Europas große Klatschorgie – Merkel, die EU und die Rückkehr der Jubelbrigaden

Angela Merkel sollte geehrt werden. Feierlich. Würdevoll. Historisch bedeutend. So jedenfalls hatte man sich das offenbar in den gläsernen Machtfluren der Europäischen Union vorgestellt. Eine Altkanzlerin wird dekoriert, die Kameras laufen, die Funktionäre lächeln staatsmännisch – und im Hintergrund applaudiert ein ehrfürchtiges Publikum.

Blöd nur, wenn das Publikum plötzlich fehlt.

Denn zahlreiche Parlamentarier boykottierten die Veranstaltung demonstrativ. Leere Sitze dort, wo eigentlich Zustimmung, Ehrfurcht und europäische Harmonie inszeniert werden sollten. Und genau an diesem Punkt wird die ganze Veranstaltung endgültig zur politischen Realsatire.

Denn laut mehreren Berichten sollen die freien Plätze kurzerhand mit „Ersatzpublikum“ aufgefüllt worden sein. Anders formuliert: Die EU soll sich ihre eigene Begeisterung organisiert haben.

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen.

Gewählte Volksvertreter bleiben aus Protest fern – und stattdessen wird offenbar eine Art moderne Jubelbrigade zusammengesucht, damit die Fernsehbilder bloß nicht nach Ablehnung aussehen. Genau jene Art künstlicher Begeisterung also, die man früher aus sozialistischen Staatsaufmärschen kannte.

Die Älteren erinnern sich noch: In der DDR standen die sorgfältig ausgewählten Klatschkolonnen entlang der Straßen, wenn die Parteiführung vorbeifuhr. Fähnchen schwenken, lächeln, applaudieren. Alles geschniegelt. Alles organisiert. Alles künstlich. Nicht spontane Zustimmung war gefragt, sondern optische Disziplin.

Und plötzlich wirkt Straßburg erschreckend vertraut.

Natürlich nennt man das heute nicht mehr „Jubelbrigade“. Das klingt zu ehrlich. Heute heißt das vermutlich „spontanes zivilgesellschaftliches Interesse“ oder „demokratische Teilhabe“. Der Mechanismus bleibt derselbe: Die Realität passt nicht ins Bild – also baut man sich ein neues Bild.

Vielleicht gab es hinter den Kulissen sogar kurze Instruktionen:

„Bitte kräftig klatschen, wenn von europäischen Werten die Rede ist. Betreten schauen, falls jemand die Energiepolitik erwähnt. Und bei 2015 bitte sofort Standing Ovations.“

Das eigentlich Bemerkenswerte ist jedoch die panische Angst vor sichtbarer Ablehnung. Denn die leeren Sitze wären ein demokratisches Symbol gewesen. Keine Randale. Kein Geschrei. Keine Eskalation. Einfach nur Abwesenheit. Ein stilles, aber deutliches Signal: „Wir tragen diesen Personenkult nicht mit.“

Doch genau diese Bilder scheinen unerträglich geworden zu sein.

Denn Angela Merkel polarisiert längst massiv. Während sie in Brüssel mit Orden behängt wird, verbinden Millionen Bürger ihren Namen mit Kontrollverlust, Masseneinwanderung, explodierenden Energiekosten, wirtschaftlichem Niedergang und einer politischen Kultur, in der Kritik zunehmend als Störung behandelt wird.

Aber anstatt sich dieser Realität zu stellen, organisiert man offenbar lieber eine dekorative Applauskulisse. Hauptsache, die Kameraperspektive stimmt.

Und damit schließt sich ein bemerkenswerter Kreis der Geschichte: Früher standen Jubelbrigaden für Systeme, die ihre Zustimmung künstlich erzeugen mussten, weil die echte Begeisterung längst verschwunden war.

Wenn das heute wieder notwendig wird, dann ist das vielleicht die bitterste Pointe dieser ganzen Merkel-Ehrung.


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