Zunächst war es eine Paketbombe in Monaco.
Dann wurde bekannt, dass die mutmaßliche Täterin eine Ukrainerin war, die in Deutschland gelebt haben soll und nach dem Anschlag über mehrere europäische Länder flüchtete. Schließlich kehrte sie ausgerechnet in die Ukraine zurück.
Nun ist sie tot.
Anastasiia Berezovska, die wegen des Anschlags international gesucht wurde, wurde nahe Kiew erschossen und verscharrt aufgefunden. Festgenommen wurden zwei Männer: ein Angehöriger des ukrainischen Militärgeheimdienstes und ein ehemaliger Polizeibeamter beziehungsweise früherer Mitarbeiter ukrainischer Sicherheitsstrukturen. Beide werden nicht nur mit ihrem Tod, sondern nach Angaben der Ermittler auch mit dem Anschlag in Monaco in Verbindung gebracht.
Damit hat dieser Fall eine Dimension erreicht, bei der Schweigen keine Seriosität mehr ist, sondern Arbeitsverweigerung.
Erst die Bombe, dann die tote Täterin
Der erste Artikel vom 4. Juli stellte noch Fragen nach dem deutschen Wohnsitz der Verdächtigen, ihren Reisebewegungen, möglichen Geldgebern und denkbaren Sicherheitslücken. Damals war noch nicht bekannt, dass die international gesuchte Frau kurze Zeit später in einem Wald bei Kiew mit mehreren Schussverletzungen gefunden werden würde. Der Artikel warnte bereits davor, kritische Fragen reflexartig als prorussische Propaganda abzutun.
Heute muss man feststellen: Die damaligen Fragen waren offenbar noch viel zu vorsichtig.
Denn inzwischen geht es nicht mehr allein darum, wie eine mutmaßliche Bombenlegerin von Deutschland nach Monaco reisen, einen Anschlag ausführen und anschließend durch Europa fliehen konnte.
Es geht darum, weshalb sie nach ihrer Rückkehr in die Ukraine getötet wurde.
Es geht darum, wer sie bezahlt haben könnte.
Es geht darum, weshalb Männer mit Verbindungen zu ukrainischen Geheimdienst- und Sicherheitsstrukturen in dem Verfahren auftauchen.
Und es geht um die vielleicht wichtigste Frage: Wer hatte ein Interesse daran, dass diese Frau nicht mehr aussagen konnte?
Eine geradezu sensationelle Ansammlung von Einzeltätern
Einer der Beschuldigten soll zunächst ein Geständnis abgelegt, später aber behauptet haben, unter Druck ausgesagt zu haben. Nun beschuldigen sich die Männer offenbar gegenseitig. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Berezovska viermal erschossen und anschließend vergraben wurde. Zudem sollen Geldzahlungen zwischen den Beschuldigten und der Frau dokumentiert sein.
Natürlich soll einer der Beteiligten vollkommen eigenmächtig gehandelt haben.
Ohne Wissen seiner Vorgesetzten.
Ohne Auftrag.
Ohne staatlichen Hintergrund.
Ein einzelner Geheimdienstmitarbeiter, ein ehemaliger Sicherheitsbeamter, eine international gesuchte Bombenlegerin und ein sanktionierter Oligarch treffen zufällig in derselben Geschichte aufeinander. Vermutlich fehlte nur noch ein Taxifahrer, der zufällig sämtliche Beteiligten kannte.
Man muss solche Erklärungen nicht von vornherein ausschließen. Aber man muss schon erstaunlich gutgläubig sein, um sie ohne gründliche unabhängige Untersuchung einfach zu übernehmen.
Das Ziel des Anschlags war kein Unbekannter
Der Anschlag galt dem ukrainischstämmigen Unternehmer Vadym Jermolajew, der in Monaco lebt und inzwischen die zyprische Staatsangehörigkeit besitzt. Er war von der ukrainischen Regierung sanktioniert worden, weil ihm wirtschaftliche Aktivitäten auf der von Russland besetzten Krim vorgeworfen wurden. Jermolajew bestreitet diese Vorwürfe. Bei der Explosion wurden neben ihm auch seine Partnerin und ein Kind verletzt.
