Es geschehen noch Zeichen und Wunder im politischen Europa.
Nach viereinhalb Jahren Krieg, Hunderttausenden Gefallenen und Verwundeten, Millionen eingesetzten Drohnen, einer gewaltigen Umstellung der russischen Rüstungsindustrie und einem militärischen Lernprozess unter denkbar realen Bedingungen hat der lettische Präsident Edgars Rinkēvičs eine geradezu revolutionäre Entdeckung gemacht:
Die russische Armee von 2026 ist nicht mehr die russische Armee vom Februar 2022.
Man möchte spontan einen Lehrstuhl für Erkenntnistheorie in Riga stiften.
Denn Rinkēvičs sagt etwas, das erstaunlicherweise bemerkenswert vernünftig ist: Russland habe heute eine Armee mit Kampferfahrung, die Flexibilität bewiesen und sich an die Bedingungen moderner Kriegführung angepasst habe.
Und das Ärgerliche daran ist:
Der Mann hat einen Punkt.
Vier Jahre lang hieß es: Gleich ist Russland fertig
Seit 2022 wurde dem europäischen Publikum in schöner Regelmäßigkeit erklärt, was Russland angeblich alles nicht mehr habe.
- Keine Panzer mehr.
- Keine Raketen mehr.
- Keine Soldaten mehr.
- Keine Chips mehr.
- Keine funktionierende Wirtschaft mehr.
- Putin stirbt
- Die Ukraine ist am Gewinnen
Keine Waschmaschinen vermutlich auch nicht mehr, weil deren Halbleiter bekanntlich dringend für russische Raketen benötigt wurden.
Und spätestens nach dem nächsten Sanktionspaket, ganz bestimmt aber nach dem übernächsten, müsse der russische Militärapparat endgültig zusammenbrechen.
Nur hatte der Zusammenbruch offenbar einen ausgesprochen schlechten Terminkalender.
Russland kämpft immer noch.
Mehr noch: Das Wall Street Journal berichtet inzwischen selbst über neue russische Drohnen und Waffensysteme und darüber, dass Russland bestimmte Entwicklungen erstaunlich schnell vom Versuchsstadium in die Serienproduktion bringt. Westliche Militärs wiederum versuchen, aus genau diesen Entwicklungen ihre Lehren zu ziehen.
Das ist keine Bewunderung Russlands. Es ist eine ziemlich banale militärische Feststellung:
Wer jahrelang Krieg führt, sammelt jahrelang Kriegserfahrung.
Diese Erkenntnis scheint in Europa ungefähr die intellektuelle Sprengkraft der Relativitätstheorie zu besitzen.
Willkommen in der Realität, Edgars
Rinkēvičs spricht deshalb einen Punkt aus, der in der europäischen Debatte gern unter Bergen politischer Durchhalteparolen verschüttet wird.
Eine Armee lernt.
Sie macht Fehler, bezahlt dafür einen entsetzlichen Preis und verändert anschließend Verfahren, Technik und Taktik.
Genau das gilt übrigens auch für die ukrainischen Streitkräfte. Der Ukrainekrieg ist ein brutales Labor moderner Kriegführung geworden. Drohnen, elektronische Kampfführung, Aufklärung, weitreichende Präzisionswaffen, improvisierte technische Lösungen und immer kürzere Innovationszyklen verändern das Gefechtsfeld in einem Tempo, bei dem manches NATO-Handbuch vermutlich schon veraltet ist, bevor der zuständige Ausschuss das Inhaltsverzeichnis genehmigt hat.
Und genau hier wird die Geschichte wirklich komisch.
Denn nun übt die NATO im Baltikum und versucht, jene Kriegführung nachzustellen, die Russen und Ukrainer seit Jahren unter realen Bedingungen betreiben.
Dabei berichtet das Wall Street Journal von durchaus ernüchternden Erfahrungen. Bei einer Übung in Lettland setzte die gegnerische Übungstruppe unter anderem Drohnen ein und brachte damit erhebliche Unordnung in die NATO-Verbände. Selbst beteiligte Offiziere räumen ein, dass noch einiges gelernt werden müsse.
