Form der Debatte.
Leider besteht dabei die akute Gefahr einer bislang kaum erforschten Nebenwirkung:
Sachlichkeit.
Und dagegen scheint Deutschland tatsächlich noch keinen Hitzeschutzplan zu besitzen.
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