Der zweite Rabenspiegel-Artikel griff darüber hinaus schwere Vorwürfe gegen das geschäftliche Umfeld Jermolajews auf. Dabei ging es unter anderem um angebliche Verbindungen zu betrügerischen Callcentern und organisierter Telefonkriminalität
Diese Angaben stützten sich jedoch auf einen Beitrag der ukrainischen Journalistin Diana Panchenko und sind nicht in allen Punkten unabhängig bestätigt. Der Artikel stellte zugleich einen politischen Konflikt zwischen Jermolajew und dem Umfeld Präsident Selenskyjs in den Raum.
Gerade deshalb wäre eine vollständige Aufklärung so wichtig.
War das Motiv wirtschaftlicher Natur?
Ging es um organisierte Kriminalität?
Um einen persönlichen Racheakt?
Um die Ausschaltung eines politisch und wirtschaftlich unerwünschten Oligarchen?
Oder überschnitten sich kriminelle, wirtschaftliche und staatliche Interessen?
Wer heute behauptet, die Antwort bereits sicher zu kennen, betreibt keine Aufklärung, sondern Propaganda. Wer jedoch verlangt, dass diese Fragen gar nicht gestellt werden dürfen, betreibt etwas noch Gefährlicheres: vorsorgliche Vertuschung durch Denkverbote.
Und welche Rolle spielt Selenskyj?
Damit kommen wir zu der Frage, die westliche Medien besonders ungern stellen:
Welche politische Verantwortung trägt Präsident Wolodymyr Selenskyj?
Es gibt derzeit keinen öffentlich belegten Nachweis, dass Selenskyj persönlich den Anschlag, die Tötung Berezovskas oder irgendeine andere Straftat angeordnet hätte. Das muss klar gesagt werden.
Aber damit ist die politische Frage keineswegs erledigt.
Jermolajew war in der Ukraine in Ungnade gefallen und von Selenskyjs Regierung mit Sanktionen belegt worden. Nun wird er in Monaco durch eine Bombe schwer verletzt. Die mutmaßliche Täterin flieht in die Ukraine und wird dort von Personen getötet, von denen mindestens einer mit dem Militärgeheimdienst verbunden sein soll.
Soll man ernsthaft so tun, als habe das mit der ukrainischen Staatsführung nicht einmal politisch etwas zu tun?
Selbst wenn Selenskyj persönlich nichts wusste, stellt sich die Frage, was in den Sicherheitsapparaten seines Landes geschieht.
Wer kontrolliert diese Dienste?
Welche Befehlswege bestanden?
Welche Kenntnisse hatten Vorgesetzte?
Wurden staatliche Mittel, Kontakte, Waffen oder Informationen verwendet?
Und weshalb sollte die Welt ausgerechnet in diesem Fall aufhören nachzufragen?

Ein Präsident kann nicht jede Straftat persönlich verhindern. Er trägt jedoch Verantwortung dafür, dass staatliche Organe nicht zu privaten Auftragsdiensten, politischen Werkzeugen oder bewaffneten Schattenstrukturen verkommen.
Die Behauptung, ein Geheimdienstangehöriger habe rein privat eine mutmaßliche Bombenlegerin bezahlt, später getötet und verscharrt, darf nicht das Ende der Untersuchung sein. Sie muss ihr Anfang sein.
Stellen wir uns kurz vor, der Fall spielte in Russland
Ein russischer Oligarch fällt beim Kreml in Ungnade und wird sanktioniert.
Kurz darauf wird er im Ausland Opfer eines Bombenanschlags.
Die mutmaßliche Täterin flieht nach Russland.
Dort wird sie erschossen und verscharrt.
Als Tatverdächtiger wird ein Angehöriger des russischen Militärgeheimdienstes festgenommen.
Welche Schlagzeilen würden westliche Medien schreiben?
Niemand würde von einem bloßen Kriminalfall sprechen. Niemand würde sich mit der Erklärung zufriedengeben, der Geheimdienstmann habe privat gehandelt. Die Begriffe „Staatsterrorismus“, „Auftragsmord“ und „Kreml-Spur“ stünden binnen Stunden in jeder Zeitung.