Vier Jahre lang wurde Russland gern als militärisch rückständig verspottet.
Jetzt übt man, wie Russland Krieg führt.
Geschichte besitzt manchmal einen Humor, für den man eigentlich Eintritt verlangen müsste.
Die Waschmaschinenoffensive muss verschoben werden
Besonders hübsch wird es beim Blick auf die Technik.
Russland setzt inzwischen weiterentwickelte Drohnen ein, darunter schnellere, strahlgetriebene Varianten. Das Wall Street Journal berichtete erst vor wenigen Tagen, dass solche Systeme die ukrainische Luftverteidigung vor neue Probleme stellen.
Natürlich bedeutet das nicht, dass die russische Armee plötzlich unbesiegbar wäre.
Russland hat enorme Verluste erlitten. Es gibt weiterhin strukturelle Probleme. Auch unabhängige westliche Analysen weisen auf langsame Geländegewinne, hohe Verluste und erhebliche wirtschaftliche Belastungen hin.
Aber genau deshalb ist Rinkēvičs‘ Feststellung interessant.
Man kann gleichzeitig feststellen, dass Russland schwere Verluste erlitten hat und dass seine Streitkräfte Erfahrungen gesammelt und bestimmte Fähigkeiten verbessert haben.
Diese beiden Gedanken passen sogar gleichzeitig in einen menschlichen Kopf.
Man muss lediglich vorher etwas Platz schaffen.
Vielleicht war die Ausgangsfrage falsch
Die entscheidende Frage lautet deshalb längst nicht mehr:
„Wann bricht Russland endlich zusammen?“
Sondern:
Was bedeutet es für Europa, wenn Russland aus diesem Krieg mit einer riesigen Menge praktischer Kampferfahrung hervorgeht?
Und was bedeutet es, wenn gleichzeitig ukrainische Soldaten Erfahrungen besitzen, die viele westliche Armeen naturgemäß überhaupt nicht besitzen können?
Rinkēvičs zieht daraus die Forderung, NATO-Strukturen und Verteidigungsplanung schneller anzupassen.
Darüber kann und sollte politisch gestritten werden. Mehr Rüstungsausgaben, Abschreckung, Diplomatie, Sicherheitsarchitektur und das Verhältnis zu Russland sind politische Fragen, bei denen unterschiedliche Schlussfolgerungen möglich sind.
Die zugrunde liegende militärische Beobachtung verschwindet dadurch jedoch nicht.
Russland von 2026 ist nicht Russland von 2022.
Ebenso wenig ist die ukrainische Armee von 2026 die ukrainische Armee von 2022.
Vier Jahre Krieg verändern Streitkräfte.
Eigentlich keine besonders gewagte These.
Edgars und die verbotene Erkenntnis
Und deshalb gebührt Edgars Rinkēvičs zumindest Anerkennung für etwas, das in der europäischen Politik erstaunlich selten geworden ist:
Er beschreibt eine unangenehme Realität, obwohl sie nicht besonders gut in einfache Erzählungen passt.
Russland ist durch diesen Krieg nicht automatisch in jeder Hinsicht stärker geworden. Es hat gewaltige Verluste erlitten und enorme Ressourcen verbraucht.
Aber seine Armee hat vier Jahre lang Erfahrungen mit einem hochintensiven modernen Krieg gesammelt.
Wer daraus nichts gelernt hätte, müsste schon eine bemerkenswert lernresistente Organisation sein.
Vielleicht sollten wir deshalb einen neuen europäischen Grundsatz einführen:
Der Gegner wird nicht dadurch schwächer, dass man ihn möglichst oft für schwach erklärt.
Und eine Armee verliert ihre Kampferfahrung nicht dadurch, dass irgendein Politiker in einer Talkshow sagt, sie sei schlecht.
Edgars Rinkēvičs scheint das verstanden zu haben.
Nach viereinhalb Jahren.
Für europäische Verhältnisse ist das beinahe Lichtgeschwindigkeit.
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