Wenn der Name Höcke statt Kurku auf der Schlagzeile gestanden hätte

Stellen wir uns für einen Moment ein Gedankenexperiment vor.

Nicht die Schwiegermutter eines SPD-Politikers hätte am Steuer des mutmaßlichen Fluchtwagens eines Sechsfachmörders gesessen. Sondern die Schwiegermutter eines prominenten AfD-Politikers.

Wer ernsthaft glaubt, die öffentliche Debatte wäre dieselbe geblieben, dürfte auch den Weihnachtsmann noch für einen verbeamteten Logistikexperten halten.

Es gäbe Sondersendungen. Brennpunkte. Forderungen nach Rücktritten. Kommentare über das „politische Umfeld“. Experten würden über Radikalisierung diskutieren, Oppositionspolitiker würden Konsequenzen verlangen und soziale Netzwerke wären voller Schuldzuweisungen. Vermutlich fielen bereits Begriffe wie „strukturelle Verantwortung“ oder „geistiges Klima“.

Im aktuellen Fall hingegen lautet die Botschaft aus der Politik bemerkenswert schnell: Der SPD-Politiker treffe keine Schuld. Er habe korrekt gehandelt und die Behörden informiert. Eine Einschätzung, die angesichts der bislang bekannten Fakten durchaus nachvollziehbar sein kann. Denn bislang gibt es keinerlei Hinweise darauf, dass ihn irgendeine persönliche Schuld trifft.

Genau deshalb stellt sich aber eine andere Frage:

Warum gelten diese Maßstäbe offenbar nicht immer?

Wer politische Fairness ernst nimmt, muss sie unabhängig vom Parteibuch anwenden. Angehörige sind keine Stellvertreter. Niemand ist für die mutmaßlichen Straftaten seiner Schwiegermutter verantwortlich. Dieser Grundsatz muss für SPD, CDU, Grüne, Linke, FDP und ebenso für die AfD gelten.

Die eigentliche Debatte lautet deshalb nicht, ob Deniz Kurku verantwortlich ist. Dafür gibt es nach derzeitigem Kenntnisstand keinerlei Anhaltspunkte.

Die Debatte lautet vielmehr, ob Medien und Politik dieselbe Gelassenheit gezeigt hätten, wenn an seiner Stelle ein AfD-Politiker gestanden hätte.

Viele Bürger werden diese Frage für sich mit einem klaren Nein beantworten.

Gerade in einer demokratischen Gesellschaft dürfen politische Maßstäbe nicht davon abhängen, welches Parteibuch jemand besitzt. Wer bei der einen Partei konsequent individuelle Verantwortung betont, sollte dies auch bei der anderen tun. Alles andere wirkt wie doppelte Standards und untergräbt das Vertrauen in Medien und Politik.

Der Rechtsstaat kennt keine Sippenhaft. Er sollte auch keine parteipolitische Sippenhaft kennen.

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