Eine satirische Betrachtung über die politische Gefährlichkeit von Sandstein, Aussichtspunkten und deutschen Sonntagsausflügen
Deutschland hat ein Problem. Nein, diesmal geht es nicht um marode Brücken, Wohnungsnot, Bahnverspätungen oder die Frage, weshalb ein Faxgerät in einer deutschen Behörde offenbar als digitale Transformation durchgeht.
Es geht um etwas viel Gefährlicheres.
Menschen fahren zum Hermannsdenkmal.
Und andere besuchen sogar die Externsteine.
Manche, und jetzt wird es wirklich beunruhigend, besuchen möglicherweise beides.
Nach der Logik, die man aus der gegenwärtigen Debatte über „rechte Archäologie“, Germanenbilder und die politische Vereinnahmung historischer Orte wunderbar bis ins Absurde verlängern kann, müsste jetzt eigentlich der Staatsschutz übernehmen.
Denn die offiziellen Zahlen des Landesverbandes Lippe sind erschütternd.
- Im Jahr 2025 kamen rund 500.000 Menschen zum Hermannsdenkmal.
- Zu den Externsteinen kamen sogar rund 600.000 Menschen.
- Das sind zusammen 1,1 Millionen Besuche.
Natürlich gibt es Überschneidungen. Und genau da beginnt das Problem.
Denn wer nur Hermann besucht, könnte noch behaupten, er habe einfach die Aussicht genießen wollen.
Wer nur zu den Externsteinen fährt, kann sich vielleicht mit Geologie, Wandern oder einem bedauerlichen Navigationsfehler herausreden.
Aber wer an beiden Orten war?
Nun.
Irgendwann wird es mit den Zufällen dünn.
Der verdächtige deutsche Sonntagsausflug
Stellen wir uns einen völlig normalen Sonntag vor.
- Vater, Mutter, zwei Kinder und Oma fahren nach Detmold.
- „Wir könnten uns das Hermannsdenkmal ansehen.“
Schon dieser Satz müsste eigentlich sämtliche Warnsysteme einer modernen Demokratie aktivieren.
- Warum ausgerechnet Hermann?
- Warum nicht Goethe?
- Warum nicht ein Windrad?
- Warum nicht eine moderne Installation über postkoloniale Geschlechteridentitäten im öffentlichen Raum?
- Nein.
- Hermann.
- Der Vater kauft vier Eintrittskarten für die Aussichtsplattform. Die Oma bleibt unten.
Das macht die Sache allerdings keineswegs besser. Schließlich betrachtet sie das Denkmal auffällig lange.
Das jüngere Kind fragt:
„Papa, wer war Hermann?“
Spätestens jetzt müsste ein mobiles pädagogisches Interventionsteam anrücken.
Denn der Vater könnte auf die verwegene Idee kommen, seinem Sohn etwas über Arminius, die Römer und die Varusschlacht im Jahr 9 n. Chr. zu erzählen.
Geschichte!
Deutsche Geschichte!
Und das auch noch freiwillig!
91.982 Menschen haben Hermann sogar bestiegen
Noch dramatischer wird die Sache, wenn wir nicht nur die Besucher des Areals betrachten.
91.982 Menschen stiegen 2025 tatsächlich auf das Hermannsdenkmal.
- Sie gingen freiwillig die Treppen hinauf.
- Niemand zwang sie.
- Keine Demonstration.
- Kein Parteitag.
- Keine Busse einer politischen Organisation.
- Menschen standen morgens auf und beschlossen aus freien Stücken:
- Heute besteige ich Hermann.
- Was ging in diesen Menschen vor?
- Wollten sie vielleicht einfach die Aussicht sehen?
- Das wäre natürlich die naheliegende Erklärung.
- Und deshalb vermutlich viel zu banal.
Denn in Deutschland muss inzwischen hinter bemerkenswert vielen vollkommen gewöhnlichen Dingen eine politische Botschaft vermutet werden.
- Ein Deutschlandfähnchen?
- Verdächtig.
- Interesse an deutscher Geschichte?
- Genauer hinschauen.
- Bismarck?
- Schwierig.
- Germanen?
- Alarmstufe Beige.
- Hermannsdenkmal?
- Jetzt wird es ernst.
- Externsteine?
- Akte anlegen.
- Hermannsdenkmal und Externsteine?
Meine Güte. Wahrscheinlich ist die Radikalisierung abgeschlossen.
