Risse im Beton – Die große Brandmauer bekommt plötzlich Zugluft

Es muss ein furchtbarer Moment gewesen sein. Irgendwo im politischen Berlin saßen hektisch einige Strategen mit Espresso, Moralkeule und „Unsere Demokratie“-Sticker zusammen – und plötzlich machte es knack. Nicht laut. Eher so wie bei einer schlecht verputzten Altbauwand kurz vor dem Feuchtigkeitsschaden.

Die legendäre „Brandmauer“ bekam Risse.

Ausgerechnet im Wirtschaftsausschuss. Ausgerechnet bei einer geheimen Wahl. Ausgerechnet dort, wo offenbar mehrere CDU-Abgeordnete plötzlich eine spontane Begegnung mit demokratischer Mathematik hatten. Denn der AfD-Kandidat Malte Kaufmann erhielt 16 Stimmen, obwohl die AfD dort nur zehn Sitze besitzt. Selbst politische Grundschüler erkennen: Da muss jemand fremdgegangen sein.

Die Reaktion im linken Erregungsbiotop folgte prompt. Schnappatmung. Alarmrufe. Empörung. Der Grünen-Politiker Michael Kellner vermutete sogar, fast die Hälfte der CDU im Ausschuss habe für den AfD-Kandidaten gestimmt.

Fast konnte man das Geräusch hören:
„Nein! Nicht die geheime Abstimmung! Das war doch nur für die Demokratie gedacht – nicht für unerlaubte Gedanken!“

Jahrelang wurde die sogenannte Brandmauer wie eine heilige Reliquie behandelt. Sie war kein politisches Instrument mehr, sondern eine Ersatzreligion. Wer sie infrage stellte, galt ungefähr als Mischung aus Staatsfeind, Ketzer und jemand, der im Bioladen Plastiktüten benutzt.

Doch jetzt passiert etwas Grausames:
Die Realität stimmt nicht mehr mit der Inszenierung überein.

Denn irgendwann wird selbst dem letzten Hinterbänkler klar, dass man Millionen Wähler nicht dauerhaft behandeln kann wie ungebetene Gäste auf einer Gartenparty der Moralelite. Irgendwann reicht das permanente „Mit denen spricht man nicht!“ einfach nicht mehr aus, wenn die Wahlergebnisse weiter steigen und die politische Landschaft sich verändert.

Die eigentliche Satire liegt allerdings woanders.

Die gleichen Parteien, die jahrelang erklärten, Demokratie bedeute Vielfalt, Offenheit und Debatte, reagieren inzwischen auf abweichende Mehrheiten ungefähr so wie mittelalterliche Mönche auf Hexerei. Sobald irgendwo ein Antrag mit den „falschen Stimmen“ beschlossen wird, bricht sofort politische Endzeitstimmung aus. In Sachsen genügte bereits eine Abstimmung gemeinsam mit AfD und BSW, um hysterische Debatten über den Untergang der Republik auszulösen.

„Hilfe, die Demokratie hat abgestimmt!“ – treffender konnte man den Zustand kaum beschreiben.

Und währenddessen sitzen manche CDU-Politiker offenbar längst mit Presslufthammer und Schutzhelm an der Brandmauer und fragen sich heimlich:
„Wie lange soll dieser Zirkus eigentlich noch weitergehen?“

Das Faszinierende ist dabei die Verzweiflung der letzten Mauerschützer. Sie wirken mittlerweile wie Menschen, die mit Tesafilm versuchen, einen einstürzenden Staudamm aufzuhalten. Jede Abstimmung. Jeder kleine Tabubruch. Jeder Handschlag. Jede Sachfrage wird inzwischen behandelt wie der Untergang Pompejis.

Doch Geschichte interessiert sich selten für moralische Schlagworte.

Geschichte interessiert sich für Machtverschiebungen.

Und genau deshalb wird die Brandmauer-Debatte zunehmend grotesk. Denn während Funktionäre und Talkshow-Dauergäste weiterhin so tun, als könne man politische Entwicklungen durch empörte Hashtags stoppen, verändert sich die politische Realität längst unter ihren Füßen.

Vielleicht ist das der eigentliche Horror für die selbsternannten Hüter der Demokratie:
Nicht, dass die Mauer fällt.

Sondern dass draußen offenbar viel mehr Menschen stehen als gedacht – und drinnen langsam die ersten anfangen, die Tür zu öffnen.


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