Wie ich künftig meinen Earl Grey entsorge, ohne versehentlich das Weltklima zu ruinieren
Es gibt Momente im Leben eines Europäers, in denen ihm schlagartig bewusst wird, welche Verantwortung auf seinen Schultern lastet. Früher dachte ich dabei an Krieg und Frieden, Wohlstand, Energieversorgung oder die Zukunft unserer Kinder.
Heute weiß ich: Es geht um meinen Teebeutel.
Denn während irgendwo auf diesem Planeten Kohlekraftwerke laufen, Containerschiffe über die Ozeane fahren und Privatjets Menschen von einem wichtigen Klimagipfel zum nächsten befördern, stehe ich morgens in meiner Küche und halte einen nassen Teebeutel zwischen Daumen und Zeigefinger.
Und plötzlich stellt sich die alles entscheidende Frage:
Wohin damit?
Ein falscher Handgriff, und möglicherweise kippt das Weltklima.
Früher war alles erschreckend einfach
Unsere Vorfahren waren primitive Menschen. Sie kochten Wasser, hängten einen Teebeutel hinein, tranken den Tee und warfen anschließend den Beutel weg.
Einfach so.
Ohne Entsorgungsseminar.
Ohne QR-Code.
Ohne europäische Durchführungsverordnung.
Vermutlich begann genau dort die Klimakatastrophe.
Heute wissen wir es besser. Die EU-Verpackungsverordnung beschäftigt sich tatsächlich ausdrücklich mit Teebeuteln, Kaffeeportionen und Kaffeekapseln. Durchlässige Tee- und Kaffeeportionseinheiten sollen künftig kompostierbar sein.
Endlich wird also eines der großen Probleme unserer Zivilisation angegangen.
Mein Morgen im Europa der Zukunft
Ich trinke meinen Tee aus und nähere mich anschließend vorsichtig dem Beutel.
Nicht anfassen!
Zunächst muss geklärt werden:
Ist der Beutel industriell kompostierbar?
Ist die Schnur kompostierbar?
Was ist mit dem kleinen Schildchen?
Enthält die Klammer Metall?
Und welche emotionale Bindung besteht eigentlich zwischen Teeblatt und Verpackung?
Ich lege vorsichtshalber Einweghandschuhe an und öffne die EU-App „TeaWaste 2030“.
Der Beutel wird fotografiert.
Bitte warten. Ihr Entsorgungsvorgang wird geprüft.
Nach 17 Sekunden erscheint die Meldung:
„Ihr Teebeutel könnte Bestandteile enthalten, die einer gesonderten Verwertung zuzuführen sind.“
Verdammt.
Ich wollte doch nur frühstücken.
Nun beginnt die Zeremonie
Zuerst wird der Teebeutel abgekühlt. Schließlich möchte niemand durch einen 63 Grad heißen Darjeeling eine thermische Anomalie im Biomüll verursachen.
Danach trenne ich gewissenhaft:
Tee nach links.
Papier nach rechts.
Schnur in die Mitte.
Metallklammer in den Wertstoffkreislauf.
Das kleine bedruckte Schildchen lege ich zunächst auf den Küchentisch, bis geklärt ist, ob die Druckfarbe nach der EU-Verordnung über die nachhaltige Verwendung morgendlicher Heißgetränke zertifiziert wurde.
Anschließend wiege ich den verbleibenden Teebeutel.
2,7 Gramm.
Ich schäme mich ein wenig.
Dann kommt der Gang zur Biotonne
Ich verlasse das Haus.
In der rechten Hand befindet sich der ordnungsgemäß vorbereitete Teebeutel. In der linken führe ich vorsichtshalber die Verpackung sowie den Kaufbeleg mit.
An der Biotonne angekommen, halte ich inne.
Darf der wirklich hinein?
Ich kontrolliere noch einmal die kommunale Abfallsatzung, die Hinweise des Entsorgers und die europäische Kennzeichnung.
Ein Nachbar kommt vorbei.
„Was machst du da?“
„Ich entsorge Tee.“
Er nickt verständnisvoll.
Europa 2028.
Geschafft!
Schließlich fällt der Beutel in die Tonne.
Plopp.
Ich verspüre Erleichterung.
Vielleicht ist der Meeresspiegel gerade um einen milliardstel Millimeter langsamer gestiegen.
Vielleicht hat irgendwo ein Gletscher kurz gezögert.
Vielleicht schaut in diesem Moment ein Eisbär dankbar Richtung Brüssel.
Er weiß:
Christian hat seinen Teebeutel korrekt entsorgt.
Doch dann trifft mich der Schock
Auf dem Küchentisch liegt noch etwas.
Die Verpackung.
Zwanzig Teebeutel waren darin.
Papier.
Kunststofffolie.
Klebstoff.
Druckfarbe.
Ich spüre, wie mir der Schweiß auf die Stirn tritt.
Welche Tonne?
Ich öffne erneut die EU-App.
Doch dann fällt mein Blick auf die Kaffeemaschine.
Daneben liegt eine gebrauchte Kaffeekapsel.
Jetzt wird es ernst.
Ich beschließe, wieder ins Bett zu gehen.
Denn wer in Europa morgens gleichzeitig Tee und Kaffee trinkt, sollte inzwischen vielleicht einen Fachanwalt für Kreislaufwirtschaft am Frühstückstisch sitzen haben.
Europa ist gerettet
Man kann über europäische Politik sagen, was man will. Aber während die großen Probleme dieser Welt gelegentlich eine gewisse Hartnäckigkeit entwickeln, kümmern wir uns wenigstens um jene Dinge, die noch beherrschbar erscheinen.
Und wenn irgendwann die Geschichtsbücher über unsere Epoche geschrieben werden, wird dort vielleicht stehen:
Sie konnten nicht jedes Problem lösen.
Aber sie wussten ziemlich genau, wohin der Teebeutel gehörte.
Und sollte das Klima trotzdem wärmer werden, kann es jedenfalls nicht an mir gelegen haben.
Mein Teebeutel war ordnungsgemäß kompostierbar.
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