600.000 Menschen bei ein paar Felsen
Besonders rätselhaft sind die Externsteine.
Rund 600.000 Menschen besuchten 2025 das Gelände. 118.181 stiegen sogar auf die Felsen.
Der Landesverband Lippe bezeichnet die Anlage ganz unspektakulär als Natur- und Kulturdenkmal. Die bis zu 40 Meter hohen Sandsteinfelsen liegen mitten im Teutoburger Wald und gehören zu den bekanntesten Ausflugszielen der Region.
Das klingt zunächst harmlos.
Und genau das macht es verdächtig.
Denn möglicherweise beginnt politische Radikalisierung heute nicht mehr in irgendwelchen Hinterzimmern.
Vielleicht beginnt sie am Wanderparkplatz.
Mit Funktionsjacke.
Thermoskanne.
Leberwurstbrot.
Und einem erschreckend günstigen Familienticket.
Man wandert nichtsahnend durch den Teutoburger Wald, betrachtet eine Sandsteinformation und plötzlich interessiert man sich für Geschichte.
Ein erschreckender Vorgang.
Die große mathematische Katastrophe
Wenn man die politische Verdachtslogik nur weit genug treibt, entsteht jedenfalls ein interessantes Problem.
Hermannsdenkmal: ungefähr 500.000 Besucher pro Jahr.
Externsteine: ungefähr 600.000 Besucher pro Jahr.
Macht rund 1,1 Millionen Besuche jährlich.
Und das nicht einmal als einmaliges Ereignis. Auch für 2024 meldete der Landesverband praktisch dieselben Größenordnungen: rund 500.000 Menschen beim Hermann und rund 600.000 an den Externsteinen.
- Wir reden also über touristische Massenattraktionen.
- Familien.
- Rentner.
- Schulklassen.
- Wanderer.
- Motorradfahrer.
- Touristen.
- Geschichtsinteressierte.
- Menschen, die einen Kaffee trinken wollen.
- Menschen, deren Ehepartner gesagt hat: „Da fahren wir jetzt hin.“
- Und vermutlich sogar einige Menschen, die überhaupt keine Ahnung haben, wer Arminius war und nach dem Besuch auch nicht wesentlich schlauer nach Hause fahren.
All diese Menschen unter einen politischen Generalverdacht zu stellen, wäre offensichtlich grotesk.
Und genau hier liegt das Problem solcher Debatten.
Geschichte gehört nicht einer Partei
Selbstverständlich kann Geschichte politisch instrumentalisiert werden.
- Das geschah mit Hermann.
- Das geschah mit den Germanen.
- Das geschah mit den Externsteinen.
Das geschah im Kaiserreich, während des Nationalsozialismus und in anderen politischen Zusammenhängen.
Darüber kann und soll man berichten.
Aber daraus folgt etwas völlig anderes als die Vorstellung, historische Orte selbst seien politisch kontaminiert.
Geschichte gehört nicht der AfD.
Sie gehört aber genauso wenig der FAZ, der SPD, der CDU, den Grünen oder irgendeinem politischen Milieu.
Arminius wird nicht dadurch zum AfD-Mitglied, dass ein AfD-Politiker über ihn spricht.
Die Externsteine bekommen auch kein Parteibuch, nur weil irgendeine politische Gruppe versucht, sie für ihre Erzählung zu vereinnahmen.
Und ein Bürger wird nicht politisch verdächtig, weil er wissen möchte, was vor 2.000 Jahren auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands passiert ist.
Eigentlich müsste genau das selbstverständlich sein.
Eigentlich.
Vielleicht sollte man Eintrittskarten künftig politisch kennzeichnen
Aber nehmen wir die Verdachtslogik einmal ernst.
Dann brauchen wir dringend ein neues Eintrittssystem.
Grüne Eintrittskarte: Besucher möchte ausschließlich die Landschaft betrachten.
Gelbe Eintrittskarte: Besucher interessiert sich für Geologie.
Orange Eintrittskarte: Besucher hat nach Arminius gefragt. Beobachtung empfohlen.
Rote Eintrittskarte: Besucher besitzt ein Buch über die Germanen.
Schwarze Eintrittskarte: Besucher war innerhalb von zwölf Monaten sowohl am Hermannsdenkmal als auch an den Externsteinen.
