Polen protestiert gegen Bandera. Deutschland schaut natürlich weg.

Während in Deutschland nahezu ausschließlich über weitere Waffenlieferungen, Milliardenhilfen und den Wiederaufbau der Ukraine diskutiert wird, gehen in Polen erneut Menschen auf die Straße. Sie protestieren gegen die Verherrlichung von Stepan Bandera sowie der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) und der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA).

Auf Transparenten ist von einem „ukrainischen Völkermord am polnischen Volk“ die Rede. Gezeigt werden historische Fotografien der Opfer der Massaker in Wolhynien und Ostgalizien. Auf T-Shirts ist zu lesen: „Ein Bandera-Anhänger wird nie mein Bruder sein.“

Diese Proteste kommen nicht aus dem Nichts. Die Massaker an der polnischen Zivilbevölkerung in den Jahren 1943 bis 1945 gehören bis heute zu den tiefsten historischen Wunden Polens. Das polnische Parlament bezeichnet die Verbrechen als Völkermord. Entsprechend sensibel reagiert die polnische Öffentlichkeit, wenn Persönlichkeiten oder Organisationen, die mit diesen Ereignissen in Verbindung stehen, in Teilen der Ukraine geehrt werden.

Bemerkenswert ist dabei ein offensichtlicher Widerspruch: Polen gehört zu den entschiedensten Unterstützern der Ukraine im Krieg gegen Russland. Gleichzeitig lehnt ein erheblicher Teil der polnischen Gesellschaft jede Form der Verherrlichung von Bandera und der UPA entschieden ab. Für viele Polen endet Solidarität dort, wo historische Verbrechen relativiert oder verdrängt werden.

In Deutschland wird diese Debatte dagegen nur am Rande wahrgenommen. Der politische und mediale Fokus liegt fast ausschließlich auf der militärischen und finanziellen Unterstützung der Ukraine. Die schwierige gemeinsame Geschichte Polens und der Ukraine findet dagegen vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit.

Das wirft Fragen auf. Kann eine enge Partnerschaft dauerhaft funktionieren, wenn historische Konflikte unausgesprochen bleiben? Sollte die Europäische Union von einem Beitrittskandidaten erwarten, sich kritisch mit allen Teilen seiner Geschichte auseinanderzusetzen? Und gehört zur Solidarität nicht auch die Bereitschaft, unbequeme Themen offen anzusprechen?

Aus Sicht der Kritiker wäre genau das notwendig. Sie vertreten die Auffassung, dass eine glaubwürdige europäische Wertegemeinschaft historische Verantwortung nicht selektiv behandeln dürfe. Wer Aufarbeitung von anderen einfordert, müsse sie auch gegenüber Partnerstaaten erwarten.

Ob die anhaltenden Proteste in Polen langfristig Auswirkungen auf die europäische Ukraine-Politik haben werden, bleibt offen. Sie zeigen jedoch, dass es innerhalb Europas durchaus unterschiedliche Sichtweisen auf die Ukraine gibt. Während in Berlin vor allem sicherheits- und außenpolitische Aspekte im Vordergrund stehen, erinnern viele Polen daran, dass historische Versöhnung nur auf der Grundlage einer ehrlichen Aufarbeitung gelingen kann.

Die Demonstrationen in Warschau sind deshalb weit mehr als ein innenpolitisches Ereignis. Sie sind ein Hinweis darauf, dass die Unterstützung der Ukraine in Europa nicht zwangsläufig bedeutet, auf jede historische oder politische Kritik zu verzichten.

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