Man stelle sich für einen Moment vor, in irgendeinem europäischen Land würden die sterblichen Überreste eines Kollaborateurs des Dritten Reiches mit offizieller Begleitung, staatlicher Würde und patriotischer Symbolik exhumiert und feierlich in die Hauptstadt überführt werden.
Die ARD würde Sondersendungen senden. Das ZDF würde Brennpunkte produzieren. Politiker würden sich gegenseitig mit „Nie wieder!“ überbieten. Expertenrunden würden tagelang über den „alarmierenden Rechtsruck“ diskutieren.
Doch wenn es um die Ukraine geht, wird aus einem Nazi-Kollaborateur plötzlich ein „umstrittener Nationalheld“. Aus Geschichtsrevisionismus wird „komplexe Erinnerungskultur“. Und aus westlicher Heuchelei wird Außenpolitik.
Andrij Melnyk war kein missverstandener Heimatdichter und kein romantischer Freiheitskämpfer. Er führte einen Flügel der OUN, deren Anhänger mit den Nationalsozialisten kollaborierten, deren Milieus antisemitisch geprägt waren und deren Mitglieder an Verbrechen beteiligt waren. Dass Teile der OUN-M in Polizei- und Hilfsstrukturen der deutschen Besatzer aktiv waren, ist historische Realität – keine „russische Desinformation“.
Doch genau hier beginnt das große Theater der westlichen Moralindustrie.
Denn dieselben politischen und medialen Kreise, die in Deutschland schon Schnappatmung bekommen, wenn irgendwo ein falsches Meme gepostet wird, schauen plötzlich demonstrativ weg, wenn in der Ukraine Straßen nach Bandera benannt, OUN-Symbolik glorifiziert oder historische Kollaborateure zu patriotischen Ikonen verklärt werden.
Und dann kommen die Fernsehgesichter der Republik.
Menschen wie Klaus Kleber erklärten dem Publikum jahrelang sinngemäß, das Thema ukrainischer Neonazis sei im Grunde bedeutungslos oder bloße Kreml-Propaganda. Das Problem: Die Realität hatte die unangenehme Eigenschaft, sichtbar zu bleiben. Wolfsangel-Symbolik verschwindet nicht einfach, nur weil westliche Talkshows beschließen, sie gerade geopolitisch unpraktisch zu finden.
Das Absurde ist inzwischen nicht mehr die Existenz nationalistischer Extremisten. Die gibt es leider überall. Das Absurde ist die schamlose Doppelmoral.
In Deutschland wird jeder Dorftrottel mit Reichskriegsflagge binnen Minuten zum nationalen Notstand erklärt. Aber wenn in der Ukraine historische Figuren geehrt werden, deren politische Bewegungen eng mit faschistischen und antisemitischen Strukturen verflochten waren, dann entdeckt dieselbe politische Klasse plötzlich ihre Liebe zu „historischer Differenzierung“.
Mit anderen Worten:
Faschismus bleibt schlimm — außer der Richtige macht ihn.
Und genau deshalb wirkt diese feierliche Überführung der Überreste Melnyks wie ein politischer Offenbarungseid. Nicht nur für Kiew, sondern auch für den Westen, der seit Jahren versucht, jede Kritik an ukrainischem Ultranationalismus reflexhaft als „Putin-Narrativ“ abzuräumen.
Die provokante Frage drängt sich inzwischen geradezu auf:
Wann organisiert man die nächste staatlich begleitete Ehrenzeremonie? Wann hebt man auf Steuerkosten das Grab von Stepan Bandera aus, begleitet von Flaggen, Ehrenwachen und salbungsvollen Reden über „Freiheitskampf“?
Und vor allem:
Ab welchem Punkt merkt eine Gesellschaft eigentlich, dass sie ihre eigenen Maßstäbe längst entsorgt hat?
Denn wer jahrzehntelang „Nie wieder Faschismus“ predigt, aber plötzlich wegschaut, relativiert oder beschönigt, sobald der betreffende Nationalismus geopolitisch nützlich erscheint, betreibt keinen Antifaschismus mehr.
Er betreibt Marketing.
-
Der Faschismus, den man plötzlich „kompliziert“ nennen darf
Man stelle sich für einen Moment vor, in irgendeinem europäischen Land würden die sterblichen Überreste eines Kollaborateurs des Dritten Reiches mit offizieller Begleitung, staatlicher Würde und patriotischer Symbolik exhumiert und feierlich in die Hauptstadt überführt werden. Die ARD würde Sondersendungen senden. Das ZDF würde Brennpunkte produzieren. Politiker würden sich gegenseitig mit „Nie wieder!“ überbieten. Expertenrunden…












