Jahrelang klang es aus Berlin wie aus einem schlecht gelaunten Megafon: „Mit Russland wird nicht gesprochen!“ Telefonhörer wurden symbolisch eingemottet, Gesprächsangebote galten als Ketzerei, und wer das Wort „Diplomatie“ in den Mund nahm, wurde behandelt, als hätte er vorgeschlagen, die Schwerkraft abzuschaffen.
Doch nun scheint irgendwo im Regierungsviertel jemand versehentlich das alte Adressbuch gefunden zu haben.
Wie die britische Zeitung The Times berichtet, soll sich in Deutschland ein bemerkenswerter Stimmungswechsel vollziehen. Hinter verschlossenen Türen werden offenbar wieder Kommunikationskanäle nach Moskau gesucht. Ausgerechnet Ronald Pofalla, einst Kanzleramtschef unter Angela Merkel, soll dabei eine Rolle spielen. Parallel berichteten auch deutsche Medien über Treffen ehemaliger deutscher Politiker mit russischen Vertretern in Baku.
Natürlich alles streng vertraulich. Man möchte schließlich nicht, dass die Öffentlichkeit den Eindruck bekommt, Politik könnte gelegentlich aus mehr bestehen als Pressekonferenzen und moralischen Belehrungen.
Akt I: Die große Empörung
„Mit Putin redet man nicht!“
„Verhandlungen sind Verrat!“
„Telefonate sind Appeasement!“
Jeder, der auch nur vorsichtig anregte, Diplomatie könne vielleicht weniger Tote produzieren als Artillerie, wurde behandelt, als hätte er persönlich den Kalten Krieg erfunden.
Talkshows entwickelten sich zu Gruppentherapien der moralischen Überlegenheit. Wer nicht laut genug zustimmte, bekam den Verdacht angeheftet, heimlich den Kreml zu heizen.
Akt II: Die Realität klopft
Vier Jahre später.
Inflation.
Energiepreise.
Rüstungskosten.
Haushaltslöcher.
Wirtschaft am Husten.
Und plötzlich entdeckt Berlin eine revolutionäre Erfindung.
Das Telefon.
Man stelle sich die Szene vor:
„Hat eigentlich noch jemand Putins Nummer?“
„Moment… irgendwo müsste sie noch im alten Nokia von 2019 gespeichert sein.“
„Nein, das war Schröder.“
„Dann fragt Pofalla.“
Akt III: Mission Impossible
Natürlich läuft so etwas diskret.
Niemand möchte schließlich öffentlich erklären müssen, weshalb genau das heute vernünftig sein soll, was gestern noch als unverantwortlich galt.
Also trifft man sich nicht in Berlin.
Nicht in Brüssel.
Nicht in Genf.
Nein.
Baku.
Ein Hotel.
Ein paar ehemalige Spitzenpolitiker.
Ein paar russische Gesprächspartner.
Und vermutlich jede Menge Mineralwasser, weil Diplomatie auf nüchternen Magen bekanntlich besonders glaubwürdig wirkt.
Offiziell handelt es sich selbstverständlich nicht um Verhandlungen.
Es sind…
…Gespräche über mögliche Gespräche zur Vorbereitung zukünftiger Gespräche hinsichtlich eventuell denkbarer Gesprächsformate.
Die Bürokratie liebt schließlich Nebel.
Akt IV: Der politische Schleudersitz
Der eigentliche Höhepunkt ist jedoch die Geschwindigkeit des Meinungswandels.
Gestern:
„Mit Russland gibt es nichts zu reden!“
Heute:
„Man sollte alle diplomatischen Optionen prüfen.“
Morgen vielleicht:
„Wir haben nie behauptet, Diplomatie sei falsch gewesen.“
Übermorgen:
„Wir waren schon immer für Dialog.“
Die Archive zittern bereits.

Finale: James Bond hätte seine Freude
Ian Fleming hätte daraus vermutlich den nächsten Bond-Film gemacht.
„From Russia with Love.“
Nur diesmal kommt der Agent nicht aus London.
Er fährt mit dem Dienstwagen aus Berlin.
Im Aktenkoffer liegen keine geheimen Baupläne.
Nur ein alter Zettel:
„Falls alles schiefgeht: Bitte wieder miteinander reden.“
Ein bemerkenswert simples Konzept.
Schade nur, dass man dafür offenbar erst mehrere Jahre Krieg, Milliarden an Waffenlieferungen, wirtschaftliche Schäden und unzählige öffentliche Belehrungen benötigte, um wieder auf eine Idee zu kommen, die Diplomaten seit Jahrhunderten kennen:
Irgendwann endet fast jeder Krieg am Verhandlungstisch.
Die eigentliche Satire besteht vielleicht darin, dass ausgerechnet diejenigen, die Diplomatie lange als Schwäche verkauften, nun hinter verschlossenen Türen nach genau dieser Diplomatie suchen. Nur nennt man sie jetzt eben nicht mehr so. In Berlin ist schließlich selbst der Kurswechsel eine Frage der richtigen Wortwahl.











