Deutschland steckt tief in der Krise. Die Wirtschaft schwächelt, Unternehmen wandern ab, Energiepreise explodieren, die Infrastruktur verfällt und das Vertrauen vieler Bürger in die Politik sinkt rapide. Doch wer nun glaubt, die politische Führung würde selbstkritisch Bilanz ziehen, der kennt das moderne Berlin schlecht.
Denn der Bundeskanzler sprach jüngst von „erheblichen Erkenntnisproblemen“ in der deutschen Bevölkerung. Eine Formulierung, die man erst einmal wirken lassen muss. Übersetzt in normales Deutsch bedeutet das ungefähr: Das Volk versteht einfach nicht, wie großartig diese Politik eigentlich ist.
Mit anderen Worten:
Nicht die Regierung macht Fehler – der Bürger denkt falsch.
Das ist bemerkenswert. Da erleben Menschen tagtäglich die Realität dieses Landes:
verspätete Züge, marode Straßen, explodierende Lebenshaltungskosten, überforderte Behörden, Lehrermangel, Wohnungsnot, Unsicherheit auf den Straßen und eine Wirtschaft, die zunehmend auf Talfahrt geht. Aber statt sich zu fragen, warum immer mehr Menschen unzufrieden sind, diagnostiziert man dem eigenen Volk lieber ein „Erkenntnisproblem“.
Vielleicht versteht der Bürger einfach nicht die Genialität dieser Politik.
Vielleicht begreift er nicht, warum Deutschland seine funktionierenden Kraftwerke abschaltet, während gleichzeitig Strompreise steigen und Kohlekraftwerke weiterlaufen. Vielleicht erkennt der Durchschnittsbürger einfach nicht die höhere Logik dahinter, Millionen Menschen ins Land zu holen, obwohl Wohnraum, Schulen und Kommunen längst überlastet sind. Vielleicht fehlt ihm schlicht die intellektuelle Tiefe, um nachzuvollziehen, warum ein Land mit Rekordsteuereinnahmen trotzdem überall spart – außer bei ideologischen Prestigeprojekten.
Ja, möglicherweise liegt das Problem tatsächlich beim Volk:
Es erlebt die Realität noch selbst.
Und genau das scheint zunehmend störend zu wirken.
Der moderne Politikstil basiert längst nicht mehr darauf, Bürger zu überzeugen. Heute werden Bürger „eingeordnet“, „sensibilisiert“, „mitgenommen“ oder eben als Menschen mit „Erkenntnisproblemen“ beschrieben. Früher sprach man von mündigen Bürgern. Heute eher von betreuungsbedürftigen Störfaktoren im demokratischen Prozess.
Dabei wäre etwas mehr Demut durchaus angebracht.
Denn dieselbe politische Klasse, die dem Bürger mangelnde Erkenntnisfähigkeit unterstellt, lag in den vergangenen Jahren bei erstaunlich vielen Themen spektakulär daneben:
bei der Energiepolitik,
bei der Migrationspolitik,
bei der Einschätzung Russlands,
bei der Inflation,
beim Wohnungsbau,
bei der Digitalisierung,
bei der Bundeswehr,
und nicht zuletzt bei der wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands.
Doch statt Fehler einzugestehen, erklärt man lieber die Wahrnehmung der Bevölkerung zum Problem. Das ist bequem. Denn wenn der Bürger grundsätzlich falsch liegt, muss die Politik niemals Verantwortung übernehmen.
Es entsteht der Eindruck einer politischen Elite, die sich immer weiter vom Alltag der Menschen entfernt hat. Einer Klasse von Berufspolitikern, Beratern und Funktionären, die in Talkshows erklärt, warum alles alternativlos sei, während draußen die Realität längst eine andere Sprache spricht.
Vielleicht erleben wir deshalb gerade nicht nur eine wirtschaftliche oder gesellschaftliche Krise, sondern vor allem eine Vertrauenskrise. Viele Menschen haben zunehmend das Gefühl, dass ihre Sorgen nicht ernst genommen, sondern psychologisiert oder moralisch abgekanzelt werden.
Und genau hier liegt die eigentliche Gefahr.
Denn Demokratien leben davon, dass Regierende den Bürger respektieren – auch dann, wenn dieser unbequem wird. Wer jedoch beginnt, Kritik pauschal als Ausdruck mangelnder „Erkenntnis“ abzutun, verlässt gefährlich schnell den Boden demokratischer Bodenhaftung.
Am Ende könnte sich herausstellen, dass nicht das Volk die großen Erkenntnisprobleme hat.












