Ein Kind sitzt allein an einem Tisch. Vor ihm liegt ein Marshmallow.
Die Regel ist denkbar einfach:
Du kannst ihn sofort essen.
Oder du wartest.
Wenn der Erwachsene zurückkommt und der Marshmallow noch da ist, bekommst du zwei.
Ein Marshmallow jetzt.
Oder zwei später.
Was wie ein niedliches Spiel mit Kindern klingt, entwickelte sich zu einem der berühmtesten psychologischen Experimente überhaupt.
Jahrzehntelang wurde daraus eine faszinierende Botschaft abgeleitet:
Wer bereits als Kind seine Wünsche kontrollieren und auf eine größere Belohnung warten kann, wird später erfolgreicher.
- Bessere Schulnoten.
- Bessere Ausbildung.
- Bessere Gesundheit.
- Mehr Erfolg im Leben.
Der Marshmallow wurde damit beinahe zu einer Kristallkugel der Persönlichkeit.
Nur hatte diese schöne Geschichte einen Haken.
Spätere Forschung zeigte:
Vielleicht misst der Test nicht nur Selbstkontrolle. Vielleicht misst er auch, in welcher Welt ein Kind gelernt hat zu leben.
Und damit wird das Experiment erst richtig interessant.
Wie alles begann
Die berühmten Versuche gehen vor allem auf den Psychologen Walter Mischel und seine Kollegen an der Stanford University zurück.
Ende der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre untersuchten sie bei Vorschulkindern den sogenannten Belohnungsaufschub.
Das Prinzip war einfach.
Ein Kind bekam eine attraktive Belohnung angeboten.
Das konnte ein Marshmallow sein, aber auch beispielsweise ein Keks oder eine andere begehrte Kleinigkeit.
Das Kind konnte wählen:
Eine kleinere Belohnung sofort.
Oder:
Eine größere Belohnung später.
Dann verließ der Versuchsleiter den Raum.
Und nun begann der eigentliche Kampf.
Nicht zwischen zwei Menschen.
Sondern zwischen:
„Ich will es jetzt.“
und
„Wenn ich warte, bekomme ich mehr.“
Die Kinder entwickelten erstaunliche Strategien
Auf den berühmten Aufnahmen sieht man Kinder, die geradezu mit sich selbst ringen.
- Manche betrachten die Süßigkeit.
- Dann schauen sie weg.
- Andere halten sich die Hände vor die Augen.
- Manche drehen sich auf dem Stuhl herum.
- Andere beschäftigen sich mit etwas anderem.
- Einige berühren die Belohnung oder riechen daran.
- Und manche lösen das Problem ausgesprochen effizient:
- Sie essen sie.
Was zunächst amüsant aussieht, lieferte Mischel eine wichtige Erkenntnis.
Selbstkontrolle bedeutete nicht unbedingt, mit eiserner Willenskraft minutenlang auf den Marshmallow zu starren.
Erfolgreiches Warten funktionierte häufig dadurch, die Versuchung psychologisch weniger präsent zu machen.
Ablenkung half.
Wegschauen half.
An etwas anderes denken half.
Das ist bereits eine wesentlich interessantere Erkenntnis als die populäre Vorstellung vom besonders disziplinierten Kind.
Dann kam die berühmte Langzeitbeobachtung
Jahre später untersuchten Mischel und Kollegen, wie sich die Kinder entwickelt hatten.
Dabei fanden sie Zusammenhänge zwischen längerem Warten im ursprünglichen Experiment und verschiedenen späteren Ergebnissen.
Kinder, die länger warten konnten, schnitten im Durchschnitt bei manchen späteren Messgrößen besser ab.
Damit entstand die berühmte Geschichte:
Der Marshmallow-Test kann den späteren Lebenserfolg vorhersagen.
Und diese Botschaft war unwiderstehlich.
Elternratgeber griffen sie auf.
Schulen diskutierten sie.
Managementliteratur liebte sie.
Selbstdisziplin wurde zum Schlüssel des Erfolgs erklärt.
Ein vierjähriges Kind vor einer Süßigkeit schien plötzlich etwas über sein Leben Jahrzehnte später zu verraten.
Psychologie kann manchmal beeindruckend einfach aussehen.
Meist sollte man genau dann misstrauisch werden.
Denn was misst der Marshmallow-Test eigentlich?
Nehmen wir zwei Kinder.
Kind A wächst in einer stabilen Umgebung auf.
Wenn die Eltern sagen:
„Morgen bekommst du das.“
dann bekommt es das morgen tatsächlich.
Versprechen werden eingehalten.
Essen ist vorhanden.
Die Lebenssituation ist relativ berechenbar.
Dieses Kind hat gelernt:
Warten kann sich lohnen.
Nun Kind B.
Es lebt in einer wesentlich unsichereren Umgebung.
Versprechen werden häufiger nicht eingehalten.