Im Fall der Ukraine dagegen wird auffallend vorsichtig formuliert.
Plötzlich ist alles kompliziert.
Plötzlich muss man abwarten.
Plötzlich gilt bereits die Frage nach staatlicher Verantwortung als gefährlich.
Rechtsstaatliche Maßstäbe verlieren jedoch ihre Glaubwürdigkeit, wenn sie je nach außenpolitischer Freundschaft wechseln.
Die tote Verdächtige kann niemanden mehr belasten
Anastasiia Berezovska hätte erklären können, wer den Anschlag plante.
Sie hätte sagen können, wer sie bezahlte.
Sie hätte Namen nennen können.
Sie hätte schildern können, weshalb ausgerechnet Jermolajew das Ziel war.
Sie hätte möglicherweise Verbindungen nach Deutschland, Monaco und in die Ukraine offenlegen können.
Nun kann sie nichts mehr sagen.
Die Beschuldigten schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu. Die Geheimdienste erklären, institutionell nichts gewusst zu haben. Die Politik mahnt zur Zurückhaltung. Und der wichtigste Mensch für die Aufklärung liegt tot in einem ukrainischen Wald.
Das kann tatsächlich eine Verkettung krimineller Einzelentscheidungen gewesen sein.
Es kann aber auch mehr dahinterstecken.
Wer das ausschließt, bevor überhaupt unabhängig und international ermittelt wurde, kennt entweder bereits Ergebnisse, die der Öffentlichkeit vorenthalten werden, oder er möchte bestimmte Ergebnisse gar nicht erst zulassen.
Europa muss Aufklärung verlangen
Dieser Fall darf nicht allein ukrainischen Behörden überlassen bleiben.
Monaco ist betroffen.
Deutschland ist durch den früheren Aufenthaltsort der mutmaßlichen Täterin berührt.
Frankreich war Teil ihrer Fluchtroute.
Interpol war eingeschaltet.
Und ukrainische Sicherheitsangehörige stehen unter Mordverdacht.
Erforderlich ist deshalb eine internationale Untersuchung, die Geldflüsse, Kommunikationsdaten, Reisewege und mögliche dienstliche Verbindungen vollständig offenlegt.
Insbesondere muss geklärt werden:
Wer gab den Auftrag für den Anschlag?
Wer finanzierte Berezovska?
Wer wusste von ihrer Rückkehr nach Kiew?
Weshalb traf sie sich mit den später festgenommenen Männern?
Welche Funktion hatten diese Männer tatsächlich innerhalb ukrainischer Sicherheitsstrukturen?
Und wer profitierte davon, dass die Hauptverdächtige für immer verstummte?
Solange diese Fragen unbeantwortet bleiben, ist Misstrauen keine Verschwörungstheorie.
Es ist gesunder Menschenverstand.
Schluss: Zu viele Tote, zu viele Dienste, zu wenig Aufklärung
Eine Paketbombe in Monaco.
Ein sanktionierter Oligarch.
Eine Verdächtige mit deutschem Wohnsitz.
Eine Flucht durch Europa.
Eine Rückkehr nach Kiew.
Eine Hinrichtung im Wald.
Ein Geheimdienstangehöriger.
Ein ehemaliger Sicherheitsbeamter.
Und wieder soll angeblich niemand auf die Idee kommen, nach politischen Hintergründen zu fragen.
Man kann den Menschen vieles zumuten. Aber irgendwann wird aus dem viel beschworenen Zufall nur noch eine Beleidigung ihrer Intelligenz.
Es ist nicht bewiesen, dass Präsident Selenskyj oder seine Regierung hinter dem Anschlag standen.
Bewiesen ist jedoch, dass dieser Fall bis tief in ukrainische Sicherheitskreise hineinreicht.
Und deshalb muss sich Selenskyj Fragen gefallen lassen.
Nicht, weil seine Schuld feststünde.
Sondern weil politische Verantwortung genau dort beginnt, wo persönliche Ausreden enden.