Bei Letzterem könnte man sicherheitshalber fragen:
„Was genau haben Sie dort gemacht?“
„Gewandert.“
„Das behaupten sie alle.“
Vielleicht brauchen wir außerdem Warnschilder:
ACHTUNG! HISTORISCHER ORT
Der längere Aufenthalt kann zu Kenntnissen der eigenen Geschichte führen.
Bei Interesse an Archäologie wenden Sie sich unverzüglich an eine Beratungsstelle.
Besonders gefährlich: das Hermanneum
2025 besuchten übrigens 160.705 Menschen das Hermanneum, die Erlebniswelt am Hermannsdenkmal, um sich mit der Geschichte des Denkmals auseinanderzusetzen.
160.705 Menschen!
Die haben sich Geschichte nicht nur angesehen.
Die wollten auch noch etwas darüber erfahren.
Wo soll das enden?
Am Ende lesen Menschen Tacitus.
Dann beschäftigen sie sich mit Römern und Germanen.
Dann stellen sie fest, dass Geschichte kompliziert ist.
Und irgendwann kommen sie womöglich zu der geradezu staatsgefährdenden Erkenntnis, dass historische Ereignisse nicht automatisch dadurch ihre Bedeutung verlieren, dass sie irgendwann von politischen Bewegungen instrumentalisiert wurden.
Das wäre fatal.
Denn dann müsste man differenzieren.
Und Differenzierung ist bekanntlich der natürliche Feind jeder schönen Empörungsüberschrift.
Hermann bleibt einfach stehen
Das eigentlich Komische an der ganzen Angelegenheit ist deshalb nicht die wissenschaftlich völlig legitime Beschäftigung mit der politischen Instrumentalisierung von Archäologie.
Die ist notwendig.
Komisch wird es dort, wo aus der Vereinnahmung eines historischen Gegenstandes durch politische Akteure langsam der Eindruck entsteht, bereits das Interesse am Gegenstand selbst müsse politisch eingeordnet werden.
Das ist ungefähr so logisch, als würde man den Kölner Dom meiden, weil dort einmal Politiker fotografiert wurden.
Oder Wagner nicht mehr aufführen, weil Hitler Wagner mochte.
Oder Autobahnen sperren, weil die Nationalsozialisten sie propagandistisch ausschlachteten.
Geschichte funktioniert nicht so.
Und Menschen übrigens auch nicht.
Vielleicht fährt eine Familie tatsächlich einfach zum Hermannsdenkmal, weil das Ding 53,56 Meter hoch ist, mitten im Teutoburger Wald steht und man von oben ziemlich weit gucken kann.
Vielleicht fahren Menschen zu den Externsteinen, weil dort bis zu 40 Meter hohe Sandsteinfelsen stehen und die Landschaft spektakulär aussieht.
Revolutionäre Theorie, ich weiß.
Die wirklich beunruhigende Nachricht
Bleibt also die erschütternde Bilanz:
Rund eine halbe Million Menschen beim Hermann.
Rund 600.000 an den Externsteinen.
Jedes Jahr.
Und manche davon fahren anschließend vermutlich auch noch nach Hause, grillen eine Bratwurst und denken sich überhaupt nichts Politisches dabei.
Wie soll man solche Menschen noch einordnen?
Vielleicht gar nicht.
Vielleicht könnte Journalismus sogar wieder auf die geradezu exotische Idee kommen, zwischen historischem Interesse, Tourismus, wissenschaftlicher Beschäftigung und politischer Instrumentalisierung zu unterscheiden.
Dann dürfte jemand die Varusschlacht interessant finden, ohne sich dafür politisch rechtfertigen zu müssen.
Man dürfte die Externsteine besuchen, ohne vorher seine demokratische Gesinnung am Parkplatzautomaten einzuscannen.
Und Hermann könnte weiter über den Teutoburger Wald schauen, ohne dass jedes Fernglas auf seiner Aussichtsplattform zum politischen Bekenntnis erklärt wird.
Bis dahin gilt sicherheitshalber:
Wenn Sie schon einmal am Hermannsdenkmal waren, bleiben Sie ruhig.
Wenn Sie schon einmal an den Externsteinen waren, ebenfalls.
Wenn Sie allerdings beide besucht haben, vernichten Sie vorsichtshalber die Parktickets.
Man weiß schließlich nie, wann die deutsche Ausflugsbiografie zum Gesinnungsnachweis wird.
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