Es gibt Geschichten, bei denen sollte der Bürger besser nicht zu lange nachdenken. Er könnte sonst auf die verwegene Idee kommen, Fragen zu stellen.
Zum Beispiel diese:
Eine Bombardier Global 5000 der Flugbereitschaft der Bundeswehr steht seit dem 11. August auf den Seychellen. Fotografiert wurde die Maschine mit der Kennung 14+03 vom Bundestagsabgeordneten Dr. Malte Kaufmann.
Ein deutscher Regierungsflieger. Auf den Seychellen. Tagelang.
Da könnte man natürlich fragen: Wer ist damit geflogen? Was macht die Maschine dort? Und was kostet uns das?
Aber bitte nicht so hektisch.
Das Verteidigungsministerium hat schließlich eine Erklärung geliefert.
Alles nur Training
Die Maschine sei auf einem Trainingsflug gewesen. Ziel sei La Réunion gewesen. Trainiert werden sollten unter anderem besondere Anflugverfahren und der Flugbetrieb unter tropischen Bedingungen.
Dann habe es ein technisches Problem gegeben und die Maschine sei auf den Seychellen gelandet.
Na also.
Damit wäre doch eigentlich alles geklärt.
Trainingsflug. Technischer Defekt. Seychellen. Ende der Durchsage.
Und Teile des deutschen Qualitätsjournalismus scheinen mit dieser Erklärung ausgesprochen zufrieden zu sein.
Ministerium gefragt.
Antwort bekommen.
Antwort veröffentlicht.
Was soll man denn noch machen? Etwa recherchieren?
Tropische Anflugverfahren
Besonders faszinierend ist die Begründung mit den tropischen Bedingungen.
Deutschland verfügt über moderne Flugsimulatoren, hervorragend ausgebildete Piloten und jahrzehntelange internationale Flugerfahrung.
Aber offenbar gibt es Dinge, die lassen sich nur dort lernen, wo das Thermometer zuverlässig über 25 Grad steigt und das Meer verdächtig türkis aussieht.
Also fliegt man mit einer VIP-Maschine Tausende Kilometer Richtung Indischer Ozean.
Der Steuerzahler darf sich dabei beruhigt zurücklehnen.
Das ist kein Luxus.
Das ist Ausbildung.
Andere Menschen buchen für solche klimatischen Bedingungen Urlaub. Die Bundeswehr nennt es offenbar Training.
Dann blinkte irgendwo ein Lämpchen
Auf dem Weg nach La Réunion soll schließlich ein technisches Problem aufgetreten sein.
Und so landete die Bombardier auf Mahé.
Das kann selbstverständlich passieren. Flugzeuge haben technische Defekte, und bei der Flugsicherheit gibt es aus gutem Grund keine Kompromisse.
Interessant wird es danach.
Denn der Jet stand dort nicht zwei Stunden.
Nicht einen Nachmittag.
Sondern tagelang.
Und damit beginnen jene lästigen Fragen, die man offenbar besser nicht stellen sollte.
- Was genau war defekt?
- Welche Ersatzteile wurden benötigt?
- Wann wurden sie eingeflogen?
- Welche zusätzlichen Kosten entstanden?
- Wie viele Besatzungsmitglieder mussten auf den Seychellen untergebracht werden?
- Was kosten Hotels, Verpflegung und Transporte?
- Und weshalb wurde überhaupt eine derart lange Trainingsstrecke mit einem VIP-Jet gewählt?
Bitte nicht auf die Flugroute schauen
Auch die öffentlich nachvollziehbare Flugbewegung lädt zumindest zu Nachfragen ein.
Von Luxor ging es über die Arabische Halbinsel und den Indischen Ozean Richtung Süden. Schließlich landete die Maschine auf den Seychellen.
Das beweist für sich genommen selbstverständlich überhaupt keinen Skandal.
Aber es liefert einen ausgezeichneten Anlass für Journalismus.
Man könnte beispielsweise Flugroute, ursprünglichen Flugplan, Zeitpunkt der technischen Auffälligkeit und Entscheidung zur Ausweichlandung miteinander vergleichen.
Man könnte beim Verteidigungsministerium nachhaken.
Man könnte sich erklären lassen, warum genau diese Ausbildungsmission notwendig war.
Man könnte sogar nach den Kosten fragen.
Völlig verrückte Ideen.
Wer war an Bord?
Die vielleicht spannendste Frage wurde vom Verteidigungsministerium ebenfalls beantwortet: Nach dessen Darstellung befanden sich keine politischen Passagiere, sondern lediglich Besatzungsmitglieder an Bord.
