Die Aufregung um die traditionsreiche Marke Simson zeigt, wohin wir uns inzwischen bewegen.
Weil die Nachfahren der Gründerfamilie sich gegen eine politische Vereinnahmung ihrer Familiengeschichte durch die AfD wenden, entsteht beinahe der Eindruck, als müssten künftig nicht nur Parteien, sondern auch deren Mitglieder vor jedem Einkauf eine politische Unbedenklichkeitsprüfung absolvieren.
Die logische Frage lautet daher:
Darf ein AfD-Mitglied überhaupt noch Simson fahren?
Und wenn nicht…
…darf es dann wenigstens Adidas-Turnschuhe tragen?
Oder ein Lacoste-Poloshirt?
Eine Ray-Ban-Sonnenbrille?
Eine Swatch-Uhr?
Oder muss künftig zunächst die komplette Eigentümerstruktur des Unternehmens, die Familiengeschichte sämtlicher Gründer, die Parteibücher ehemaliger Vorstände und die politischen Ansichten aller Nachfahren bis ins Jahr 1850 überprüft werden?
Man stelle sich diesen Irrsinn einmal praktisch vor.
Ein AfD-Mitglied möchte lediglich ein Paar Schuhe kaufen.
Der Verkäufer hält ihn zurück.
„Moment! Wir müssen erst prüfen, ob der Großneffe des Firmengründers irgendwann einmal einen offenen Brief unterschrieben hat.“
Beim Kauf eines Poloshirts wird vorsichtshalber die Unternehmensgeschichte durchforstet.
Vor der Sonnenbrille erfolgt eine moralische Risikoanalyse.
Und bei der Armbanduhr verlangt die Verkäuferin einen Nachweis, dass sich niemals ein Verwaltungsratsmitglied politisch missverständlich geäußert hat.
Vielleicht braucht Deutschland tatsächlich eine neue Bundesbehörde.
Das Bundesamt für markenpolitische Gesinnungsprüfung.
Dort wird dann jede Zahnbürste, jede Jeans und jeder Turnschuh ideologisch zertifiziert.
Grün bedeutet:
„Politisch unbelastet.“
Gelb:
„Ein entfernter Verwandter des Firmengründers kandidierte 1978 einmal für den Gemeinderat.“
Rot:
„Benutzung nur für moralisch geprüfte Bürger.“
Natürlich hat jede Familie das Recht, sich öffentlich von Parteien zu distanzieren. Ebenso darf jeder Markeninhaber erklären, wofür seine Marke stehen soll.
Aber daraus abzuleiten, bestimmte Menschen dürften bestimmte Alltagsgegenstände faktisch nicht mehr nutzen, führt die Debatte in eine bemerkenswert absurde Richtung.
Produkte sind keine Parteibücher.
Ein Moped ist zunächst ein Moped.
Ein Turnschuh bleibt ein Turnschuh.
Eine Sonnenbrille schützt vor der Sonne und keine Armbanduhr fragt ihren Träger nach dem Wahlzettel.
Vielleicht wäre das eine ganz vernünftige Erkenntnis in einer Zeit, in der immer mehr Menschen glauben, selbst der Inhalt eines Kleiderschranks müsse inzwischen erst den ideologischen TÜV bestehen.
Denn wenn nach Simson irgendwann auch Schuhe, Uhren, Brillen und Poloshirts nur noch nach politischer Genehmigung getragen werden dürfen, ist nicht mehr der Konsument das Problem.
Dann hat sich die politische Debatte endgültig in den Kleiderschrank verirrt.
Gerade die deutsche Geschichte lehrt, wie gefährlich es ist, Menschen nicht mehr als Individuen zu betrachten, sondern sie aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Überzeugungen oder ihrer Zugehörigkeit zu einer Gruppe pauschal auszugrenzen. Die historischen Umstände und das Ausmaß der Verbrechen des Nationalsozialismus sind einzigartig und dürfen nicht gleichgesetzt werden. Die Lehre daraus ist jedoch zeitlos: Eine freie Gesellschaft sollte Menschen nach ihrem Handeln beurteilen und nicht danach, welcher politischen Richtung sie zugerechnet werden.
Aber ach Gottchen… woher soll ein Amerikaner die Feinheiten der deutschen Erinnerungskultur schon kennen? Wer ausgerechnet im Namen der Geschichte neue politische Trennlinien zieht und Menschen pauschal nach ihrer Parteizugehörigkeit bewertet, vermittelt jedenfalls nicht den Eindruck, die historischen Lehren besonders tief verinnerlicht zu haben.
Bemerkenswert ist allerdings die selektive Empörung. Wer anderen politische Nähe zu fragwürdigen Akteuren vorwirft, sollte den Blick vielleicht auch auf jene westlichen Regierungen richten, die seit Jahren enge Beziehungen zu autoritären oder demokratisch umstrittenen Staats- und Regierungschefs sowie strategischen Partnern im Nahen Osten pflegen. Außenpolitik war selten ein moralischer Schönheitswettbewerb.
Die Nähe von Merz zu einem ukrainischen Diktator, einem syrischen Halsabschneider, einem despotischen Warlord in Amerika und der nähe zu den saudiarabischen Menschenfreunden, scheinen Herrn Baum jedoch kaum zu interessieren. Die politische Moral endet offenbar dort, wo sie für die eigene Seite unbequem wird. Wer Glaubwürdigkeit beansprucht, sollte dieselben Maßstäbe an alle politischen Lager anlegen und nicht nur an jene, die man ohnehin ablehnt.