Ressourcen sind knapper.
Was heute verfügbar ist, könnte morgen weg sein.
Dieses Kind lernt möglicherweise eine vollkommen andere Strategie:
Wenn etwas jetzt verfügbar ist, nimm es jetzt.
Und plötzlich sieht dieselbe Entscheidung vollkommen anders aus.
Ist das zweite Kind wirklich weniger selbstbeherrscht?
Vielleicht nicht.
Vielleicht verhält es sich aus seiner bisherigen Lebenserfahrung sogar ausgesprochen rational.
Wenn ich davon ausgehe, dass die versprochene zweite Belohnung tatsächlich kommt, lohnt sich das Warten.
Wenn ich dieser Zusage nicht vertraue, ist die sofortige Belohnung möglicherweise die vernünftigere Entscheidung.
Damit bekommt der Marshmallow-Test eine völlig neue Dimension.
Er misst möglicherweise nicht nur:
Wie gut kann ein Kind seine Impulse kontrollieren?
Sondern ebenfalls:
Wie zuverlässig hält dieses Kind seine Umwelt für die Zukunft?
Ein besonders interessantes Experiment zur Zuverlässigkeit
2013 veröffentlichten Celeste Kidd, Holly Palmeri und Richard Aslin eine Untersuchung, die diesen Gedanken eindrucksvoll demonstrierte.
Bevor die Kinder den eigentlichen Marshmallow-Test absolvierten, machten sie unterschiedliche Erfahrungen mit einem Erwachsenen.
In einer Bedingung erwies sich der Erwachsene als zuverlässig.
Ein angekündigtes besseres Material wurde tatsächlich gebracht.
In einer anderen Bedingung wurden Versprechen nicht eingehalten.
Danach folgte der klassische Belohnungsaufschub.
Das Ergebnis:
Kinder, die zuvor erlebt hatten, dass der Erwachsene zuverlässig war, warteten im Durchschnitt erheblich länger.
Das ist enorm wichtig.
Denn dieselben grundlegenden Fähigkeiten eines Kindes können je nach wahrgenommener Zuverlässigkeit der Umwelt zu unterschiedlichem Verhalten führen.
Vertrauen beeinflusst Selbstkontrolle.
Dann wurde die berühmte Langzeitwirkung erneut untersucht
2018 veröffentlichten Tyler Watts, Greg Duncan und Haonan Quan eine viel beachtete Untersuchung mit einer deutlich größeren und vielfältigeren Stichprobe.
Auch dort fand sich zunächst ein Zusammenhang zwischen der Fähigkeit zum Belohnungsaufschub und späteren Leistungen.
Doch dann berücksichtigten die Forscher weitere Faktoren.
Familiärer Hintergrund.
Kognitive Fähigkeiten.
Sozioökonomische Bedingungen.
Eigenschaften des Elternhauses.
Und plötzlich wurde der Zusammenhang deutlich kleiner.
Die sensationelle einfache Botschaft:
„Wer mit vier Jahren den Marshmallow nicht isst, wird später erfolgreicher“
war so nicht haltbar.
Das bedeutet nicht, dass Selbstkontrolle unwichtig ist
Hier wäre der nächste Denkfehler bereits vorbereitet.
Wenn der Marshmallow-Test nicht das ganze spätere Leben vorhersagt, könnte man daraus schließen:
Selbstkontrolle spielt überhaupt keine Rolle.
Auch das wäre falsch.
Die Fähigkeit, kurzfristige Wünsche zugunsten langfristiger Ziele zurückzustellen, ist offensichtlich in vielen Lebensbereichen nützlich.
Sparen statt alles sofort ausgeben.
Lernen statt ausschließlich Unterhaltung.
Training statt Sofa.
Gesundheit langfristig gegen kurzfristige Bequemlichkeit abwägen.
Aber menschliches Verhalten entsteht eben nicht im luftleeren Raum.
Selbstkontrolle trifft immer auf Lebensbedingungen.
Wer Sicherheit besitzt, kann leichter langfristig planen
Das klingt banal, hat aber weitreichende Folgen.
Langfristige Planung setzt voraus, dass man überhaupt an eine halbwegs berechenbare Zukunft glaubt.
Wer finanziell abgesichert ist, kann leichter Geld für später zurücklegen.
Wer nicht weiß, wie er die nächste Rechnung bezahlt, denkt zwangsläufig kurzfristiger.
Wer stabile Beziehungen erlebt, kann Vertrauen entwickeln.
Wer ständig erlebt, dass Zusagen gebrochen werden, wird vorsichtiger.
Das bedeutet nicht, dass Menschen vollständig Produkte ihrer Umwelt sind.
Aber es bedeutet:
Eine Entscheidung, die von außen impulsiv aussieht, kann unter anderen Lebensbedingungen durchaus vernünftig sein.
Der Marshmallow als gesellschaftliche Metapher
Und hier wird das Experiment weit größer als eine Süßigkeit.