Dafür gibt es derzeit keinen belastbaren Gegenbeleg.
Und genau deshalb sollte man aus der Geschichte auch keinen geheimen Kanzlerurlaub oder Ministerausflug basteln.
Das wäre Spekulation.
Die tatsächlich bestätigte Geschichte ist schließlich schon bemerkenswert genug:
Eine Maschine der Flugbereitschaft fliegt zu Trainingszwecken Richtung La Réunion, landet wegen eines technischen Problems auf den Seychellen und steht dort anschließend tagelang.
Das reicht vollkommen für einige Fragen.
Was kostet der Spaß?
Besonders interessant wäre eine vollständige Kostenaufstellung.
Nicht irgendeine aus dem Internet zusammengesuchte Zahl pro Flugstunde, sondern die tatsächlichen Kosten dieser Mission:
- Flugbetrieb.
- Treibstoff.
- Personal.
- Übernachtungen.
- Verpflegung.
- Standgebühren.
- Technische Betreuung.
- Ersatzteile.
- Eventuelle zusätzliche Transport- oder Reparaturflüge.
Am Ende könnte der Bürger dann selbst beurteilen, ob diese Ausbildungsmission sinnvoll und wirtschaftlich war.
Das nennt man Transparenz.
Eine gelegentlich etwas unbequeme Erfindung.
Sparen müssen schließlich alle
Der Vorgang bekommt seinen besonderen Charme vor dem Hintergrund der politischen Dauerbeschallung der vergangenen Jahre.
- Deutschland müsse sparen.
- Die Haushalte seien angespannt.
- Die Kommunen hätten kaum Spielraum.
- Infrastruktur müsse priorisiert werden.
- Sozialleistungen seien auf Dauer kaum finanzierbar.
- Und selbstverständlich müsse auch jeder Einzelne seinen Beitrag leisten.
Nur irgendwo zwischen Luxor, La Réunion und den Seychellen scheint die deutsche Sparsamkeit kurz den Funkkontakt verloren zu haben.
Denn wenn tatsächlich ein VIP-Jet Tausende Kilometer für einen Trainingsflug bewegt wird, darf die Frage nach der Wirtschaftlichkeit nicht als Majestätsbeleidigung behandelt werden.
Sie ist selbstverständlich.
Und der Qualitätsjournalismus?
Noch bemerkenswerter als der Flug selbst ist deshalb der Umgang damit.
Die Aufgabe von Journalisten besteht nicht darin, eine Stellungnahme des Ministeriums entgegenzunehmen und anschließend hübsch formatiert weiterzureichen.
Die entscheidenden Fragen beginnen nach der Stellungnahme.
- Warum diese Route?
- Warum diese Maschine?
- Warum dieses Trainingsgebiet?
- Welche Alternativen gab es?
- Was genau ging kaputt?
- Warum dauerte die Reparatur so lange?
Und vor allem:
Was hat die gesamte Veranstaltung den Steuerzahler gekostet?
Das wären Fragen, die eine Regierung beantworten können sollte.
Und die Journalisten stellen sollten.
Vertrauen Sie uns einfach
Vielleicht ist das aber inzwischen das eigentliche Problem.
Der Bürger bekommt eine offizielle Erklärung präsentiert und soll anschließend zufrieden sein.
- Trainingsflug.
- Technischer Defekt.
- Notwendige Zwischenlandung.
- Mehr müssen Sie nicht wissen.
- Bitte weitergehen.
Dabei verlangt niemand eine Verschwörungstheorie.
Ganz im Gegenteil.
Wenn die Darstellung des Verteidigungsministeriums stimmt, lässt sie sich schließlich hervorragend mit Fakten untermauern: Flugauftrag veröffentlichen, Ausbildungszweck erklären, technische Ursache benennen und Kosten offenlegen.
Dann wäre die Sache erledigt.
Bis dahin bleibt eine ziemlich bemerkenswerte Geschichte:
Während Deutschland über Haushaltslöcher, Sparzwänge und steigende Belastungen diskutiert, steht eine Bombardier der Flugbereitschaft tagelang auf den Seychellen.
Natürlich nur dienstlich.
Natürlich nur Training.
Natürlich wegen eines technischen Defekts.
Und selbstverständlich darf jeder Bürger daran glauben.
Er sollte nur besser keine unnötigen Fragen stellen.
#Seychellen #Regierungsflieger #Flugbereitschaft #Bundeswehr #Steuergeld #Transparenz