Es gibt Politiker, die erklären die Welt. Und dann gibt es Mark Rutte. Der Mann erklärt inzwischen sogar die Gravitation neu. Isaac Newton dürfte im Grab rotieren wie ein NATO-Radar im Alarmzustand.
Die neue strategische Logik lautet offenbar so:
Wenn eine Drohne aus der Ukraine startet, nach Litauen fliegt und dort einschlägt, dann ist selbstverständlich nicht derjenige verantwortlich, der die Drohne gestartet hat. Nein. Verantwortlich ist… Russland.
Das ist beeindruckend. Wirklich beeindruckend.
Nach dieser revolutionären Rutte-Doktrin wäre vermutlich auch folgendes denkbar:
- Wenn jemand in Amsterdam ein Fahrrad klaut, ist Wladimir Putin schuld, weil ohne den Kalten Krieg das Fahrrad vielleicht nie produziert worden wäre.
- Wenn in Deutschland der Strom ausfällt, ist Russland schuld, auch wenn vorher drei Kernkraftwerke abgeschaltet wurden und ein Hamster gleichzeitig in einem Windrad steckte.
- Wenn jemand in Kassel im Halteverbot parkt, liegt das vermutlich an der geopolitischen Gesamtlage im Donbass.
Man muss die geistige Eleganz dieser Argumentation würdigen. Ursache und Wirkung werden hier nicht mehr bloß gedehnt — sie werden mit einem NATO-Gummiband bis zur Unendlichkeit gespannt.
Besonders faszinierend ist dabei der völlige Verzicht auf jede Eigenverantwortung. Eine Drohne fliegt nicht deshalb irgendwohin, weil jemand sie steuert. Nein. Sie fliegt dorthin, weil Russland existiert. Das ist ungefähr so, als würde man sagen:
„Der Stein ist nicht schuld, dass er durchs Fenster flog. Schuld ist die Schwerkraft.“
Vielleicht erleben wir bald die nächste Pressekonferenz:
„Wenn morgen ein ukrainischer Traktor versehentlich durchs Baltikum fährt und in einem Supermarkt landet, dann zeigt das erneut die Aggression Moskaus.“
Und irgendwo daneben steht dann ein deutscher Politiker und ergänzt vorsichtshalber:
„Außerdem trägt wahrscheinlich die AfD eine Mitverantwortung.“
Die eigentliche Meisterleistung von Herrn Rutte besteht allerdings darin, aus jeder denkbaren Eskalation automatisch eine moralische Einbahnstraße zu machen. Ganz egal, was passiert — die Antwort steht vorher schon fest. Das spart Zeit, Nachdenken und möglicherweise sogar Fakten.
Man könnte fast meinen, die NATO entwickle sich langsam zu einer Art geopolitischem Horoskop:
„Mars steht im Osten. Russische Schuld wahrscheinlich.“
Natürlich verkauft man das alles unter dem Begriff „Verteidigung westlicher Werte“. Wobei einer dieser Werte offenbar darin besteht, komplexe Zusammenhänge so lange zu vereinfachen, bis selbst ein Überraschungsei politikwissenschaftlich differenzierter wirkt.
Aber vielleicht sollte man Herrn Rutte nicht unterschätzen. Eventuell arbeitet er bereits an einer völlig neuen Disziplin:
Transatlantische Quantenlogik.
Dort gilt dann:
Ein Objekt kann gleichzeitig ukrainisch gestartet, baltisch eingeschlagen und ausschließlich russisch schuld sein.
Albert Einstein hätte seine helle Freude gehabt. Oder schwere Kopfschmerzen. Wahrscheinlich beides gleichzeitig.