Unsere Gesellschaft belohnt ständig Belohnungsaufschub.
Ausbildung dauert Jahre.
Altersvorsorge dauert Jahrzehnte.
Gesundheitsvorsorge zahlt sich häufig erst später aus.
Investitionen benötigen Zeit.
Karrieren entwickeln sich über Jahre.
Das gesamte Prinzip funktioniert aber nur, wenn Menschen darauf vertrauen:
Die versprochene spätere Belohnung existiert tatsächlich.
Wenn dieses Vertrauen verschwindet, verändert sich rationales Verhalten.
Warum heute verzichten, wenn ich nicht glaube, morgen davon zu profitieren?
Warum langfristig planen, wenn Regeln ständig verändert werden?
Warum sparen, wenn ich davon ausgehe, dass mein Erspartes massiv an Wert verliert?
Damit bekommt der Marshmallow-Test eine bemerkenswert gesellschaftliche Bedeutung.
Vielleicht lautet die eigentliche Frage gar nicht: „Wie diszipliniert bist du?“
Vielleicht lautet sie:
„Wie sehr vertraust du darauf, dass Warten belohnt wird?“
Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Denn die erste Frage legt die gesamte Verantwortung beim Individuum.
Erfolgreich?
Dann hattest du Selbstdisziplin.
Nicht erfolgreich?
Dann hättest du eben stärker warten müssen.
Die zweite Frage betrachtet zusätzlich die Umwelt.
Welche Chancen hatte der Mensch?
Wie stabil war seine Kindheit?
Wie zuverlässig waren Erwachsene?
Welche Ressourcen standen zur Verfügung?
Welche Erfahrungen hat er mit Versprechen gemacht?
Damit wird aus einer einfachen Persönlichkeitsgeschichte eine wesentlich kompliziertere Geschichte über das Zusammenspiel von Mensch und Umwelt.
Der große Fehler einfacher Erklärungen
Der Marshmallow-Test ist deshalb auch ein wunderbares Beispiel dafür, wie psychologische Forschung in der Öffentlichkeit vereinfacht wird.
Die ursprüngliche Forschung war differenzierter.
Die populäre Erzählung wurde daraus:
Marshmallow nicht essen = erfolgreicher Erwachsener.
Das lässt sich hervorragend erzählen.
- Es passt auf eine Buchseite.
- Es passt in einen Vortrag.
- Es passt in einen Elternratgeber.
- Nur passt die Wirklichkeit leider nicht immer in diese hübsche Formel.
Spätere Forschung zeigte, dass zahlreiche Faktoren miteinander verbunden sind.
- Selbstkontrolle.
- Intelligenz.
- Familie.
- Bildung.
- Einkommen.
- Vertrauen.
- Stabilität.
- Umwelt.
Und vermutlich noch einiges mehr.
Menschen sind bedauerlicherweise komplizierter als ein Marshmallow.
Was bleibt vom berühmten Experiment?
Eine ganze Menge.
Der Marshmallow-Test war keineswegs wertlos.
Er zeigte eindrucksvoll, welche Strategien Kinder einsetzen können, um Versuchungen zu widerstehen.
Er half dabei, Belohnungsaufschub wissenschaftlich zu untersuchen.
Und die späteren Debatten machten das Experiment sogar noch interessanter.
Denn heute lautet die Botschaft nicht mehr:
„Der Charakter eines Vierjährigen entscheidet über sein späteres Leben.“
Sondern eher:
Selbstkontrolle entsteht und wirkt innerhalb einer sozialen Umwelt.
Persönlichkeit spielt eine Rolle.
Aber Lebensbedingungen ebenfalls.
Vielleicht war das Kind gar nicht ungeduldig
Stellen wir uns noch einmal das Kind vor.
Vor ihm liegt der Marshmallow.
Der Erwachsene sagt:
„Wenn du wartest, bekommst du später zwei.“
Nun können wir das Kind beobachten und sagen:
Mal sehen, wie viel Selbstdisziplin es besitzt.
Oder wir können eine zweite Frage stellen:
Welche Erfahrungen hat dieses Kind bisher mit solchen Versprechen gemacht?
Und plötzlich sehen wir nicht mehr nur einen Test der Willenskraft.
Wir sehen einen Test von:
- Selbstkontrolle.
- Erwartungen.
- Vertrauen.
- Erfahrung.
- Und sozialer Sicherheit.
Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis aus mehr als einem halben Jahrhundert Marshmallow-Forschung:
Menschen entscheiden nicht nur danach, wie sehr sie etwas wollen.
Sie entscheiden auch danach, wie sehr sie der Zukunft vertrauen.
Und damit sagt der Marshmallow möglicherweise tatsächlich etwas über das spätere Leben eines Kindes aus.
Nur vielleicht nicht ganz das, was wir jahrzehntelang glaubten.
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