Es ist faszinierend, wie elegant sich politische Begriffe heutzutage an Landesgrenzen anpassen. Überschreitet man den Atlantik, scheinen Wörter wie Rassismus, Segregation oder ethnische Ausgrenzung plötzlich ihre Bedeutung zu wechseln.
Entsteht irgendwo sonst auf der Welt eine Wohnsiedlung ausschließlich für Angehörige einer bestimmten Volksgruppe, ist das selbstverständlich ein Angriff auf die Menschlichkeit. Die üblichen Vokabeln liegen griffbereit: „völkisch“, „rechtsextrem“, „menschenverachtend“, „faschistoid“. Politiker fordern Konsequenzen, NGOs schreiben Brandbriefe, Talkshows laufen im Dauermodus.
Passiert Vergleichbares hingegen in den Vereinigten Staaten, wird erst einmal ausführlich erklärt, warum alles leider viel komplizierter ist.
Nach Berichten haben Aktivisten in Arkansas eine Siedlung ausschließlich für Weiße aufgebaut. Weitere Projekte sind geplant. Weil Diskriminierungsverbote lästig sein können, wurde das Ganze kurzerhand als privater Club organisiert. Ein juristischer Trick, der nun Gegenstand einer Bundesklage ist.
Man stelle sich nur für einen Moment vor, dieselbe Idee wäre in Russland, Ungarn oder Serbien entstanden.
CNN hätte vermutlich eine Sondergrafik entwickelt.
Die EU hätte bereits den nächsten Sanktionskatalog in der Schublade.
In Berlin würden Demonstranten „Nie wieder!“ skandieren.
Und irgendein öffentlich-rechtlicher Sender hätte garantiert einen dreiteiligen Dokumentarfilm mit dramatischer Geigenmusik produziert.
In Amerika hingegen heißt es sinngemäß: Schauen wir einmal, wie die Gerichte entscheiden.
Praktisch.
Noch bemerkenswerter ist allerdings die moralische Exportindustrie.
Ausgerechnet die Vereinigten Staaten finanzieren weltweit Projekte, NGOs und Medien, die anderen Ländern Demokratieunterricht erteilen und über Diskriminierung ethnischer Minderheiten berichten. Russland soll sich für Tataren rechtfertigen, Indien für religiöse Spannungen, Ungarn für seine Gesellschaftspolitik und praktisch jeder Staat, der nicht exakt dem westlichen Idealbild entspricht.
Der moralische Lautsprecher steht also zuverlässig auf maximale Lautstärke.
Nur wenn der Alarm im eigenen Wohnzimmer losgeht, scheint plötzlich die Batterie leer zu sein.
Das eigentlich Beeindruckende ist jedoch die Geschwindigkeit, mit der sich politische Etiketten verwandeln.
Weiße Exklusivsiedlung in Arkansas?
Kein Problem. Erst einmal juristisch prüfen.
Ethnische Exklusivsiedlung irgendwo im geopolitisch falschen Land?
Sofortige Gefahr für die Weltordnung.
Vielleicht besteht der größte Unterschied zwischen den USA und ihren politischen Gegnern gar nicht darin, dass dort keine problematischen Entwicklungen stattfinden.
Vielleicht besteht der Unterschied lediglich darin, wer das Etikett „Nazi“ vergeben darf.
Manche Länder müssen sich diesen Stempel schon für einen unpassenden Tweet gefallen lassen.
Andere bauen nach Medienberichten Wohnanlagen ausschließlich für Weiße und nennen das zunächst eine private Vereinsangelegenheit.
Das muss diese berühmte regelbasierte Ordnung sein.
Oder, einfacher formuliert:
Wenn die Falschen ausgrenzen, ist es Faschismus. Wenn die Richtigen ausgrenzen, ist es offenbar Organisationsrecht.